Alter Unsere teuren Alten. Wir.

Was hilft gegen Falten und den Krieg der Generationen: Liebe? Hormoncreme? Sozialreform? Eine Suche nach frischen Ideen

Ungläubig. Wütend, hilflos, ergeben. Lachend. Verzweifelt, entschlossen, ironisch klagend – oder aufbegehrend, alles verleugnend: Es scheint, als könne das drohende Alter in den Menschen einen geradezu jugendlich anmutenden Sturm von Reaktionen entfachen, und das ist noch das Freundlichste, was sich zu einem Zustand sagen lässt, der einzigartig ist in seiner Unausweichlichkeit. Es sei denn, man stürbe jung, wer will das schon.

Es passiert hinterrücks. „Plötzlich entdeckt man“, schreibt Simone de Beauvoir im Jahr 1979, „dass der Weg nirgendwohin führt, außer zum Grab.“ Man sieht so müde aus, schon am Morgen. Es ist der schönste Tag, da streift uns der Blick eines Gegenübers – und zieht weiter, als wäre da nichts. Oder so: Das Kind fragt, ob man denn schon mal von Tom Jones gehört habe, und man fühlt es, jetzt keine Schwärmereien von früher. Von damals, als man jung war, als nur andere alt wurden. Das Altwerden erschien damals als Nachlässigkeit. Als sei Alter etwas, das sich durch Haltung bannen ließe, wahlweise Koenzym Q10 gegen Falten, wie es jene Bücher versprechen, Ratgeberbücher, wie sie auch in diesem Frühjahr zum Thema Alter erscheinen. Das Glück der späten Jahre. Ob es das gibt? Dunkle Wetterzeichen tauchen am Horizont auf, Titel wie Das Methusalem-Komplott oder Kampf der Generationen lassen erahnen, dass unser Traum vom „Ruhestand“ die letzte Illusion sein könnte, die uns genommen wird, jene Annahme, das Leben könne in Jahrzehnten der Muße ausklingen, für uns, die nun zu einer Bedrohung mutieren, für die, die nach uns kommen. Wenn in nur drei Jahrzehnten Deutschland die älteste Gesellschaft der Welt sein wird, mit dem kleinsten Anteil von Jugend. Weshalb uns ein anderer Titel dringend einen neuen Generationenpakt anrät – und ein „soziales Netz der Zukunft“. Ob das wohl trägt, und wenn, dann wen?

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Ein Theologe, ein Zukunftsforscher. Eine Sozialarbeiterin, der Herausgeber einer großen Tageszeitung. Vier Autoren nehmen vier verschiedene Haltungen gegenüber einem Thema ein, das als Problemfeld von globaler Dimension beschrieben wird, so weit herrscht Einigkeit. Denn nicht nur wir altern, sondern alle Gesellschaften der so genannten entwickelten Welt zusammen, in einer verhängnisvollen, dramatisch beschleunigten Entwicklung in eine Zukunft, in der wir vielleicht gar nicht so gerne so lange leben wollen, wie wir können. Wenn kumulierte Rentenansprüche die Finanzsysteme ins Strudeln bringen, der Immobilienmarkt wegsackt, die letzten Arbeitskräfte abwandern in vielversprechendere jüngere Regionen, wie der amerikanische Sozialexperte Paul S. Hewitt jüngst mutmaßte. Es könnte ungemütlich werden, auch bezüglich der Seelenlage, schon weil Alter, ungemildert durch den Anblick von Jugend, sich als unerträglich erweist. Nicht nur für die Jungen, sondern auch für uns, die den Ekel der Jugend vor so viel Alter, vor uns, schwer erträglich finden könnten. Und weil sich, in einer alten Gesellschaft, die großen Fragen nach Gerechtigkeit, nach dem Sinn des Lebens, danach, wie alles zusammenhängt, jetzt neu stellen und noch ohne Antwort sind.

Circa fünf Millionen Zellen, mit circa 100000 Herzschlägen am Tag am Leben gehalten, circa 80 Jahre lang – das sind wir, biologisch gesehen. Ein Leben, fast doppelt so lang, wie es noch vor gut einem Jahrhundert zu erwarten gewesen wäre. Was das bedeutet? Nun, die statistische Lebenserwartung weist beispielsweise für die Autorin dieser Zeilen noch 31 erwartbare Lebensjahre aus, an Tagen tatsächlich 11323, ungerechterweise 1606 Tage mehr als für gleichaltrige Männer. Die Altersforscher S. Jay Olshansky und Bruce A. Carnes von der Universität Chicago stellen noch einen Bonus in Aussicht, 900 zusätzliche Tage, bei Wohlverhalten, fettarmer Ernährung, schweißtreibender Pflicht. Eine Herausforderung, die auch eine Niederlage werden kann. Denn von Freude über die gewonnenen Jahre ist so wenig spürbar, bei jenen, die ein hohes Alter erreichen, oder in der Gesellschaft, die das Alter als Problemzone empfindet.

Das mag soziale Gründe haben. Nicht wenige, schreibt die Zürcherin Judith Giovannelli-Blocher, Sozialpädagogin, Altersexpertin, in ihrem klugen Buch, das mit ruhiger Geste aus vielen Gesprächen mit Alten schöpft, kämen ja müde, vom Leben enttäuscht in ihren späteren Jahren an, wie Frauen, die nach Jahren der Aufopferung für andere sich unversehens beim alten Eisen wiederfänden. Wenn sie denn ankommen: „Wer einer unteren sozialen Schicht angehört, also eine schlechte Schulbildung, ein niedriges Einkommen oder einen niedrigen beruflichen Status aufweist, ist statistisch gesehen überproportional häufiger von einem frühzeitigen Tod betroffen.“ Aber es überleben immerhin so viele wie nie, wenn auch nicht wenige Hilfe brauchen, von Therapeuten wie Giovannelli-Blocher. Lebenströstung am alternden Subjekt.

Bei steigendem Kurswert des knappen Gutes der Jugend erscheinen dem Einzelnen die Anzeichen der Alterung, das mürbe Fleisch, die hochkriechende Steifheit, als individuelles Versagen. Tatsächlich sind es Veränderungen, die vor zwei Jahrhunderten kaum jemand erdulden musste, weil Bakterien, Viren, Unfälle vorher Ernte hielten. So ein langes Gedächtnis aber besitzt der Einzelne nicht. Es ist, als entzöge sich das Geschenk des langen Lebens, der relativen Gesundheit, unserer wohlwollenden Wahrnehmung. Mehr noch: auch der Gewinn. Denn während sich unsere Lebensstrecke verdoppelt hat, ist die Tätigkeit der Menschen geschrumpft – auf weniger als die Hälfte der Lebenszeit. Während vor 100 Jahren noch zwei Drittel aller Männer über 60 berufstätig waren, arbeitet heute nur noch jeder Achte, so beschreibt der Hamburger Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski die klaffende „Schere zwischen potentieller und tatsächlich praktizierter gesellschaftlicher Nützlichkeit“. Der Rest ist Versorgung, auch die keine Quelle der Zufriedenheit, gar Dankbarkeit, denn im Sozialstaat sind die individuellen Spuren von Zuwendung verwischt.

Jene drei, vier Arbeitnehmer, die heute von ihrem Erarbeiteten abgeben, um den einen Rentner zu unterhalten, müssen diesen nicht interessieren, er hat ja Ansprüche, egal, an wen. Gezahlt werden muss. Opaschowski schlüsselt auf, für wen – wenn in knapp drei Jahrzehnten jeder Dritte über 60 ist. Die Zahl der 80-Jährigen wird von 2,9 Millionen (2002) auf über 5,1 Millionen (2022) steigen und auf 8 Millionen (2050). Drei Viertel von ihnen werden Frauen sein, die Hälfte pflegebedürftig, ein Drittel dement. Die 1966 geborenen Kinder, schreibt Opaschowski, müssten ein Mehr von 200000 Euro für Steuern und Sozialleistungen aufbringen, als sie je an Leistungen zurückerwarten könnten, „sie müssen also auf einen großen Teil des eigenen Lebensstandards verzichten“.

Opaschowski ist ein leidenschaftlicher Anwalt für eine neue Generationengerechtigkeit. Er weist darauf hin, dass gesellschaftliche Verträge wie die über Renten juristischer Unsinn sind, wenn sie nicht die Unterschriften aller Beteiligten tragen. Er ist vor allem ein Sammler von Daten, Prognosen, von Meinungen und Analysen. Verschiebung der gesellschaftlichen Lasten. Gewünschte Beziehungen der Generationen (eng). Befürchtete Gefahren (Einsamkeit), ersehnte Werte: Hilfsbereitschaft und Freundschaft. Sein Buch ist ein Nachschlagewerk, schon weil es zeigt, wie sehr die Politik dem Empfinden der Menschen und der Diskussion der Fachwelt hinterherhinkt. Ist denn die propagierte Eigenverantwortung nicht das Gegenteil von der ersehnten sozialen Verantwortung? Wie viel Zersetzungskraft in diesem Unterschied steckt.

Für Reimer Gronemeyer, Professor der Soziologie in Gießen, sind denn auch unsere Ruheständler vor allem eine Gefahr – auch für sich. Weil ihnen sinnvolle Aufgaben fehlen, fielen sie in „eine Existenz der gähnenden Leere, die durch Konsum von Waren, Dienstleistungen oder gekauften Erlebnissen hastig gefüllt“ werde. Aus der beschworenen Wertschätzung für „unsere teuren Alten“ erwachse dann ganz schnell der Eindruck, dass sie uns zu teuer sind. „Heute beginnt sich eine solche Abneigung gegen Alte an der Gefährdung der Sozialsysteme festzumachen, an der wogenden Menge sozial unverorteter, anonymer Anspruchssteller.“ Es fällt das Wort von den „Geldgreisen“.

Gronemeyer ist ein Eiferer. Der studierte Theologe versteht sich als Kreuzritter der Gerechtigkeit – und vergreift sich auch im Ton. „Mit schmatzender Selbstgewissheit verbrauchen sie das, wovon sie meinen, dass es ihnen zusteht“, heißt es da. Böse Absicht schließt er nicht aus: „Die schlauen Alten lachen sich tot, weil es ihnen gelungen ist, was noch niemandem zuvor gelang: die Risiken eines verantwortungslosen Lebensstils in die kommenden Generationen zu verlagern.“ Wo Gronemeyer hinsieht – alte Hävelmänner, die nur eines wollen, „ein Mehr an Dingen, an Geld, an Medizin, an Erfahrung und natürlich auch ein Mehr an Lebensjahren“. Die dunkle Seite der Langlebigkeit, die Demenz, wird so zur Strafe Gottes: der Homo alzheimeriensis als Symbol einer Gesellschaft, die ihre Verantwortlichkeit gegenüber der Jugend vergessen hat.

Man könnte sagen, auf so einen wie Gronemeyer hat einer wie Frank Schirrmacher gewartet. Auch der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tritt an in Rüstung – gewappnet mit Empörung, Machtbewusstsein und Angriffswillen wirft er sich den Zumutungen des Alters entgegen, die er frisch entdeckt hat. Da ist dieser Ton der Verwunderung. Das Leben hat ein Verfallsdatum? Junge rücken nach? Stellen Ansprüche, wollen uns abschieben? Mobilmachung! Gegen Altersrassismus! Skandal der Entmündigung! Diskriminierung! Man möchte lächeln. Klingt das nicht fast nach dem ungestümen Jargon der 68er?

Nun wäre es nicht erinnerlich, dass sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung so ins Zeug legte, als in den vergangenen Jahren Abertausende von beinahe Älteren in den Ruhestand gefegt wurden, bei den Banken, aus den Werkshallen, im Einzelhandel, demnächst wieder bei VW und Siemens, weshalb in Deutschland heute nur halb so viele Ältere in Beschäftigung sind wie im sozialismusverdächtigen Schweden. Jetzt klingt etwas wie Katzenjammer an. „Denn was zählen vergangene Erfolge, Schönheit, Lebenserfahrung und selbst Reichtum im Zeichen des Alters“, fragt der Meinungsmacher, offensichtlich nicht nur geschüttelt von der Zeitungskrise. So schmerzlich erscheinen ihm, jenseits des Zenits des eigenen Lebensbogens, plötzlich die jungen Menschen in den Medien – „eine ständige Beleidigung für diejenigen, die schön sind und lachen, aber nicht mehr jung sind“. So schlimm?

Schirrmacher ruft auf zum „Methusalem-Komplott der Alten gegen die Ideologie der Jungen“ – es geht um die Sicherung von Einfluss, sagen wir es ruhig, um Macht. Nicht dass er die Schieflage der demografischen Entwicklung verkenne. Er reißt sie geradezu an sich, nach dem Motto, dass Angriff die beste Verteidigung sei. „Gelingt es uns nicht, das Altern des Menschen neu zu definieren, und zwar als eines der einzigartigsten zivilisatorischen Ereignisse, die Menschen überhaupt beschieden sind, werden wir in eine Zivilisation der Euthanasie eintreten.“ So droht das Alphatier. „Für unsere Zukunft ist nichts so notwendig wie das Selbstbewußtsein der Älteren.“ Wirklich?

Was Schirrmachers Buch von den anderen unterscheidet, ist eine beunruhigende Geschichtslosigkeit. Nein, keineswegs wurde erst kurz vor der Jahrtausendwende entdeckt, wie sehr die demografische Entwicklung Wohlstand und Frieden gefährdet, seit vielen Generationen geht ja die Bevölkerung zurück. Nein, es ist nicht erst im Jahre 2025, dass unsere Enkel erwartet werden, für den Jahrgang 1959 könnten Enkel schon zehn Jahre früher eintreffen. Da zeigt sich eine Losgelöstheit vom Miteinander der Generationen und ein Zuviel der Konfrontation. Vorabdruck im Spiegel, weiterrücken auf Bild, Sturm auf die Bestsellerliste, eine machtvolle Attacke.

Man würde sich aber ein Innehalten wünschen. Gerade von jener Generation, die nicht wenig stolz für die Entwicklung der Gesellschaft verantwortlich zeichnet. Für damals jedenfalls, als es aufwärts ging, mit Wachstum und riesigen Rathäusern und marmornen Schwimmhallen, die vertuschten, wie viel im Darlehensrausch entstand, auf Rechnung der Jugend. Als die selbstgefällige Dynamik erstarrte, sobald Wünsche laut wurden nach einer Modernisierung von Arbeit, Recht und Umwelt, um Familienleben leichter zu machen. So wurden junge Menschen in die Kinderlosigkeit getrieben, was jene demografische Krise zeugte, vor der uns nun die Knie weich werden. Wie wäre es also mit ein wenig Selbstkritik? Oder sozialer Fantasie?

Fantasie werden wir brauchen. Denn nicht nur das „eigene Leben“ muss, wie es heute im Soziologenjargon so schön heißt, selbst erfunden werden, auch dessen Ende. Vorbilder? Tragen nicht. Ansprüche? Lächerlich. Wer will noch eine Rente von 1000 oder gar 2000 Euro erwarten, wenn demnächst ein Junger für einen Alten aufkommen muss? Der Rest erklärt sich durch die Grundrechenarten.

Es gibt erste Erfahrungen, sie sprechen auch für sich. Ein langer Urlaub als Lebensziel der letzten Jahre, das sei noch kein Programm zur Zufriedenheit, weiß Judith Giovannelli-Blocher aus den Begegnungen mit Alten. Als Urlauber verdiene man sich wirklich nicht genug Respekt. „Sorgen Sie dafür, dass es neue Menschen gibt, für die Sie da sein können.“

Auch Gronemeyer, hier ganz Theologe, stellt die Frage nach einer „Selbstbegrenzung zum Wohl der anderen“. Die Rede ist nicht von Verzicht, sondern von „einem befreienden Nein“ – „Von jetzt an wird selbst gedacht, von jetzt an wird selbst gelebt, von jetzt an wird verzichtet auf das, was uns aufgenötigt wird, aber unsere Freiheit beschädigt.“ Eine „Kultur des Gemeinwohls“, da müssten wir hin.

So trifft Gronemeyer tatsächlich auf Opaschowski und dessen Vision einer neuen Gemeinschaftskultur. Wo bleibt die Innovation des Sozialen, fragt der, zum Beispiel im Wohnungsmanagement? Opaschowski skizziert eine neue Generationenpolitik, die Kinderrechte und die der Frauen mit einschließt. Die Bevölkerung jedenfalls, so weist er nach, ist längst so weit. Erste Zielmarke: Schafft den Ruhestand ab! Nicht nur ein oder zwei Rentenjahre und nicht nur, weil alles unbezahlbar ist – sondern weil er uns allen nicht gut tut.

Man sieht sie schon, unsere teuren Alten, sozusagen uns, das Regime übernehmen, vielleicht nicht auf Schirrmacherischem Terrain, aber doch entschieden in den Bücherhallen, die so der Schließung entgehen, in den Parkanlagen, die heute aus Kostengründen dem Brennnesselwuchs überlassen werden, auf den Pausenhöfen, im Spiel mit der Jugend.

Die Ärztin Rita Levi Montalcini, die bekanntlich mit über 70 den Nobelpreis erhielt und in den Neunzigern eines der elegantesten, unsentimentalsten, kenntnisreichsten Bücher über das Alter schrieb, zitiert darin den Philosophen Bertrand Russell, der bekanntlich 98 Jahre alt wurde: „Je unpersönlicher die Interessen sind und je weiter sie sich über das eigene Leben hinaus erstrecken, desto weniger wichtig wird die Idee, daß das Leben bald enden könne.“

Hier wollen auch wir enden.

Bücher übers Alter

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