Glosse Stark im Gegenglauben
Islam und muslimische Welt rücken schmerzlich an die Deutschen heran, so nah, dass sich deren bewährte Abwehrreflexe langsam abnutzen. Es wirkt nicht mehr, sofort ein freundlich-unverbindliches Miteinander zu beschwören und sich von jeder Art Aggression als nicht gemeint anzusehen. Der Terror in Madrid ließ viele doch aufschrecken, und dass deutsche Muslime sich islamisieren, beunruhigt überdies. Womöglich ist das Zuhausebleiben nicht das letzte Regierungswort über den Irak-Krieg gewesen. Seit Deutsche dort ermordet werden, ist Deutschland im Schlamassel, nicht irgendwo in seliger Sicherheit. Furcht und Enttäuschung nähren ein Klima, in dem der Wunsch wächst, der gefühlten Bedrohung durch den „islamischen Komplex“ zu begegnen.
Doch was wäre genau die Gemeinschaft, die einem feindseligen Islam die Schranken weist? Vorläufig hat die Identitätssuche in Deutschland das Christliche zutage gefördert – als gemeinsame historische Wurzel des Westens. Das Christliche ist die schwächste denkbare Version des Westlichen, irgendwie ethisch, vor allem gesamteuropäisch und geeignet, die eigene Ratlosigkeit erträglich zu machen, indem man sie geschichtlich begründet. Denn das einheitliche christliche Europa ist reine Fiktion. Sie leugnet den Aufeinanderprall der Interessen und freut sich an einer idealen Sphäre, wo Kulturen tolerant koexistieren. Im islamischen Raum wird diese Idee übrigens gar nicht als friedfertig wahrgenommen. Außerdem wird Toleranz vor allem von jenem gewährt, der die stärkeren Bataillone hat. Den Zynismus hinterm christlichen Europa-Panorama registrieren die arabischen Nationen wohl, solange sich dieses Europa auf der militärischen Kraft der USA ausruht.
Es wäre an der Zeit, sich einzugestehen, dass Islamismus ein politisches Problem darstellt, eines, das die europäischen Gesellschaften in ihrem Innersten berührt. Es geht darum, Normen und Regeln in den politischen Kulturen des Westens zu markieren, die es gläubigen Muslimen ermöglicht, ohne Verdacht hier zu leben, es geht darum, Minderheiten Pflichten und Rechte zuzuweisen und falsche Machtansprüche abzuwehren, legal und legitimerweise. Frankreich ist in dieser Hinsicht weiter als Deutschland. Die Franzosen erinnern die Muslime an den politischen Charakter ihrer Nation. Mögen sie im Fall des Kopftuchverbots auch falsch liegen, so haben sie doch begriffen, dass ethisch motivierte Integration und interkulturelles Verstehen nicht hinreichen, um dauerhaft Konflikte zu lösen.
In einem hatte die orientalistische Kritik am Westen Recht: Der Westen glaubt, das Leben in der islamischen Welt sei obsessiv auf Religion bezogen, alles sei gleichsam vom Geist des Korans durchdrungen. Nichts ist falscher. Man muss diesen Irrtum nicht noch durch eine sanfte kulturelle Identitätspolitik im Zeichen des Kreuzes bestärken. Die islamische Kultur ist so reflexiv und so heterogen wie die westliche. Und Islamisierung ist in den islamischen Ländern ebenso eine politische Frage, eine, die mit maroden autoritären Regimen zu tun hat, mit sozialen Konflikten, mit Misswirtschaft und Korruption.
Es gibt aber neben der Vielfalt des Islams auch die Tendenzen zur Vereinheitlichung seiner Kultur, also Politik und Religion zu verschmelzen, das Alltagsleben und die Öffentlichkeit zu disziplinieren, Abweichungen zu bestrafen, Freiheiten und Rechte zu kassieren. Es gibt auch die schändliche Doppelzüngigkeit der arabischen Regierungen, den Terrorismus offiziell zu ächten und nach innen ein Klima der Radikalisierung und der klammheimlichen Sympathie mit „Märtyrern“ zuzulassen. Dieser Zug zur Homogenisierung der islamischen Kultur, wo immer er zu beobachten ist, stößt auf Prinzipien des Westens, die nicht verhandelbar sind, weder politisch noch kulturell.
Der Westen leidet also keineswegs an einer „Schwäche“ gegenüber einem glaubensstarken Islam. Es mag souverän klingen, die Rede von der Religionsvergessenheit vom ideologischen Islamismus zu übernehmen und damit zu fuchteln. In Wirklichkeit steckt dahinter nur das kulturpessimistische Unbehagen an der eigenen Kultur, ihrer angeblichen Sinnleere und moralischen Lethargie. Das ist antiwestlicher Selbstverdruss, aber längst noch kein Zeichen christlichen Weltvertrauens.
Dass der Westen Zwist mittels säkularer Politik und säkularen Rechts schlichtet und nicht mehr Gott anruft, sobald er Gewalt anwendet, ist gerade seine Stärke. Was wäre auch sonst der Grund Europas? Wenn es eine gemeinsame historische Erfahrung der Europäer gibt, dann ist es jene der religionsabsenten Friedensstiftung. Respekt vor der islamischen Kultur bezeugt, wer sie genau daran erinnert.
- Datum 15.04.2004 - 14:00 Uhr
- Serie feuilleton-glosse
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.04.2004 Nr.17
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