KÄmpfernatur Der Ringer

Alexander Leipold musste seine Goldmedaille zurückgeben. Dann kamen die Schlaganfälle. Ganz langsam kommt er wieder

Das Gesicht wie eine Faust, hart und angespannt. Die Augen klein, blau, abwartend. Lauernd vielleicht. Der Körper ein kompaktes, ausgereiftes Sportgerät, die Bewegungen weich und fließend. So sieht ein deutscher Held aus, manchmal.

Alexander Leipold, 35, war ein deutscher Held. Drei Tage lang. Dann nannten sie ihn Betrüger und Verräter, und seine Karriere schien zerstört.

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Obertauern, ein österreichisches Alpendorf, Trainingslager der deutschen Ringer-Auswahl. Die Jungs rollen und tollen über die Matte. Sieht alles ein bisschen seltsam aus. Fremd wie die Liebesspiele von Ochsenfröschen. Es sind aber nur Aufwärmübungen.

Ringen; die ursprünglichste aller Sportarten. So alt wie Laufen. Verbreitet in allen Kulturen. In China, im alten Griechenland, bei den Römern, den Türken, den asiatischen Steppenvölkern und ebenso in Karlstein, 7000 Einwohner, Unterfranken. Hier rang sein Vater. Hier rang der um neun Jahre ältere Bruder. Hier stand Alexander Leipold schon als Zweijähriger auf der Matte, sie ist zwölf Meter mal zwölf Meter groß. Ein Jahrhunderttalent nannten sie ihn schon bald. Einer wie der Russe Fazaiev das Wunderkind, der Mozart des Ringens. Gegen den kämpfte Alexander Leipold mit 19 Jahren und luchste ihm einen Punkt ab. Und der Künstler sagte: Das wird ein Großer des Ringersports. Da war Leipold schon Junioren-Weltmeister.

Das war 1988. Zwei Jahre später begannen die Knie zu schmerzen. Die Ärzte fanden eine seltene Knochenkrankheit. Nie mehr Sport, sagten sie. Da war ein Physiotherapeut, Werner Krass, der glaubte an ihn. Half ihm wieder auf die Beine. Diesen seinen Freund sollte er noch einige Male brauchen in seinem Leben.

Habe halt, pflegt Alexander Leipold zu sagen, wenn es Schicksalsschläge zu verteilen gab, öfter mal die Hand hochgestreckt. Jetzt übt er den Angriff, immer wieder, sechs Minuten lang, drei Minuten Pause, sechs Minuten. Kondi-Lehrgang der Nationalmannschaft. Die Muskeln übersäuern. Damit der Körper später ganz leicht ist, ganz folgsam, zu höchsten Anstrengungen bereit. Bei den Olympischen Spielen von Athen vielleicht. Es wären die fünften in Folge, Entschädigung für vieles.

Freistilringen. Angriffe auf die Beine sind erlaubt, im Gegensatz zum griechisch-römischen Stil. Verboten sind Würgen, Stoßen, Treten, den Gegner an Haaren oder Geschlechtsteilen zu fassen sowie Finger und Zehen zu verdrehen. Ringer erkennt man an ihren geschundenen, vernarbten, platt gedrückten Segeln, auch Blumenkohlohren genannt. Hautpilzinfektionen gehören zum Risiko, beobachtet werden häufig Verletzungen der unteren Rippen, Bandscheibenprobleme, Beschädigungen der Kniegelenke. Schlaganfälle gehören nicht zu den typischen Merkmalen einer Ringerkarriere.

Ein Wunder, dass er wieder auf der Matte steht!

Aber der ist halt so ein Talent. Und was einer hat, das kann er nicht verlernen. Jetzt fehlt ihm noch das Selbstvertrauen. Das hat ihn so groß gemacht und gefährlich, diese innere Sicherheit. Mit der Angst im Nacken kann keiner gewinnen.

Eigentlich wolle Wolfgang Nitschke nach Sydney zurücktreten, auf dem Höhepunkt einer Trainerlaufbahn: Alexander Leipold, Olympiasieger im Weltergewicht. Das erste olympische Ringer-Gold für Deutschland seit Wilfried Dietrich, dem Kran aus Schifferstadt, Rom, 1960. Als drei Tage später das Unbegreifliche geschah, sein bester Schüler disqualifiziert wegen Dopings, da beschloss Nitschke weiterzumachen. So konnte er nicht aufhören. Das war alles gar nicht wahr.

365 Griffe beherrschten die mittelalterlichen Berufsringer der türkischen Sultane. Tausend Möglichkeiten hat ein Kämpfer der russischen Schule, mit Schwingen, Reißen und Schleudern, mit Aushebern, verkehrten Aushebern, mit Beinschrauben und Kopfzangen seinen Gegner auf die Schultern zu zwingen. Im Osten Europas sind Ringer Volkshelden, in den USA ist Ringen Schulsport. In den Steppen Kyrgystans und in den Colleges der amerikanischen Städte hat man von Alexander Leipold gehört. Der Mann, der an den 27 größten internationalen Ringerveranstaltungen der letzten Jahre 18-mal eine Medaille geholt hat, der einzige westeuropäische Star der Szene, der Amateur, der die Profis auf die Schultern legt.

Schien nicht stärker als andere. Nicht schneller. Was die Leute von den Sitzen riss, war seine Fähigkeit zur Überraschung. Besaß keine Standardtechnik. Aber die richtigen Antworten. Alex Leipold, Konterspezialist.

Eine Woche nach der Aberkennung der Goldmedaille richtete er sich eine neue Telefonnummer ein und ging wieder auf die Matte.

Nach den Schlaganfällen dauerte es etwas länger.

Über Höhen und Tiefen, pflegt Alexander Leipold zu sagen, braucht mir keiner was zu berichten.

Zwanzigfacher deutscher Meister, vierfacher Europameister, zweifacher Weltmeister. Mit der AC Bavaria Goldbach 14-mal ununterbrochen im Finale der deutschen Mannschaftsmeisterschaften. Angestellt bei der Linde AG in Aschaffenburg, 30 Wochenstunden. Die Firma stellt Gabelstapler her, Leipold, gelernter Kaufmann, ist verantwortlich für die Sicherheit der Angestellten. Verheiratet mit Juliana Marx, Jugendfreundin, ein Sohn, Tim, Papas Bester. Leipold ist auch Jugendtrainer. Er raucht nicht, trinkt keinen Kaffee, um dem Körper unnötige Belastungen zu ersparen. Manchmal liest er John Irving, den amerikanischen Schriftsteller, dessen Figuren häufig Ringer sind. Im Roman Eine Mittelgewichtsehe legen sich die Paare kreuzweise auf die Matte. »Alle großen Ringer«, heißt es in dem Buch über deren Verfassung vor dem Kampf, »haben ihre eigenen Tunnel – lange, dunkle, leere Gänge durch ihre langen, dunklen, leeren Köpfe.«

Der Ringer braucht die Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit eines 400-Meter-Läufers. Nur muss er mehrere Läufe hintereinander absolvieren. Im Trainingszentrum von Obertauern, 1800 Meter über dem Meeresspiegel, arbeitet Alexander Leipold an den Gewichten. Der Puls treibt auf 200 Schläge hinauf. Vor fünf Monaten war Alexander Leipold halbseitig gelähmt, konnte nicht mehr sprechen und hatte Angst, er würde sein Leben lang ein Pflegefall bleiben.

Seoul, 1988, die ersten Spiele, siebter Platz. Es gab zwei knappe Kämpfe, Leipold hätte auch Dritter werden können, aber er war zufrieden.

Barcelona, 1992, Dreizehnter, sein schlechtester internationaler Wettkampf. Danach, bei den Europameisterschaften, drückte ihm ein Bulgare mit einem verbotenen Griff die Halsschlagader ab, kein Kampfrichter bemerkte es, er wurde nur Vierter.

Dann, pflegt Alexander Leipold zu sagen, regt man sich auf, und dann muss man akzeptieren, dass es so ist.

Fünfter in Atlanta, 1996, Eine knappe 2 : 1-Niederlage gegen den späteren Olympiasieger, eine nicht gegebene Wertung gegen einen Bulgaren – es hätte besser ausgehen können.

Sydney 2000, das waren seine Spiele. Weihnachten zuvor, im Finale der Deutschen Meisterschaften, hatte er sich noch das Knie-Innenband angerissen. Sein Freund, Physiotherapeut Werner Krass, brachte ihn wieder auf die Beine. Die Europameisterschaften ließ er sausen. Machte Krafttraining. Durfte, als er für eine Werbeveranstaltung von adidas in die USA eingeladen war, zwei Wochen lang mit den Amerikanern trainieren. Gratis. Die Ringer, pflegt Alexander Leipold zu sagen, sind eine große Familie. Das Ringen, pflegt er zu sagen, ist Zweikampf und fair. Und fertig.

Er war in Form wie nie, und das waren seine Wettkämpfe. Problemlose Siege bis in das Halbfinale, wo er auf den Koreaner traf, der ihn schon einmal bezwungen hatte. Der machte zu Beginn ein kleines Pünktlein und verteidigte seinen Vorsprung im Bodenkampf, zäh, bissig, stur. Drei Minuten, sechs Minuten, Verlängerung. Fünf Sekunden vor Schluss tat Leipold so, als würde er den Kampf aufgeben. Der Gegner ließ sich zum Angriff verlocken, Leipolds Konter, die Kopfklammer, der Sieg. 9000 Zuschauer in der Exhibition Hall in Sydney standen auf, jubelten: So etwas macht nur einer auf der Welt. Das Finale gegen den Amerikaner, eine klare Sache. Brandon Slay, ein aggressiver Angreifer, fürchtete sich vor dem überraschenden Gegenschlag, machte Fehler schon beim Zugreifen, Sieg mit 4 : 0 Punkten. Und dann die Bilder, die um die Welt gingen; Leipolds Rad, den Jubelsalto mit Fahne, der tierische Biss ins Gold. Die Erfüllung. Der Anruf bei seiner Frau, Schatz, wir gehen aufs Schiff, Belohnung für alle Entbehrungen, eine Reise der Olympiasieger, versprochen vom deutschen Olympischen Komitee. Davon hat er nie wieder etwas gehört. Die Dopingprobe zeigte Spuren von Nandrolon im Urin, zehn Mal mehr als das Erlaubte, den tausendstel Teil einer Tablette, die dem verbotenen Kraftaufbau gedient haben könnte – jedenfalls kein sehr sinnvolles Doping am Tag des wichtigsten Wettkampfs für einen Ringer, der bei unzähligen Proben vorher nie positiv getestet worden war.

Manchmal sagt Alexander Leipold, aber nicht sehr häufig, da er nicht gern an diese Zeit zurückdenkt, manchmal sagt er: Ein Mensch mit einer labilen Seele hätte sich wohl von der Brücke gestürzt.

Nandrolon ist ein Steroid, dem männlichen Sexualhormon Testosteron nachgebildet. Im Urin nachgewiesen werden die Abbauprodukte Norandrosteron und Noretiocholanolon, die auch vom Körper selbst produziert werden können. An diesem 30. September 2000 war Ringer Leipold mit gequetschten Hoden, angerissenen Rippen und einem blauen Auge zum Kampf angetreten. Es gab Ärzte, die es nicht für ausgeschlossen hielten, dass sein Körper unter diesen Umständen die festgestellten Mengen der verbotenen Substanzen selbst produziert hatte. Er hörte von Untersuchungen, die zeigten, dass es reichte, von den Innereien eines unkastrierten Ebers zu essen, um positiv auf Nandrolon getestet zu werden. Es gab die Möglichkeit, dass ein Nahrungsmittel verunreinigt war, weil die Zutaten aus einem Labor kamen, in dem auch Dopingmittel hergestellt wurden. Es gab Leute, die sagten, man müsse sehen, wer von der Disqualifikation Leipolds profitiert habe. Denn zu der Frage eines willkürlich festgelegten Grenzwerts kam noch das Rätsel der Urinprobe. Leipold hatte eine Empfangsbestätigung für 50 Milliliter Urin, die er dem Dopinglabor abgegeben hatte. Es waren aber 85 Milliliter untersucht worden.

Es gab Gründe genug, verrückt zu werden, wenn man sich für unschuldig hielt. Eine Woche nach der Rückkehr aus Sydney richtete sich Alexander Leipold eine neue Telefonnummer ein und ging zurück auf die Matte. Man ringt, pflegt Alexander Leipold zu sagen, nicht für die Funktionäre. Man ringt aus Freude.

Später reduzierte das Olympische Komitee seine Sperre um ein Jahr, die Kosten für den Rekurs wurden erlassen. Die Goldmedaille bekam er nicht zurück.

Leipold trainierte wieder, dachte an Athen 2004. Im Frühjar 2003 wurde er Zweiter bei den Europameisterschaften.

Im Juni 2003 bekam er Fieber, Kopfweh, Gliederschmerzen, eine Viruserkrankung. Einen Monat lang fühlte er sich schlapp, dann begann er mit leichtem Training. Ein dreiwöchiger Konditionslehrgang, und er war wieder der Alte. Ein Modellathlet, wie sein Trainer sagt. Dann, Ende Juli 2003, ein Mannschaftswettkampf in Taschkent, der Hauptstadt von Usbekistan. Noch während der Mannschaftsvorstellung ein Kribbeln auf der linken Seite, auch im Gesicht, Schluckbeschwerden. Aber der deutsche Botschafter war gekommen, und da versuchte man es halt, und da man schon auf der Matte stand, wollte man auch gewinnen.

Danach notfallmäßig zurück nach Deutschland. Ein Schlaganfall, stellten die Ärzte der Universitätsklinik Würzburg fest, das Immunsystem hat verrückt gespielt nach der Viruserkrankung. In der Nacht, bevor er nach Hause gehen sollte, kamen die Schwestern ins Zimmer, er wollte ihnen was sagen, und es ging nicht. Er wollte sich bewegen, und es ging nicht. Der Kopf war klar, aber er war halbseitig gelähmt, und er konnte nicht sprechen.

Lange, dunkle, leere Gänge.

Vier Wochen Rehabilitationsklinik. Sprachaufbau, Wassergymnastik, Gedächtnisübungen.

Leipold notierte seine Fortschritte.

Eine Minute spazieren gehen.

Drei Sekunden Bauch anspannen.

Rad fahren, Puls 120.

Ein Gedicht auswendig gelernt.

Weltmeisterschaften verpasst.

Wieder kam der Freund, der Physiotherapeut Werner Krass. Gleichgewichtsübungen. Reittherapie. Dann die sportmedizinischen Tests. Werte wie vor den Schlaganfällen. Der IQ: über 130.

Im Oktober wählen ihn 76 deutsche Medaillengewinner aus allen Sportarten zum »Champion des Jahres 2003«. Am 19. Dezember der erste Wettkampf nach den drei Schlaganfällen. Als Lohn wählt er eine Reise zu den Shaolin-Mönchen in China. Um mal ein bisschen darüber nachzudenken, was überhaupt passiert ist. Weil die Qualifikationsturniere für die Olympischen Spiele in Athen 2004 vorbei sind, stellt der Trainer das Gesuch um eine Wildcard. In Anerkenunng dessen, was Leipold dem Ringersport gegeben hat, sollte er nach dem Schicksalsschlag die Chance bekommen, zum fünften Mal an Olympischen Spielen teilzunehmen. Die Wildcard blieb ihm verwehrt.

Ein harter Trainingstag ist zu Ende. Die Muskeln so, wie sie sein sollen in dieser Phase des Aufbaus: erschöpft.

Die Augen klein, blau und wach.

Was war das Schlimmste, Herr Leipold?

Die Angst, ein lebenslanger Pflegefall zu bleiben.

Vertrauen Sie Ihrem Körper noch?

Da war etwas, das von außen kam, ein Virus. Dafür kann ich nichts. Aber wir haben den Angriff abgewehrt. Ich muss stolz sein auf meinen Körper.

Was hat Ihnen geholfen?

Das Ringen. Der Wunsch, wieder ringen zu können.

Was haben Sie vom Ringen gelernt?

Siegen und verlieren. Dass man gut kämpfen kann und trotzdem verlieren. Respekt vor dem Gegner.

Olympia 2000?

Bei der Abschlussfeier lag ich fünf Minuten lang auf dem Rücken, ich schaute in den Himmel und dachte, ich bin Olympiasieger. Das ist der Moment, den ich festhalte. Das sind die Gefühle. Das Glück. Das bleibt, auch wenn ich keine Medaille habe. Zuerst wollte ich weiter protestieren, aber jetzt denke ich, ich bin Olympiasieger, ich bin es, für drei Tage. Ich akzeptiere es.

Auch die gesundheitlichen Niederschläge?

Man hat Freunde, man hat eine Familie, die einen liebt und unterstützt, aber am Schluss ist es wie im Ringen. Da stehst du ganz allein auf der Matte.

 
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