Kent Nagano, 53, Enkel japanischer Einwanderer, ist auf einer Farm in Kalifornien aufgewachsen. Seine Mutter unterrichtete ihn in Klavier und Bratsche. Nagano studierte zunächst Soziologie und Jura, bevor er mit 21 Jahren beschloss, sich der Musik zu widmen. Seit 1999 leitet er das Deutsche Symphonie-Orchester in Berlin. Von 2006 an übernimmt er die musikalische Leitung der Bayerischen Staatsoper in München. Hier träumt er davon, dass alle Menschen Zugang zu klassischer Musik finden

Unweit des Ortes, wo ich mit dem Dirigieren begonnen habe, gab es in einer Kleinstadt ein Sinfonieorchester und einen Konzertsaal, außerdem ein Stadion mit einem American-Football-Profiteam. Die Stadt war wohlhabend und hatte, selten in den USA, einen sehr schönen historischen Kern. Man ging abends durch die idyllisch beleuchtete Altstadt, kehrte ein in Kneipen und Restaurants und genoss die angenehme Atmosphäre. Aber eines Tages standen die Kommunalpolitiker vor dem Problem, nur noch eine von beiden Einrichtungen finanzieren zu können. Sie entschieden sich, das Orchester aufzulösen, mit der Begründung, schließlich gingen mehr Menschen zum Football als in Konzerte.

Als die Musik aufhörte zu spielen, gingen die Lichter aus, und der Stadtkern verödete. Drogen und soziale Probleme breiteten sich aus. Heute ist diese Stadt eine der gefährlichsten in ganz Amerika. Am Ende hat auch das Football-Team kaum noch gewonnen und ist schließlich abgestiegen.

Wegen solcher Erfahrungen habe ich einen großen Teil meines beruflichen Lebens der Zusammenarbeit mit Institutionen gewidmet, die Menschen einen Zugang zu den Künsten anbieten. Als Generalmusikdirektor in Lyon habe ich dafür gesorgt, dass die Türen des Opernhauses immer geöffnet waren, um den Bürgern der Stadt deutlich zu zeigen, dass dieser Kunsttempel ihnen gehört, dass hier auch ihre Sache verhandelt wird. Denn dieses Gefühl schien verloren gegangen zu sein. In den Straßen sah ich die ganze Vielfalt der Einwohner: große, kleine, junge, alte, zugewanderte, arme, reiche, hoch gebildete und solche, die nur durch das Leben selbst geprägt worden sind. Diese Mischung kam aber in der Oper überhaupt nicht vor. Unser Publikum war seit 30 Jahren das gleiche geblieben.

Ich träume von einer Welt, in der jeder Mensch die Möglichkeit hat, seinen Weg zur Kunst zu finden. Kultur ist Menschenrecht und führt das Individuum aus der Herrschaft der Notwendigkeit in die Sphäre der Freiheit. Teilhabe an den Künsten macht den Menschen mündig und schützt ihn vor Unterdrückung, sichert den Frieden und gibt ihm die Kraft zum Überleben.

Viele Menschen haben heute nicht mehr die Chance, ihr Leben in diesem kulturellen Sinne frei zu gestalten. Sei es, weil weder die Eltern noch die Schule sie entsprechend anregen, sei es, weil die finanziellen Mittel fehlen. Doch wer nicht schon im Kindesalter an die Beschäftigung mit den Künsten herangeführt worden ist, dem erschließen sie sich später unendlich viel schwerer.

Wenn in der Bildungspolitik nicht rechtzeitig gegengesteuert wird, wächst eine Generation ohne kulturelle Traditionen heran. Wir waren privilegiert genug, mit den Künsten in Berührung zu kommen, und erfahren immer wieder, wie die Kultur unserem Leben viel mehr gibt als materieller Reichtum. Durch Fragen, die die Künste aufwerfen, und durch Antworten, die sie herausfordern, erleben wir eine Schönheit, die mit schönem Aussehen nichts zu tun hat. Auch Schwäche, Tragisches oder Abstoßendes kann unglaublich schön sein. Denn schön ist jede Erfahrung, die uns dem Wesenskern der Dinge, dem Urgrund allen Daseins näher bringt.

Für mich gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Musik und Religion. Ich bin quasi zwischen Strand und Kirche aufgewachsen, an der amerikanischen Westküste. Das Beeindruckendste am Meer ist, dass man daran erinnert wird, wie klein ein menschliches Wesen ist, verglichen mit der Natur. Was hat der Mensch der unglaublichen Schönheit des Ozeans, was der beängstigenden Kraft der Flut und der Winde schon entgegenzusetzen? Sich wie beim Surfen in etwas hineinzubegeben, willentlich die Kontrolle abzutreten an etwas, das größer ist als man selbst, eine solche Erfahrung vergisst man nie. Vielleicht haben deshalb so viele Komponisten ihre Inspiration aus der Natur gewonnen: Mahler in seiner 3. Symphonie , Beethoven in der Pastorale, Strawinsky in seinem Sacre du Printemps. Meine ersten musikalischen Eindrücke habe ich in der Kirche gewonnen, im Knabenchor. Vielleicht fühle ich mich auch deshalb immer zu Bach hingezogen, wenn ich allein in meinem Arbeitszimmer bin. Er hat unglaubliche Musik geschrieben: dramatisch, tief emotional, vital, machtvoll, expressiv, dabei nie sentimental. Wenn man Bach interpretiert, dann ist es schwer, wie der Komponist selbst die Balance zu halten zwischen Innerlichkeit und Sentimentalität. Man spürt sofort, wenn man übers Ziel hinausschießt, wenn es zu direkt wird.