Mut zur Sinnesorgie

Wie mediokre Winzer, geschmacklose Wirte und harte Männer den Damen Saures einschenken. Eine Polemik

Wichtig blickende Männer blähen ihre Nüstern, pumpen die Backen auf, spitzen die Münder, nicken oder schütteln die Köpfe, schlürfen, mampfen und spucken und kritzeln dann mit ernster Miene große Sätze in kleine Notizbücher. Kommt Ihnen bekannt vor? Genau: So sieht eine Weinprobe aus. Die soll keinen Spaß machen, sondern Resultate zeitigen. Hier arbeiten Kenner, keine Lebemänner. Und ein Kenner kennt seine Weinjahrgänge wie andere Männer die Spiele der deutschen Fußballbundesliga seit 1963.

Vor allem aber kennt er kein Pardon.

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Außer, er trifft auf ein nettes junges Mädchen aus Bersenbrück oder aus einem anderen bemitleidenswerten Ort im Norden. Dann wird er weich und belehrend: erzählt, dass das Riechen das Wichtigste ist beim Weingenuss, weshalb auf duftende Seife und Parfüm zu verzichten sei; dass der Geschmack im Mund an zweiter Stelle steht, weshalb der Kenner jeden Schluck hin- und herrollt, damit er mit all den vielen kleinen Geschmacksknospen, die dort lauern, in Berührung kommt (Achtung! Keinen Lippenstift benutzen); dass die Kehle keine Rolle spielt. Trinken? Nein danke!

Das versteht auch ein Mädchen aus Bersenbrück: Schluss mit lustig. Vorbei die Zeiten, in denen popelinejackenbekleidete Rentner zur Weinprobe in feuchte Keller einfielen, wo man ihnen Stoff vorsetzte, der sie alsbald in laute Gesänge ausbrechen ließ. Wir haben gelernt! Wein ist eine viel zu wichtige Sache, um Spaß dabei zu haben. Für eine professionelle Weinprobe mag das gelten. Aufs Leben übertragen, könnte nichts falscher sein. Schlimmer noch: Die Verwechslung von Erkenntnissuche und Lebensfreude hat nicht den großartigen deutschen Winzern und ihren wunderbaren Getränken genutzt, sondern den heimlichen Verächtern der Rebe. Das sind diejenigen, die das ein- und verkaufen, was in der mittelprächtigen Gastronomie als „Wein“ ausgeschenkt wird. Eine Katastrophe. Früher war das jene süße Plörre, die als Liebfrauenmilch sprichwörtlich und literaturfähig geworden ist – Seniorinnengesöff, bestens geeignet als Tapetenkleber. Heute heißt es: Vor allem trocken muss er sein!

Was sich der Weinkonsument damit einhandelt und gegebenenfalls versäumt, hat er nie zu unterscheiden gelernt. Mag also das Zeugs auch noch so sauer schmecken – „Das muss so“, sagt der strenge Gastronom, und irgendein Wichtigtuer fügt hinzu, Weintrinken wolle eben gelernt sein, es sei denn, man begnüge sich mit gefälligem Durchschnitt.

Nach dieser Belehrung lässt sich jede Frau die Unsitte gefallen, dass im Restaurant stets dem Mann die Weinkarte vorgelegt wird, nicht ihr. Das Resultat kennen wir. Vielleicht wären wir weiter, ließe man in Zeiten, in denen die Frauen selbst bezahlen, sie auch den Wein auswählen. Denn mag das Rollenmodell vom harten Mann auch weltweit ausgespielt haben: Beim Weintrinken kommt es wieder voll zum Tragen. Wein muss man sich erarbeiten, sagt er, wenn seine Liebste den zarten Mund verzieht. Der erschließt sich nicht gleich, sagt er kennerisch, und natürlich traut sich seine Begleiterin nicht, einen Fehlton zu vermuten – woher denn auch? Sie ist es kaum anders gewohnt, zumal in landläufigen Restaurants auch Wein mit Korkfehler gnadenlos ausgeschenkt wird. Das nette weibliche Bedienungspersonal sagt im Zweifelsfall mit stolzer innerer Überzeugung: „Keine Ahnung! Ich trinke so was nicht.“ Recht hat sie – so was kann man auch nicht trinken, diesen obskuren Stoff, bei dem womöglich reine Natur ist, was man gnädigerweise als Korkfehler verdächtigen möchte. Da muss schon knallhart sein, wer das aushalten will. So verkaufen in unheiliger Allianz mediokre Winzer, geschmacklose Wirtsleute und harte Männer der Damenwelt Weinbotschaften aus dem Wilden Westen: Da muss man durch. Das tut nur beim ersten Schluck noch weh.

Kultur. Muss. Wehtun

Was einmal so gelernt wurde, nimmt man mit, auch ins bessere Restaurant. Da heißt es dann: Ein großer Jahrgang, braucht Zeit. Vielleicht ist er ja noch ein bisschen verschlossen, der kommt noch, sollst mal sehn. Sicher, der ist gewöhnungsbedürftig, er entspricht eben nicht dem Massengeschmack. Gut Ding will Weile haben. Auch Coca-Cola schmeckt. Der hat ganz viele Punkte im… (wahlweise: Eichelmann, Parker, Hachette, Gambero Rosso). Der muss nicht schmecken, war teuer, ist Kultur. Und Kultur. Muss. Wehtun.

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