Robert Parker, Hugh Johnson, Michael Broadbent, Daniele Cernilli und Michel Bettane – das sind die Namen der weltweit einflussreichsten Weinkritiker. Fällt Ihnen etwas auf? Es sind Männer, die mit ihren Voten das Kaufverhalten vieler Weinliebhaber beeinflussen. Männer machen Wein, sie degustieren und sie bewerten ihn. Da ihnen nun einmal gefällt, was stark und würzig ist, thronen an der Spitze ihrer Qualitätspyramide stets leistungsmaximierte Weine.

Die Suche nach absoluter Konzentration ist bei den Männern vermutlich genetisch fixiert – das haben auch die Werbetexter für Fisherman’s-Friend-Pfefferminzpastillen erkannt und auf den Punkt gebracht: "Sind sie zu stark, bist du zu schwach." Das Grenzgängerische ist schon immer eine Domäne des starken Geschlechts gewesen. Wie sonst ist es zu erklären, dass Männer Rotweine mit Gerbstoffausstattung preisen, die bei Untrainierten den haptischen Eindruck "Wollmammut" auf der Zunge auslösen. Oder was ist von jenem Geruchsphänomen zu halten, das normale Menschen schlagartig traumatisiert, weil ihnen etwas aus dem Glas entgegenströmt, das sie an Fäkaliengrube im Hochsommer erinnert – die Vorkoster uns dies aber feinsinnig als animalische Noten verkaufen. Männer lesen ja auch Zeitung auf dem Klo.

Ob Frauen anders schmecken, ist schwer zu sagen. Aber ob sie andere Weine bevorzugen, das lässt sich relativ leicht feststellen. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben wir zwei Versuchsgruppen in die ZEIT- Redaktion am Hamburger Speersort eingeladen: zehn Männer, zehn Frauen. Profis darunter, Novizen, Amateure, Durchschnittstrinker. Die Instruktion der Probanden fand im Plenum statt, anschließend zog sich die Herrenmannschaft in die Räume des Ressorts Dossier zurück, die Damenauswahl verkostete eine Etage tiefer in der Redaktion Wissen.

Bei der Probenfolge haben wir einen Bruch mit den Usancen der Branche riskiert. Statt eine einzige Rebsorte oder Region an den Start zu bringen, haben wir uns für eine möglichst große Bandbreite von Weinen entschieden: von unterschiedlicher Herkunft und Rebsorte, sowie verschiedener Jahrgänge. Sie wurden anonym probiert. Zu jedem Wein gab es einen Fragebogen mit einer Bewertungsskala von null ("Lehne ich total ab") bis sechs ("Für mich ein großer Genuss"). Es gab auch Platz für kurze Kommentare. Jeder Teilnehmer musste im Stillen urteilen, Unentschlossene sollten nicht von lautstarken Alphatieren beeinflusst werden.

Interessant ist der Blick auf die Bewertungsmentalität: Die Männer vergaben insgesamt 18-mal die Null, dass heißt, 12 Prozent aller Weine sind bei ihnen durchgefallen. Die Frauen notierten die Null nur 9-mal – das entspricht einer Quote von 6 Prozent. Haben Männer Lust an der Bestrafung, oder lassen sie sich nur schwerer überzeugen? Beim Loben hingegen sind die Damen Spitze: 11-mal haben sie die Traumnote "Sechs" vergeben, das entspricht rund 7 Prozent. Wenn es funkt, lassen sie sich mitreißen. Die Männer sind viel knauseriger – lediglich 2-mal haben sie zur Höchstnote gegriffen, rund ein Prozent. Sie projizieren ihre Sehnsüchte anscheinend auf den nächsten Wein und erwarten immer noch eine Steigerung – ihnen ist kaum was gut genug. Wundert man sich, dass viele Kinder mit einem Vaterkomplex herumlaufen?

Massenweine zwischen Ablehnung und Begeisterung

Offenbar sind Frauen dem Wein gegenüber positiver eingestellt. Sie sind leichter glücklich zu machen und drücken das in ihren Urteilen auch deutlich aus, indem sie fast alle Weine höher bewerteten als Männer. Dieses Phänomen zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Probe. Frauen sind unvoreingenommener und bestätigen, was wir bei Weinproben häufig erleben: Während die Männer noch überlegen, ob sie den Wein überhaupt gut finden dürfen, haben die Frauen ihr Urteil längst gefällt.

Das ist überhaupt typisch für Männer, ihre Mutmaßungen, mit denen sie einen Wein vor ihrem eigenen Urteil schützen wollen, wenn sie unsicher sind. Das hört sich dann so an: "Man möchte ihn loben – aber er lässt einen doch ein wenig enttäuscht zurück. Vielleicht braucht es ein wenig Zeit, um seine verborgenen Talente zu entdecken", orakelt Matthias Naß über den Turning Leaf von Gallo, einen Cabernet Sauvignon aus Kalifornien. Die Frauen gehen anders zur Sache, weniger zimperlich, direkt und pragmatisch: "Unausgewogener, flacher Typ – zum Vergessen" (Frauke Spengler Castillo).