Gibt es Banaleres als einen neuen Warnlichtschalter bei Audi? Wenn man die fünfzehn Mitglieder des Ingolstädter "Teams für Betätigungshaptik" fragen würde, bekäme man zur Antwort: Alles ist banaler! Nichts bewegt sie mehr. Und wenn sie sich über den zwanzigsten Entwurf eines solchen Knopfes beugen, glaubt man Köche bei der Beurteilung eines Wackelpuddings zu erleben: In ihrer Diskussion spielen Begriffe wie Labberigkeit und Steifigkeit eine zentrale Rolle. Hundertmal wird der Knopf dann gedrückt, energisch und schlapp, nervös und nebenher, sensibel und analytisch. Fragebögen werden ausgefüllt, Diagramme verglichen. Und am Ende heißt es: Okay, Audi-Feeling. Oder auch nicht.

Dass sich ein bestimmtes Gefühl nicht notwendig einstellt, wenn das Auto einwandfrei läuft, ist bekannt. Es muss auch klasse aussehen. Gut riechen. Erfreulich klingen. Weniger bekannt ist, dass Kunden Autos auch mit der Fingerkuppe kaufen. Weil es entscheidend zum Wohlbehagen oder zum Verdruss des Autofahrers beitragen kann, wenn die Kontaktstellen zwischen Menschenhaut und Maschinenoberfläche angenehm und intelligent gestaltet sind oder nicht. Diese Erkenntnis berücksichtigt man in Ingolstadt bereits seit 1995, wenn man ein Auto entwickelt hat - länger als die meisten Autohersteller. Audi hat dazu aus verschiedenen Abteilungen Mitarbeiter in ein Haptikteam berufen. Haptik, das ist die Lehre vom Tastsinn, sollte letztlich helfen, Autos so zu bauen, dass der Fahrer, egal ob er zum Türgriff, zum Schalthebel oder zur Leuchtweitenregulierung greift, nur eins spürt: Audi.

Noch in den sechziger Jahren kam ein Auto mit kaum zehn Bedienelementen aus: Lenkrad und Schalthebel, Hupe, Licht, Heizung, Fensterkurbel, Sitzverstellung, Handbremse. Plus Pedale. Der Eigner eines aktuellen C-Klasse-Wagens von Mercedes hat Zugriff auf beinahe 100 Schalter. Die Kommunikation nicht nur mit dem Auto, sondern mit jeder Art von Technik wird komplexer, Knöpfe drücken wir heute in jeder Lebenslage. In der Gletscherspalte (Handy). Im Bett (Kopfteilverstellung). Am offenen Grab (zum letzten Mal die Beatles). Doch je häufiger wir Knöpfe drücken, umso deutlicher werden die täglichen haptischen Katastrophen. Um einem Outdoor-Geldautomaten Bargeld zu entlocken, bedarf es eines Hammers zur Eingabe der Geheimzahl. Oder man denke an die infrarotsensiblen Türöffner des ICE: Sie reagieren auf unsere Daumen nach den Gesetzen der Chaostheorie.

Ein Knopf, ein Taster, ein Wipp-, Kipp- oder Drehschalter - das sind eben keine trivialen Produkte. Sie beeinflussen nicht nur im Fahrzeug Sicherheit, Ergonomie und Wertanmutung. Ein Lenkrad, auf dem man die Hupe nur mittels Versuch und Irrtum findet, ist gefährlich - wie etwas bei Hyundai. Billig wirkende Schalter gefährden das mühsam aufgebaute Zuverlässigkeitsimage eines Skoda. Überdies haben Knöpfe mit Komfort zu tun.

Chef und einziges ständiges Mitglied des jeweils ad hoc zusammengetrommelten Haptikteams ist Gerhard Mauter. Sein Job ist es, den haptischen Wert eines Bauteils in Zahlen zu fassen, sodass ein Konstrukteur oder Zulieferer mit den Werten etwas anzufangen weiß. Das ist außerordentlich schwer. Der Tastsinn unterliegt individuellen Schwankungen. Nicht nur die Psyche spielt eine große Rolle. Auch die Herkunft (deutsche Autokäufer gelten als extrem kleinlich). Und wie soll man einen Labberigkeitskoeffizienten berechnen, definierte Endanschläge beziffern?

Was man berechnen kann, ist der Druck, mit dem man einen Schalter betätigt, und wie er sich mit dem Schaltweg ändert. Drückt man im Auto auf "Radio On", immer stärker, dann lässt plötzlich der Gegendruck nach, es gibt ein kleines Klicken, dann steigt der Druck am Zeigefinger wieder an, bis es nicht mehr weitergeht. Das Radio ist nun eingeschaltet. Untersucht man diesen Schalter und überträgt die Werte in ein Diagramm, bekommt man ausgefranste Zitterlinien. Die stehen für ein verwaschenes Schalterlebnis. Oder einen feinen linearen Anstieg, der beim Schalten kurz und markant unterbrochen wird. Dann hat man einen "knackigen" Schalter. Wenn ein Schalter ein Kommunikationsorgan zwischen Mensch und Maschine ist, schlägt sich in Mauters Kraft-Weg-Diagrammen die Sprache der Schalter nieder. Früher mussten die Audi-Haptiker Hunderte von Schaltern ausprobieren. Heute können sie einen bestellen, der diese oder jene Sprache spricht.

Mercedes, sagen die Audi-Leute, montiere immer noch "grobschlächtige, bauernhafte" Schalter. Zwar sei deren Sprache klar, doch auch "schmerzhaft". Solche Schalter beleidigen sensible Fingerkuppen. Der Haptikfachmann spricht dann vom "Knackfroscheffekt". Das überdeutliche "Knack" beim Schalten biete zwar ein hervorragendes haptisch-akustisches Feedback - man weiß genau, auch ohne hinzuschauen, ob die Heckheizscheibe jetzt unter Strom steht. Bauernhaftes Schalten fühlt sich aber einfach nicht schön und schon gar nicht hochwertig an. Die billigen Silikon-Schaltmatten dagegen, die ostasiatische Hersteller gern einbauen, knacken gar nicht. Dafür melden sie aber auch nicht, ob überhaupt geschaltet wurde. Audi peilt Kompromisse an. Mehr Knackfrosch für den Sportwagen TT, weniger für das Nobelauto A8.