Empört haben die europäischen Regierungen das in der angeblich von Bin Laden gesprochenen Erklärung enthaltene „Angebot“zurückgewiesen, nach der Al Qaida auf Terroranschläge in Europa verzichten wolle, sofern sich die Europäer nicht mehr an „Angriffen gegen Muslime“ beteiligen würden, sprich: sich aus Irak und Afghanistan zurückziehen und sich im eigenen europäischen Haus den Forderungen des islamischen Fundamentalismus, etwa in der Kopftuchfrage, beugen würden.

Mit Verbrechern, heißt es einhellig, dürfe es keine Verhandlungen geben. Dies ist die einzige richtige Antwort auf die dreiste Offerte der Terroristen. Die Frage ist allerdings, ob Europas Standfestigkeit tatsächlich so groß ist, wie es in diesen Statements zum Ausdruck kommt. Nach den Anschlägen von Madrid war von vielen Kommentatoren die Warnung vor einer spanischen „Appeasement“-Politik als absurd zurückgewiesen worden. Viele bestritten, dass es überhaupt einen Zusammenhang zwischen der massenmörderischen Attacke und der Haltung der Europäer zum Irak-Krieg gebe. Der Terror der Terroristen sei irrational und habe gar nichts mit konkreten politischen Etappenzielen zu tun.

Diese Auffassung lässt sich spätestens nach den neuesten Verlautbarungen der Al Qaida nicht mehr aufrecht erhalten. Es wird deutlich, dass die Extremisten genau jener Strategie folgen, mit der es auch schon frühere totalitäre Mächte probiert haben: Europa durch Einschüchterung von Amerika zu trennen, weil sie in Europa den Schwachpunkt der westlichen Einheit erkannt zu haben glauben. Deshalb verknüpfen sie ihre mörderischen Drohungen mit dem Angebot der Verschonung unter gewissen, ihnen genehmen Bedingungen. Der islamistische Terror, das sollte jetzt klar sein, ist nicht blindwütig, sondern folgt einem klar erkennbaren, taktischen und strategischen Schema. Erstes taktisches Ziel: der Vertreibung der Amerikaner aus dem Irak ein gutes Stück näher zu kommen, indem man seine europäischen Verbündeten dazu zwingt, sich aus der Unterstützerkoalition zurückzuziehen.

Diese Absicht verfolgen auch die Geiselnehmer im Irak, die bereits einen Italiener ermordet und gedroht haben, weitere italienische Geiseln umzubringen, sollte Italien nicht binnen Kurzem seinen Abzug aus dem Irak erklären. Nach Spanien jetzt Italien – das Muster ist klar. Die große Frage, die sich dabei stellt: ob diese mörderischen Erpressungsversuche auf die Haltung der europäischen Regierungen auf Dauer tatsächlich ohne Wirkung bleiben werden. Wenn etwa jetzt die italienische Bevölkerung im Fernsehen die verzweifelten Angehörigen der Geiseln sieht, die darauf warten müssen, dass ihre Männer oder Brüder von den Terroristen barbarisch abgeschlachtet werden – wie lange hält eine demokratische Öffentlichkeit derartige psychische Torturen aus? Könnte man sie sich nicht ganz einfach ersparen, lautet ein verführerischer Gedanke, indem man sich aus einem Krieg zurückzieht, von dessen Sinn man ohnehin nicht überzeugt ist?

Genau auf diesen Effekt zielt der Terror der Extremisten. Er führt der humanistisch empfindsamen Öffentlichkeit der westlichen Demokratien vor, dass er vor keiner noch so entfesselten Brutalität zurückschreckt, um seine Ziele zu erreichen. Gleichzeitig sendet er heuchlerische Signale aus, dass es doch ganz einfach sei, sich diese grauenhafte Bedrohung zu ersparen. Ob zu Recht oder zu Unrecht – dass die Anschläge von Madrid zu einer Veränderung der spanischen Politik geführt haben, gilt den islamistischen Extremisten als Beleg dafür, dass diese Linie Früchte trägt.
War also die – vor kurzem bekräftigte - Ankündigung des spanischen Ministerpräsidenten Zapatero, er werde die spanischen Truppen Ende Juni aus dem Irak abziehen, falls die UN bis dahin nicht die Federführung über den Truppeneinsatz übernommen haben sollte, bereits eine erste Geste des „Appeasement“?

Streng historisch genommen, ist „Appeasement“ natürlich nicht das passende Wort für die Motive, die hinter dem spanischen Wahlergebnis und der Absichtserklärung der neuen Regierung in Bezug auf den Irak steckt. Bei der „Appeasement“-Politik der Westmächte Großbritannien und Frankreich in den dreißiger Jahren handelte es sich um eine offen formulierte politische Strategie von Regierungen gegenüber einer anderen Regierung und deren expliziten Ansprüchen auf Veränderung des Status Quo in Europa. Seit 1935 bestand diese Politik aus einem beständigen Zurückweichen vor den Forderungen und aggressiven Akten Hitler-Deutschlands: die Bedingungen des Versailler Vertrags wurden außer Kraft gesetzt, die unbegrenzte Wiederaufrüstung Deutschlands und die Besetzung des Rheinlands ebenso hingenommen wie der „Anschluss“ Österreichs. Auf der Münchner Konferenz 1938 vereinbarten England und Frankreich ohne Beteiligung der tschechischen Regierung die Abtretung des Sudentenlandes an das „Deutsche Reich“. Selbst als Hitler unter Bruch dieses Abkommens auch den Rest der Tschechoslowakei besetzte, konnten sich die Westmächte zu keiner entschiedenen Gegenreaktion durchringen.

Zumindest hinter der Appeasement-Politik Englands steckte mehr als nur die Kalkulation, durch das Eingehen auf vermeintlich „legitime“ deutsche Forderungen den aggressiven Emporkömmling zu beschwichtigen und einen neuen großen Krieg zu verhindern. Der britische Premier Chamberlain und, mehr noch, sein Außenminister Lord Halifax hegten kaum verhohlene Sympathien für das Regime des Nationalsozialismus - vor allem wegen seiner Fähigkeit, mit dem Kommunismus „fertig zu werden“. „Appeasement“ war somit nicht nur ein Zeichen von objektiver (militärischer) Schwäche und subjektiver Unentschlossenheit der großen europäischen Demokratien; diese Politik grenzte in ihren extremen Momenten an Kollaboration und Komplizenschaft mit der Nazi-Diktatur.