Grossbritannien Londons freie Radikale
Immer mehr britische Muslime, vor allem junge, verachten westliche Werte
London
Alis Hand fährt die Kehle entlang. Es ist eine vielsagende Geste, mit der er die Frage beantwortet, ob die Koalition im Irak einen stabilen Staat hinterlassen werde. Ali, als Sohn pakistanischer Einwanderer geboren, hat eine erstaunliche Wandlung vollzogen. Vor zwölf Jahren wirkte er durch und durch westlich geprägt, charmant, geschäftstüchtig, mit ausgeprägter Vorliebe für einen städtischen Lebensstil. Er liebte Partys, Bier und gelegentlich einen Joint, kurvte stolz mit seinem Golf GTI herum und hatte eine blonde englische Freundin. Bemerkenswert entspannt angesichts des abgrundtiefen Misstrauens zwischen Pakistanis und Indern war sein Verhältnis zu den Söhnen des benachbarten indischen Zeitungsverkäufers. Zu ihnen pflegte er beinah freundschaftliche Beziehungen. Alis Vater, Besitzer eines kleinen Supermarktes auf der anderen Seite der Old Brompton Road im eleganten Londoner Stadtteil South Kensington, schien nicht besonders begeistert vom Lebensstil seines Sprößlings. Zeigte Ali doch damals keine Neigung, wie sein Vater zu Pilgerfahrten nach Mekka aufzubrechen.
Diese Tradition hatte das Familienoberhaupt nach der „Gotteslästerung“ Salman Rushdies wiederbelebt. Die Satanischen Verse lösten nicht nur bei Alis Vater, sondern bei vielen britischen Muslimen den ersten Schub einer Radikalisierung aus, die bis heute anhält. Mit Bücherverbrennungen und der Fatwa gegen Rushdie schwappte die fundamentalistische Welle der iranischen Revolution nach England. Ihre Wirkung ist seither stetig gewachsen. Sie beeinflusst das Denken auch moderater Muslime, die niemals Terrorakte begehen würden.
In diese Kategorie fällt wohl auch Ali, der auf große Distanz geht zu jenen jungen Muslimen, die kürzlich mit über einer Tonne Sprengstoffzutaten verhaftet wurden, bevor sie damit in der Londoner U-Bahn oder auf einer belebten Einkaufsstraße Massenmord verüben konnten. Das seien „Wahnsinnige“, sagt er. Doch der Enddreißiger hat sich in einen ernsten Mann verwandelt, der „seinen Glauben“ entdeckt und, politisch einst völlig unbeleckt, zugleich klare politische Überzeugungen entwickelt hat. Amerika, sagt er, sei das „Übel der Welt“ und wolle „den Islam vernichten“. Der Irak-Krieg dient Ali dabei nur als ein Beleg. Die Liste westlicher Untaten, die er anführt, ist lang, sie reicht von Afghanistan bis Palästina. Für Bush wie Blair findet er nur die härtesten Worte.
Wie eine wachsende Zahl britischer Muslime bezieht Ali seine Informationen fast ausschließlich aus den Sendungen von al-Dschasira. Das arabische Satelliten-TV entwickelt sich zum Leitmedium auch der islamischen Diaspora. Alle arabischen Zeitungen Londons müssen, ob sie wollen oder nicht, dem Al-Dschasira-Faktor Rechnung tragen. Der Sender bietet unablässig eine beinah orgiastische Abfolge von Tod und Zerstörung, sei es aus Falludscha, Bagdad oder Palästina. Sein Publikum erfährt nicht, wie die Iraker ein Jahr nach dem Krieg die Lage ihres Landes beurteilen. Systematisch nährt der Sender das Gefühl, die Welt der Ungläubigen habe sich gegen den Islam verschworen. In diesem Klima, klagt ein Redakteur der arabischsprachigen Londoner Zeitung al-Hayat, gelten politisch differenzierte Artikel fast schon als „Verrat“. Verschwörungstheorien, selbst die ominösen antisemitischen „Protokolle der Weisen von Zion“, haben Dauerkonjunktur, werden in Pamphleten und überall erhältlichen Audio- und Videokassetten verbreitet, dominieren in privaten Diskussionen und fließen selbst in Kommentare ein.
„In zehn Jahren möchte ich der nächste bin Laden sein“
Londinistan nannten einst erboste französische und amerikanische Geheimdienstler die britische Metropole, weil sich dort Dutzende von islamistischen Gruppen ziemlich unbehelligt tummeln konnten, die anderswo, auch in arabischen Staaten, als Terrororganisationen eingestuft sind. Das hat sich inzwischen geändert. Das Leben ist ungemütlicher geworden für islamistische Extremisten, doch zugleich wuchs die Gefahr eines Anschlages. Polizei und Geheimdienste warnen unablässig, es sei keine Frage des „ob“, sondern nur des „wann“, bis England an der Reihe sei.
Weiterhin missbrauchen Scharfmacher die Freiheit und Sozialleistungen des Gastlandes, das sie in eine islamische Republik unter dem Joch der Scharia verwandeln wollen. Ein Prediger wie Abu Hamza, wegen der Eisenhaken an seinen Armstümpfen „Captain Hook“ getauft, darf zwar nicht mehr in der Moschee von Finsbury Park sein Gift verspritzen. Stattdessen ruft er nun unter freien Himmel zum Dschihad auf, umgeben von finster dreinblickenden, maskierten jungen Männern. Als gefährlich eingestuft ist auch die Gruppe al-Muhadschirun unter Führung von Mohammed al-Bakri. Ihre Mitglieder sind stets zur Stelle, wenn es gilt, Hass zu schüren. So als kürzlich vor der Moschee im Regents Park demonstrativ der Union Jack, die britische Flagge, verbrannt wurde, während drinnen 2000 Muslime zum Gebet versammelt waren.
- Datum 15.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.04.2004 Nr.17
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