Was haben der "Große" und der "Kleine Satan", alias George Bush und Ariel Scharon, angestellt, um so viele offene Wutausbrüche in der arabischen und so viele verklausulierte in der europäischen Welt zu provozieren – schon bevor die Israelis den Hamas-Terrorchef Rantisi umgebracht hatten? Wie hatten sie es geschafft, auch Kanzler Schröder, Seit’ and Seit’ mit dem Ägypter Mubarak, gegen Bush in Stellung zu bringen, nachdem der sich mit Scharon getroffen hatte?

Dreierlei ist geschehen. Erstens will Scharon Gaza komplett räumen. Zweitens: "Unrealistisch", so Bush, sei die Forderung an Israel, sich gänzlich hinter die Grenzen von 1967 zurückzuziehen, also sollen manche Siedlungen am Westufer bleiben dürfen. Schließlich waren sich beide einig, es könne für die Flüchtlinge von 1948/49 kein "Rückkehrrecht" ins israelische Kernland geben.

Ein alter Hut aus Camp David

Thomas Friedman, Kolumnist der New York Times , wähnt, dass Bush dergestalt das gesamte "nahöstliche Schachbrett" umgestoßen habe. Manche EU-Außenminister haben bei ihrem Treffen im irischen Tullamore vor Empörung geradezu gezittert – etwa der belgische, der von einer "dreifachen Demütigung" sprach: der Palästinenser, Araber und Europäer.

Wie kurz doch das Gedächtnis von Außenministern ist und wie schlecht das ihrer beamteten Berater! Oder schlimmer: Blind macht der Hass auf Bush und Scharon, der die politische Klasse Europas zwischen Malmö und Madrid über alle ideologischen Grenzen hinweg vereint. Sonst wäre das Offenkundige nicht verdrängt worden: Fast alles, was die beiden in Washington verkündet haben, ist ein alter Hut – so alt wie Camp David 2000, dessen Scheitern nicht zuletzt die Europäer verbittert hatte.

Auf dem Programm von Bill Clinton und Ehud Barak standen damals: Abzug aus Gaza zu 100 und aus dem Westjordanland zu 92 Prozent; territoriale Kompensation, Aufgabe der Siedlungen bis auf jene auf den restlichen acht Prozent des Landes, eine palästinensische Hauptstadt in Jerusalem; Rückkehr von Flüchtlingen nach Palästina, nicht aber nach Israel, weil das die demografische Eroberung Israels bedeuten würde; dafür großzügige Finanzhilfe für die Eingliederung. Im Januar 2001 erhöhten die Israelis auf 95 Prozent. Dennis Ross, Clintons Sonderbotschafter, erinnert sich: "Arafat wischte jeden Vorschlag (Clintons) vom Tisch." Und: "Vollständig unwahr" seien jene Behauptungen, wonach es sich bei den 95 Prozent bloß um "Kantone", also um ein Gemenge von Bantustans gehandelt habe.

Dass die Europäer und Russen sich übergangen fühlen, ist verständlich, sind sie doch zusammen mit den USA und UN Partner in jenem "Quartett", das die "Roadmap" zum Frieden verwaltet. Nur steht hier nicht die Eitelkeit von Kleinstaaten wie Belgien zur Debatte, sondern ein "Fahrplan", der seit Drucklegung vor einem Jahr nur ins Leere geführt hat, weil die Antwort von Hamas und Co. der Terror war. Joschka Fischer hat als Einziger in Tullamore einen klaren Kopf bewahrt. "Wenn es zu einem Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen kommt", sagte er der Welt , "und einige Siedlungen im Westjordanland aufgegeben werden, dann ist das ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung."

Diese diplomatische Formulierung wird der Revolution, die Bush und Scharon losgetreten haben, nicht gerecht. Dieser jüdische Imperialist (in europäischen Karikaturen gern als Nazi gezeichnet) will plötzlich die Siedlungen aufgeben, deren Gründung er seinerzeit in Gaza vorangetrieben hatte? Er will sogar solche im Westjordanland räumen, wiewohl nicht alle, die Barak/Clinton Anfang 2001 im Angebot hatten. Warum wütet dann die arabische Welt? Weil Scharon die Todsünde begeht, all dies einseitig und nicht unter Aufsicht von EU, UN und Russland zu tun.