Meinen Brüdern und mir wurde von unseren Tanten, Großmüttern und natürlich von unserer Mutter viel vorgelesen. Ich liebte vor allem Abenteuergeschichten wie Lederstrumpf und Enid Blytons Geheimnis- Bücher oder die Bücher von Karl May. Als Schüler habe ich sie wieder und wieder selbst gelesen.

Den bleibendsten Eindruck hat bei mir Das Leben und die seltsamen Abenteuer des Robinson Crusoe von Daniel Defoe hinterlassen. Gegen den Willen seiner Eltern (sein Vater ist Kaufmann in York) fährt Robinson zur See, besteht Abenteuer und wird nach einem Schiffbruch als einziger Überlebender auf eine einsame Insel verschlagen. Dort schafft er sich eine eigene Zivilisation.

Daran fühlte ich mich erinnert, als ich ganz auf mich allein gestellt vor mehr als 20 Jahren die ersten Schritte in der Mikrotherapie ging. Aus dem Nichts eine Struktur formen, nicht unglücklich sein, wenn niemand da ist, der helfen kann. Darin war und ist mir der Held meiner Kindheit ein Vorbild.

Dass weniger mehr ist, habe ich mit dem schiffbrüchigen Seemann entdeckt. Erst der erzwungene Verzicht ermöglicht ihm den Blick auf das Wesentliche. Mit Beharrlichkeit schafft sich Robinson Crusoe ein neues Zuhause und richtet sich dort ein. Aber gleichzeitig baut er ein Boot, um in eine andere Welt zu gelangen. Trotz seiner Einsamkeit entwickelt er mit Gottvertrauen Lebensfreude und Lebensmut. Er steht zu sich und geht unbeirrt seinen Weg. Er stellt das Boot fertig. Er rettet einen "Wilden", den er Freitag nennt. Er macht ihn zu seinem Gefährten, bringt ihm das Sprechen bei und bekehrt ihn zum Christentum.

Auch die humanistische Botschaft des Romans hat mich beeindruckt. Die tiefe Liebe zur Natur, zum Leben, zu allen Kreaturen. Der Respekt vor den Fremden, den "Andersfarbigen" und der Wille zum friedlichen Miteinander, zur gemeinsamen Weiterentwicklung. Der Wunsch, den Unwissenden und Ungläubigen wissend zu machen. All das ist heute so aktuell wie vor 300 Jahren, als das Buch geschrieben wurde.

Nicht nur das Buch selbst habe ich in lebendiger Erinnerung, sondern auch das Vorlesen, meistens abends vor dem Einschlafen. Diese Stunden gehören für mich zu den schönsten meiner Kindheit und Jugend. Man lernt etwas, lässt sein Denken anregen und seine Fantasie, das ist nach wie vor viel schöner als fernsehen. Als Kinder haben wir nach dem Vorlesen gern geredet und das Vorgelesene vertieft. Mal überwog die Spannung, mal die Heiterkeit, immer war es ein schönes Erlebnis der Gemeinsamkeit.

Später, als Vater kleiner Kinder, konnte ich das Gefühl noch einmal genießen. Vorlesen macht genau so viel Spaß, wie sich etwas vorlesen zu lassen.