interview „Das ist Betrug an den Studenten“
Ein Gespräch mit DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun über Jobchancen in der Pharmabranche, ein Studium im Ausland und die Versäumnisse der Bildungspolitik
Herr Braun, Ihre Karriere ist ungewöhnlich: Sie haben eine Ausbildung als Bankkaufmann in Kassel gemacht, danach haben Sie Praktika in den USA und England absolviert…
…ja, ich bin ungelernter Manager…
…der nie studiert hat. Muss man das für eine Karriere in der Pharmabranche nicht?
Ich würde es genau so wieder machen. Viele Bewerber glauben, dass sie nur mit einem vollakademischen Studium eine Chance haben; auch die Personalabteilungen haben ihre Anforderungen so eingestellt. Der praktische Aufstieg ist überall schwieriger als noch vor Jahren. Dennoch: Wer wirklich gut ist, wird auch nach oben kommen. In unserem Unternehmen konnte der Volksschullehrling zum Direktor aufsteigen.
Das gilt auch heute noch?
Nicht mehr uneingeschränkt. Wer früher von der Hauptschule in die Lehre kam, konnte richtig lesen und schreiben. Heute ist das selbst bei vielen Gymnasiasten nicht mehr garantiert.
Das ist doch Schwarzmalerei.
Nein. Die junge Generation hat heute ein anderes Selbstverständnis. Wenn es heute heftig schneit, rufen schon die ersten Lehrlinge an und meinen, sie könnten nicht zur Arbeit kommen. Das war früher anders: Als am 1. April 1945 ein neuer Lehrling von der anderen Fulda-Seite bei uns anfangen sollte und die Brücke über die Fulda gesprengt war, nahm der sich ein Boot, um seinen Dienst pünktlich anzutreten. Er wurde später Leiter unserer Finanzabteilung.
Früher war also alles besser?
Das hängt von den Personen ab; es gab früher welche, die wollten, und es gibt heute welche, die wollen. Vielleicht haben sie sich früher mehr eingesetzt.
Wenn jemand in Ihrer Branche Karriere machen will, was soll der studieren?
Etwa Ingenieurwissenschaften. Das ist ein Wachstumsfeld, denn Computer werden nie alle Statiken und alle Maschinen berechnen können. Solche Kenntnisse kann man auch nicht einfach via Internet in ein anderes Land verpflanzen.
In Pharma- und Medizintechnik sehen Sie wohl keine Zukunftschancen mehr, jetzt nach der Gesundheitsreform?
Doch, selbst wenn es in den nächsten zwei Jahren dem Markt schlechter geht. Die Entwicklungslinie ist eine mit Zacken, und die geht mittelfristig nach oben, wenn es gelingt, mehr Menschen trotz Diabetes oder Bluthochdruck länger leben zu lassen. Etwa in Asien gibt es einen riesigen Nachholbedarf. Biochemie und Medizin sind, wenn man sich richtig und früh spezialisiert, Studienfächer in einem Wachstumsfeld.
Das klingt nach „Alles wird gut“. Und Ihr Ratschlag an junge Menschen ist: „Sorge dich nicht, studiere“?
Unsinn. Man muss studieren, wo man sich engagieren will und was einem Spaß macht. Aber man muss auch brillant sein und darf nicht so sehr Erlebnisstudent spielen.
In einem Thesenpapier des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, dem Sie vorstehen, heißt es: „Bildung schenkt Freiheit – wer gut ausgebildet ist, wird überall auf der Welt gebraucht.“
So ist es. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Viele junge Menschen sehen das anders: Sie haben erstklassige Zeugnisse bekommen, hochkarätige Praktika gemacht – und sie finden trotzdem keinen Job.
Vorsicht. Gute Zeugnisse stehen nicht automatisch für gute Ausbildung. Das ist die gleiche Mär wie bei der Wiedervereinigung, als behauptet wurde, in Ostdeutschland gäbe es Millionen gut ausgebildete Menschen, die wir überall einsetzen könnten. Das war falsch. Unsere Universitätsausbildung ist genauso schlecht wie unsere Schulausbildung.
Viele Leute mit Spitzenexamina bekommen keine Stellen.
Man muss natürlich bei der Studienwahl berücksichtigen, wo es Bedarf gibt und wo nicht – bei aller Liebe zum Fach. Die Spitzenleute an der Schule und an der Universität haben kein Problem, irgendwo unterzukommen.
Sind die Studenten selbst schuld an der Jobmisere?
Nein, auch die Lehre ist oft schlecht und muss besser werden, es traut sich nur niemand, das den Herren Professores mal offen zu sagen. Wir müssen nicht nur mehr Leistung von den Studenten fordern, sondern auch von den Professoren.
Das könnte man durch Elite-Universitäten ändern, die sowohl in der Forschung als auch in der Lehre stark sind.
Elite-Unis kann man nicht befehlen, sie müssen wachsen. Das Gute an der Diskussion ist nur, dass die Sozialdemokraten das Wort Elite in den Mund nehmen, ohne sich zu schämen.
Soll man die Leistung von Lehrkräften evaluieren und schlechte Professoren schlechter bezahlen?
Professoren sollten nur für fünf Jahre berufen werden. Jedes Jahr soll der Universitätspräsident ein Beurteilungsgespräch mit ihnen führen und Ziele für das nächste Jahr vereinbaren. So mache ich das mit meinen Mitarbeitern.
Das ist keine neue Forderung.
Nein, aber sie zeigt, wie lang die Versäumnisse der Landesregierungen – nicht der Bundesregierung, denn Bildung ist bekanntlich Ländersache – andauern. Alle haben nicht das Notwendige getan.
Auch die im gerühmten Bayern und Baden-Württemberg?
Alle.
Trotzdem studieren zwei Ihrer Kinder an einer staatlichen Universität.
Die spüren dort auch häufig, wie schlecht es um die staatlichen Universitäten bestellt ist. Manche Professoren sind schlecht, manche sind aber auch sehr gut.
Haben Sie Ihren Kindern nicht geraten, ins Ausland zu gehen?
Sie haben ja im Ausland nach zwölf Jahren Abitur gemacht. Ein Auslandsjahr im Studium ist prinzipiell eine gute Sache, doch viele deutsche Universitäten erkennen die dort erbrachten Leistungen nicht an. Das ist Betrug an den Studenten. An den deutschen Wissenschaftsministern und den Universitäten ist vollkommen vorbeigegangen, dass wir uns seit 1957 um eine europäische Einigung bemühen.
Trauen Sie Ihren Kindern zu, mal den Konzern zu übernehmen?
Wenn sie sich bewähren, ist durchaus die Perspektive für eine Nachfolge da.
Welche Fähigkeiten braucht man als Chef eines Weltkonzerns, der in der nordhessischen Provinz sitzt?
Man muss das Geschäft profund kennen, und man muss skeptisch sein – man darf nicht glauben, etwas geht nicht, nur weil es einmal nicht geklappt hat.
Muss Ihr Nachfolger als Vorstandschef etwa auch die B.Braun-Erfindung Sterofundin, die Mutter aller Infusionslösungen, erläutern können?
Sicher, aber nicht am ersten Tag. Es gehört immer dazu, dass man weiß, welche Produkte man verkauft – und nicht nur das Etikett kennt.
Ihre Tochter hat Theaterwissenschaften studiert und interessiert sich für die Schauspielerei. Warum sollte sie nicht BWL studieren?
Jeder konnte studieren, was seiner Neigung entsprach, und die hieß nur bei einem BWL.
Woher stammt das schauspielerische Talent Ihrer Tochter – von Ihnen?
Ich bin eigentlich kein Schauspieler. In der Schule war das immer ein Horror für mich. Ich sollte einmal bei Dornröschen mitwirken.
Als Prinz?
Nein, ich wollte nie in der ersten Reihe stehen. Da war ich schon lieber Beleuchter.
Interview: MANUEL J. HARTUNG
- Datum 22.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.04.2004 Nr.18
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