Als der Chefdesigner merkte, dass ihm der Entwurf für die Seitenspiegel des neuen Automodells doch nicht passte, blieben gerade noch neun Monate bis zum Verkaufsstart des Kleinwagens. Beim Spiegel-Zulieferer schlug der Meinungsumschwung des Kreativen ein wie ein Blitz. Denn das Automobiltechnik-Unternehmen stand damit wieder am Anfang. Unter Hochdruck sollten die Ingenieure des Hauses die neuen Vorgaben umsetzen. Aber welche Ingenieure? Die Techniker, die das alte Design in monatelanger Arbeit bis zum produktionsreifen CAD-Modell gebracht hatten, waren längst mit neuen Aufgaben beschäftigt. So wurden die Spiegel zu einem Fall für die Konstruktionsfeuerwehr von Michael Witte.

Witte ist Vertriebsvorstand bei Euro Engineering in Ulm. Seine Leute werden aktiv, wenn in der Industrie Not am Mann ist. Dann eilen ein, zwei Mitarbeiter zu Hilfe oder gleich ein komplettes Projektteam, das für Monate eine ganze Abteilung übernimmt. Dafür bauen sie schon mal ein Containerdorf auf neben den Fabrikhallen von DaimlerChrysler, EADS oder Bombardier. Anderswo heißt so etwas Zeitarbeit, aber das hört der Vorstand nicht so gerne. "Engineering-Dienstleister" nennt er sein Unternehmen, denn das Verleihen von Angestellten "war eine Zeit lang hochgradig verpönt bei Akademikern und besonders unter Ingenieuren", wie Susanne Ihsen sagt, Karriere-Fachfrau beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI).

Die Projekte dauern zwischen einem Tag und mehreren Jahren

Das schlechte Image der Zeitarbeit aber kann sich Witte nicht leisten. Er, der anderen Arbeitgebern aus der Klemme hilft, braucht selbst Verstärkung. Derzeit sucht sein Unternehmen 165 Ingenieure zur Festanstellung, vor allem aus den Bereichen Maschinenbau, Elektro-, Fahrzeug- und Feinwerktechnik. Das ist viel für eine Firma, die kaum mehr als 600 Hochschulabsolventen beschäftigt.

Ähnlich geht es Frank Ferchau. Der Geschäftsführer von Ferchau Engineering im bergischen Gummersbach könnte auf einen Schlag 150 Ingenieure einstellen, "Maschinenbauer, Elektrotechniker, ITler, Projektingenieure – die gesamte Bandbreite". Bei derzeit 1200 angestellten Akademikern.

Der hohe Personalbedarf der beiden Unternehmen hat verschiedene Gründe. Die Dienstleister wachsen stetig, weil ihre Kompetenz gefragt ist, nicht nur, wenn die Industrie kurzfristig Verstärkung benötigt. Sie profitieren auch davon, dass Firmen mehr und mehr Entwicklungsaufgaben auslagern. So konzipieren die Tüftler aus Ulm und Gummersbach nicht nur Klimaanlagen und Glühbirnen, Navigationssysteme, Handy-Software und Fernsehbildschirmröhren, sondern auch komplette Busse. Die Kunden kommen aus dem Fahrzeug- und dem Anlagenbau bis hin zur Luft- und Raumfahrttechnik.

Ferchau und Euro Engineering haben Schwierigkeiten, neue Mitarbeiter zu finden. Zwar wurde der Deutsche Industrie Service, die Konzernmutter von Euro Engineering, im vergangenen Jahr von der Zeitschrift Capital als einer von "Deutschlands besten Arbeitgebern" ausgezeichnet. Und Susanne Ihsen vom VDI bestätigt, dass Häuser wie Euro Engineering und Ferchau "durchaus renommierte Unternehmen" seien. Doch sie meint auch: "Der Arbeitsmarkt ist nicht so schlecht, dass Absolventen das brauchen würden." Wirkliche "Know-how-Träger" gebe es einfach viel zu selten in Deutschland, klagt Witte. "Fachkräfte aus den Zukunftstechnologien sind schwer zu finden." Die jungen Spezialisten aber kennen ihren Marktwert – und heuern lieber bei Siemens oder BMW an. "Die mögen lieber etwas richtig Großes machen", sagt der Vorstand. Anders ist die Lage der älteren Ingenieure. "Arbeitslose zwischen Mitte und Ende 40 gelten als schwer vermittelbar, obwohl sie mitten im Berufsleben stehen", sagt VDI-Beraterin Ihsen. Tatsächlich sind die meisten der rund 60000 arbeitslosen Ingenieure älter als 40. "Denen empfehlen wir oft, sich bei einem Dienstleister zu bewerben", sagt Ihsen.

Tatsächlich haben die sonst verschmähten "Alten" dort gute Aussichten. "Dass ein Bewerber um die 50 ist, ist überhaupt kein Problem", sagt Frank Ferchau. Auch Euro Engineering setze keine Altersbeschränkungen. "Wir bieten Chancen, wo andere durchs Raster fallen", sagt der Vorstand. Das Haus bildet seine Mitarbeiter in eigenen Schulungszentren weiter.