Sie knabbern in Kirchen, sie mümmeln in Museen. Kein Holzkreuz, keine Marienfigur, kein Bilderrahmen ist sicher, wenn Holzwürmer oder Splintholzkäfer auf den Geschmack gekommen sind. Was tun, wenn kaufreudige Krabbeltiere Kunstschätze knuspern? Kirchen lassen sich nicht ausräuchern, und jahrhundertealte Kunstwerke müssen besonders schonend behandelt werden.

Die Lösung heißt Art Protect und ist eine Erfindung der Nürnberger Firma APC. Fachleute bezeichnen das Gerät als "mobilen Stickstoffbegasungscontainer gegen Schädlinge". Vier Wochen lang werden die befallenen Gegenstände im luftdichten Container verwahrt und die Atmosphäre im Inneren mit Stickstoff angereichert. Das macht dem Ungeziefer den Garaus.

"Die Entwicklung des Containers ist ein Meilenstein der ökologischen Schädlingsbekämpfung", sagt Alexander Kassel, 34. Sein Enthusiasmus ist verständlich, schließlich hat Kassel, ein Diplombiologe, die neue Technik mitentwickelt. "Durch die Begasung im Container lassen sich Insekten wirksam bekämpfen, ohne dass die Umwelt mit Gift belastet wird", erklärt er. Seit 1999 arbeitet Kassel für APC, eine Firma mit 90 Mitarbeitern. Die drei Buchstaben stehen für "Alround Pest Control" und verbreiten die optimistische Botschaft, dass der Mensch im Kampf gegen die unerwünschten Hausgenossen am längeren Hebel sitzt.

Einen anderen Eindruck vermitteln die Päckchen, die sich auf Kassels Schreibtisch stapeln. Der Inhalt: Schaben, Ameisen, Motten. Eingesandt von Menschen, die mit ihnen ein Problem haben. "Im Winter kriege ich ein bis zwei Päckchen pro Woche, im Sommer oft drei oder vier am Tag." Der Biologe untersucht jedes Tier sorgfältig, benutzt Fachliteratur und ein Mikroskop, um die Art zu erkennen. "Die Bestimmung der Arten ist extrem wichtig. So erfahren wir, was sie fressen, welchen Schaden sie anrichten können, wie stark sie sich vermehren und wo sie gerne Unterschlupf suchen. Davon hängt die Wahl der Bekämpfungsmethoden ab."

Als er noch studierte, träumte der Biologe von einer Tätigkeit im Naturschutz: "Kröten über die Straße tragen oder so." Doch nach dem Diplom wies ihn das Arbeitsamt auf eine offene Stelle bei APC hin. Eine glückliche Fügung: "Die meisten Kommilitonen mussten inzwischen umschulen und arbeiten fachfremd. Ich bin einer von den wenigen, die sich beruflich mit biologischen Themen beschäftigen." Die Schädlingsbekämpfung sei für Biologen eine "kleine, extrem spannende Nische".

Die Branche der Schädlingsbekämpfer zählt in Deutschland rund 1100 Betriebe, meist kleine Firmen mit zwei oder drei Mitarbeitern. "Grundsätzlich ist es keine akademische Branche, aber die größeren Firmen beschäftigten meist auch Biologen oder Chemiker", sagt Rainer Gsell, der Bundesvorsitzende des Deutschen Schädlingsbekämpferverbandes. Die Bezeichnung "Kammerjäger" hören Fachleute nicht so gern. "Der Begriff wird den komplexen Aufgaben nicht gerecht", betont der Verbandsvorsitzende. "Die meisten Leute glauben, dass Schädlingsbekämpfer ständig im Dreck wühlen und Gift spritzen. Das ist Quatsch." An die Stelle der chemischen Keule ist längst das "Integrated Pest Management" getreten, eine Mischung chemischer, biologischer und physikalischer Methoden. Die Anwendung von Giftstoffen wird auf ein Minimum reduziert, manche Insektenvölker werden nicht getötet, sondern umgesiedelt, andere Schädlinge ausgetrocknet.

Wer als Biologe in der Schädlingsbekämpfung arbeiten will, sollte über eine zoologische Spezialisierung verfügen. Gefragt sind Experten, die auf den ersten Blick erkennen, ob das gefräßige Nagetier in der Backstube eine junge Ratte oder eine ausgewachsene Maus ist. Oder sie sollten Insektenkundler sein wie Dirk Kirste, 40, der in Wiesbaden seit fünf Jahren einen Betrieb mit zwei Mitarbeitern führt. Er gehört zu den wenigen Experten, die über eine Doppelqualifikation verfügen: Kirste, ein Diplombiologe, ist auch zertifizierter Schädlingsbekämpfer. Das Gütesiegel der Branche ist ein IHK-Zeugnis, das nach einem achtwöchigen Lehrgang vergeben wird. Auf dem Seminarplan stehen Naturwissenschaften und Gefahrenstoffverordnungen, Toxikologie, Tierschutz und Gerätetechnik. Teilnehmen kann, wer zwei Jahre in der Schädlingsbekämpfung gearbeitet hat. Derzeit ändern sich aber die Ausbildungswege: Noch in diesem Jahr sollen die ersten Azubis den Beruf im dualen System erlernen.