Um einmal nicht bei Harvard zu beginnen: Auf dem Campus der Indiana-Universität gibt es ein Gebäude namens Ballantine Hall, von dem gesagt wird, es sehe aus wie eine Zahnbürste. Denn, so erzählen Studenten, die über den Campus führen: "Biochemiker der Indiana-Universität haben die Formel für die Zahnpasta Crest entdeckt und patentieren lassen. Von ebendiesem Geld sei dann die Ballantine Hall errichtet worden. Auch in Harvard erzählt man so eine Geschichte. Von dem Science Center heißt es, es gleiche einer Polaroid-Kamera, was den anonymen Stifter des Gebäudes entlarve. Was die wissenschaftlichen Arbeiten anbelangt, stimmen diese beiden Geschichten, was die Architektur der Gebäude betrifft, sind sie frei erfunden. Das tut der Sache aber keinen Abbruch, denn die Leistungen der Forscher bleiben im Gedächtnis haften. Es gibt wohl kaum einen amerikanischen Studenten, der nicht ruhmreiche Anekdoten über seine Uni berichten könnte.

An deutschen Hochschulen erzählt niemand solche Geschichten. Dafür ist auf einmal viel von Elite die Rede. Die wollen Bildungspolitiker nun möglichst schnell haben. Ob das gelingt, ist allerdings fraglich. Denn die gesuchte Elite ist ein Mythos, den man nicht finden, sondern nur erfinden kann. Doch eben das muss man tun. Ein Mythos von Elite will gehegt sein, die deutschen Universitäten müssen hier aufholen: Ihren Mythenschatz haben sie vergraben und vergessen, während die Amerikaner ihren längst gewinnbringend vermarkten. Elite lebt nicht vom Geld allein, sie will auch einen Hauch vom Olymp.

Auch exzellente Köpfe betten sich lieber an Orten, die aus Erzählungen berühmt sind. Am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, gehen Geschichten von Studenten um, die mit implantierten Mikrochips direkt von Gehirn zu Gehirn kommunizieren und so jede Klausur-Aufsicht ausfuchsen. Solche Legenden imponieren auch den Profs und gehen in die offiziellen Rankings ein; in Amerika dominieren die weichen Daten einer Universität die harten Fakten – der Ruf ist wichtiger als die Zahl der Veröffentlichungen.

Die freie Wirtschaft hat Mythen längst als Brückenbildner entdeckt. Wo im Trainee-Workshop für neue Mitarbeiter früher putzige Kennenlernspiele zelebriert wurden, machen jetzt die Anekdoten über die Firmengründer die Runde. Selbst die Bettgeschichten der Bosse eignen sich zur Mythenbildung, sofern sie noch mit dem Erfolg der Firma in Verbindung zu bringen sind. Wenn ein neuer Mitarbeiter eine Geschichte über seine Firma erzählt, dann ist er schon Teil von ihr.

Nicht nur Nobelpreisträger, auch Studenten können zu mythischen Helden werden. Stanford habe zwar das Internet in die Welt gesetzt, heißt es an der Carnegie Mellon in Pittsburgh, wir aber haben das Virus erfunden und damit den ersten Hacker hervorgebracht. Dieser war ein Student, der nach seiner Heldentat angeblich vom FBI für immer entführt wurde. Harvard kontert mit einem besonders ehrlichen Studenten in einer (doch sehr unwahrscheinlichen) Anekdote über den Bibliotheksbrand 1764. Der hatte ein Buch über Nacht mitgenommen, sodass es als einziges nicht von den Flammen zerstört worden war. Am nächsten Morgen übergab er es dem Präsidenten. Dieser nahm es gern an, dankte dem Studenten für das wertvolle Buch, um ihn gleich darauf der Universität zu verweisen – er hatte das Buch verbotenerweise ausgeliehen.

Welcher Heidelberger Student weiß schon, wer Helmholtz war?

Ein deutscher Student weiß von seiner Universität selten mehr als die Namen der Institute. Wer hier mit wem was getrieben hat, interessiert nur Außenseiter. Welcher Heidelberger Student weiß schon, wer Helmholtz oder Gadamer waren? Welcher Hamburger Student kennt die Kokoschka-Bilder im Hörsaal oder weiß von der Nacht-und-Nebel-Aktion, in der die Warburg-Bibliothek vor den Nazis nach London gerettet wurde?