interview Stellt mehr dumme Fragen!

Warum können Studenten und Professoren nicht miteinander reden? Ein Gspräch mit Friedemann Schulz von Thun über Wissenschaftler im Forscherturm und den großen Uni-Bluff

Herr Professor Schulz von Thun, wann haben Sie zuletzt einen Studenten nicht verstanden?

Neulich spricht mich ein Student an: Können Sie mir sagen, welche Voraussetzungen ich erfüllen muss, um an diesem Kurs teilzunehmen? Ich sage: Das sehen Sie im Aushang neben Zimmer 4088. Auf der Sachebene war das ein kurzes, effektives Gespräch. Dass die Sachfrage des Studenten als Eintrittskarte gemeint war, um mit mir in Kontakt zu kommen, hatte ich nicht verstanden. Er fühlte sich wie bestellt und nicht abgeholt.

Sie sind Kommunikationsexperte und können nicht mit Studenten kommunizieren?

Sie ziehen gleich weit reichende Schlüsse. Aber wenn die Sprechstundenschlange lang ist, gerate ich zuweilen in eine Abfertigungsstimmung. Auch wenn mein hochschulpädagogisches Herz normalerweise laut schlägt.

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Viele Studenten klagen über unzugängliche Professoren. Und Professoren schimpfen umgekehrt, dass Studenten ihr Anliegen nicht vermitteln können. Woran liegt das?

Ein Gespräch zwischen Student und Professor ist eine interkulturelle Begegnung: Die Studenten kommen aus der Welt der Praxis und des gesunden Menschenverstandes, die Professoren aus der Welt der Spezialwissenschaft, in der sie oft schon 30 Jahre leben. Die Nahbegegnung mit einem Menschen, den man bisher nur aus Büchern und aus 100 Meter Entfernung im Hörsaal kennt, kann einen Studenten schon etwas zittern lassen. Solcher Stress behindert klare Gedanken, die richtigen Worte kriegt man nicht alle zu fassen.

Finden Sie das nicht völlig normal?

Dass jemand in dieser Situation einem intellektuellen Höhenflug nicht gewachsen ist, liegt nahe. Wenn nun noch hinzu kommt, dass der Professor seine wissenschaftliche Sprache flink im Munde führt, dann bricht der Kontakt ab – auch wenn das Gespräch noch lange weitergeht.

Warum sagt der Student nicht: „Halt, das habe ich nicht verstanden!“?

Der Student will nicht als Dummkopf dastehen – und dann macht er vielleicht eine nachdenkliche Miene zum unguten Spiel. Dieser Uni-Bluff kann auch in Seminaren zum gemeinsamen Spiel aller Beteiligten werden: Einige Matadoren der hoch wissenschaftlichen Eloquenz geben den Ton an, die Mehrzahl der Studierenden sitzt ratlos und einsam dabei.

Das ist vertane Zeit.

Ja, aber nicht nur der Professor ist verpflichtet, zum Gelingen des Gesprächs beizutragen. Der selbstbewusste Lehrling sollte jederzeit eingreifen und sagen: Moment, das habe ich nicht kapiert!

Warum machen Professoren den Uni-Bluff mit? Sie haben promoviert, sich habilitiert – und brauchen ihre akademische Qualifikation doch ihren Studenten nicht durch komplizierte Ausdrucksweise zu beweisen.

Ihnen ist der Schnabel oft mittlerweile so gewachsen. Hinzu kommt: Sobald ein Professor sich als zugänglich erweist, spricht sich das herum, und er hat einen großen Zulauf. Für seine Beliebtheit muss er büßen, weil ihm die Menge der Studierenden das Leben schwer macht.

Wieso?

In einem richtigen Professor schlägt das Herz eines Forschers. Das begründet sein Ansehen in der scientific community . Dass er ganz wunderbar viele Studenten betreut hat, dafür flicht die Nachwelt ihm keine Kränze. Trotzdem: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir auch dafür bezahlt werden, den Studierenden zu dienen.

Sie wollen doch auch nicht allen Erstsemestern dienen und ihnen die Grundlagen der Psychologie beibringen. Wie stellen Sie das an?

Sie stellen ja peinliche Fragen. Ja, wenn es allzu viele werden, führe ich auch eine Art Abwehrschlacht. Wahrscheinlich verbreite ich eine Aura von Eiligkeit und Unnahbarkeit. Nicht durch das, was ich sage, sondern durch die Atmosphäre, die von mir ausgeht. In den ersten Jahren war meine Tür immer offen, jetzt ist sie geschlossen – das erhöht die Schwelle ein wenig. Aber so kann leicht ein Teufelskreis entstehen.

Welcher Teufelskreis?

Die Studierenden sagen: Die Professoren sind sowieso nicht zu sprechen, und verlegen ihren Lebensmittelpunkt von der Universität weg. Die Professoren sagen: Kein Mensch kommt in meine Sprechstunde, ich ziehe mich in die Forschungsstube zurück.

Diese Sprechstunden verlaufen ohnehin meistens unerfreulich, wie eine Bochumer Sprachwissenschaftlerin in einer Studie sagt.

Sprechstunden sind eher formal-organisatorisch geprägt, und oft ist eine hohe Abfertigungsquote nötig. Aber neben der Sprechstunde sollte es auch eine vereinbarte Gesprächszeit geben.

In der Studie heißt es auch, dass bekannte Professoren für ihre Studenten weniger zugänglich sind als unbekannte.

Das ist plausibel. Mit der Höhe der Reputation steigt auch die Menge der Kontakte auf bedeutsamer Ebene. Meine Güte, habe ich heute wichtige Termine, mit dem Kanzler, mit dem Papst, und dann sind da auch noch drei Studenten. Du lieber Gott!

In den Schulen steht Kommunikation auf dem Lehrplan, Studenten pilgern zu Hunderten in Rhetorik-Kurse. Warum klappt die Kommunikation trotzdem nicht?

Die Kommunikation klappt oft gar nicht so schlecht, aber rhetorisches Training ist nicht alles. Vielleicht kann jemand gut reden und traut sich trotzdem nicht, bei seinem Professor anzuklopfen. Dann nützt die geschliffenste Rhetorik nichts.

Wenn Studenten schon keinen Rhetorik-Kurs brauchen: Was müssen sie tun, um ihre Professoren besser zu verstehen?

Studenten! Stellt mehr dumme Fragen! Verbindet den Respekt des Lehrlings vor dem Meister mit dem Selbstbewusstsein eines anspruchsvollen Kunden vor dem Dienstleistenden! Zu viel Ehrfurcht schadet dem guten Kontakt; aber seid auch mal gnädig, wenn der Professor am Rande der Kapazität ist!

Was müssen die Professoren tun?

Sie sollten verständlich sprechen, man kann das lernen. Sie sind Brückenbauer von der Wissenschaft zum Menschen. Ein Professor, der seine Identität nur auf der Koryphäeninsel findet, kann keine Brücken bauen. Außerdem sollten die Professoren immer Zettel und Bleistift dabeihaben, um das Gemeinte zu visualisieren. (Nimmt Papier und Bleistift und malt ein Männchen mit zwei Herzen). Das ist der Professor – und das ist sein Lehrerherz und das hier sein Forscherherz. Diese beiden Seelen in seiner Brust werden Sie nie mehr vergessen. Stegreif-Visualisierung ist ein Zaubermittel. Und die Professoren sollten die Studierenden auffordern auszusprechen, wie ihnen im Seminar zumute ist.

Wie soll das denn laufen – mit Problemkerze und Diskussionsdeckchen?

Von wegen Kerzen! Das sind Feedback-Runden zur Sicherung der Lehr- und Lernqualität. Ich sage: Lasst uns mal eine Runde machen, in der jeder sagt, wie es ihm geht und ob er gut mitarbeiten kann.

Und das funktioniert?

Sobald ein Minimum an Vertrauen da ist, können solche Gespräche kleine Sternstunden der Begegnung sein.

Was haben Ihre Studenten an Ihnen kritisiert?

Dass meine Sprachform zu maskulin geprägt sei. Dass ich von Studenten, von Professoren und von Kunden spreche. Es gibt immer wieder Frauen, die sich dadurch subtil abgewertet fühlen.

Werden Studenten und Professoren einmal richtig gut miteinander reden können?

Als ich 1968 studierte, ging es überaus konfrontativ und verächtlich zu. Da standen Studenten im Hörsaal auf und prangerten mit dem Brustton der Systemkritik den Schwachsinn an, den der Prof da vorne erzählen würde. Heute sind die Studierenden überaus entgegenkommend und signalisieren: Hallo, ich bin Lehrling, könntest du mein Meister sein? Kooperation statt Klassenkampf. Wenn das, zumindest auf der Beziehungsebene, keine Erleichterung ist!?

Interview: MANUEL J. HARTUNG

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 22.04.2004 Nr.18
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  • Schlagworte Hochschule | Student | Kommunikation | Gespräch
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