entscheiden Was will ich?
"Soll ich Jura studieren oder doch lieber Feldwebel werden?" Unsere Autorin Christa Schreiber kann sich nicht entscheiden sie suchte Hilfe im Internet und fragte bei Universitäten, beim Arbeitsamt und bei einer Wahrsagerin nach
Feldwebel oder Fitnesskauffrau – das sind meine Alternativen. Dem elektronischen Selbstfindungstest des Arbeitsamtes zufolge entsprechen diese Berufe genau meinen Interessen. Was recht erstaunlich ist. Es stimmt zwar, dass ich Sport treiben und Teams anführen will. Aber ich möchte weder Kommandos geben noch Hanteln bestellen.
Irgendwie war es ja auch naiv, zu glauben, dass ich per Mausklick den perfekten Beruf finde. Kann ich auf Freunde und Familie hören? Soll ich mich auf meinen Bauch verlassen? Vielleicht schätzen mich andere nur danach ein, was ich bis jetzt getan und geleistet habe. Was, wenn ich unentdeckte Talente habe? Bevor ich mich falsch entscheide, hole ich mir lieber Rat von Profis.
Studienberatung Uni Hamburg: Der Raum ist hoch und dunkel. Hinter einem wuchtigen Schreibtisch sitzt mein Berater. „Keine Panik, lassen Sie sich Zeit. Während der ersten drei Semester können Sie schnuppern und Ihr Fach dann noch mal umlegen“, sagt er. „Wenn Sie sich jetzt für einen Studiengang entscheiden, ist das noch längst nicht endgültig.“ Also, so wundert es mich nicht, dass Tausende Langzeitstudenten rumlaufen. „Ich möchte nicht zwei Jahre umsonst studieren“, wende ich ein. „Ich möchte jetzt wissen, welches Studium für mich das Richtige ist.“
„Für eine individuelle Beratung fehlen uns die Zeit und das Geld. Aber geben Sie doch mal bei Google ‚Studienberatung‘ ein. Da kommen tolle Adressen von privaten Beratern raus. Das kostet natürlich, aber das ist es Ihnen sicherlich wert.“ Er schaut mich erwartungsfroh an. Ich muss lachen und erzähle vom Ergebnis meines elektronischen Selbstfindungstests im Arbeitsamt: Feldwebel oder Fitnesskaufrau. Jetzt lacht er auch. Dann schnippt er mit den Fingern: „Ich hab’s! Das Arbeitsamt. Dort können Sie einen Termin zu einem persönlichem Beratungsgespräch ausmachen und die können sich viel Zeit für Sie nehmen.“
Also zurück zum Arbeitsamt. Ich muss in den fünften Stock. Im vierten ist die Abteilung für die arbeitslosen Akademiker. Die Jung-Arbeitslosen, die neben mir die Treppe hochlaufen, haben bestimmt alle das Falsche studiert. „Was muss ich studieren, wenn ich danach nicht im vierten Stock sitzen möchte?“, frage ich den Berater. Er lacht und sagt: „Wenn Sie sich so einen Stress machen, werden Sie mit jedem Studium scheitern. Sie müssen sich fragen, was Ihnen wichtig ist und was Ihnen Spaß macht.“
Ein „Was ist mir wichtig?“-Zettel soll mir helfen
„Aber können Sie nicht ein Interessenprofil mit mir erarbeiten, um herauszufinden, was am besten zu mir passt?“, frage ich. „Nein, ich kenne Sie ja nicht. Ich würde mir nie anmaßen, über Ihre Zukunft zu entscheiden. Ich kann Ihnen nur helfen, selbst eine Entscheidung zu finden.“ Der Berater gibt mir eine Anleitung: „Zuerst machen Sie sich einen ‚Was ist mir wichtig?‘-Zettel. Darauf schreiben Sie alle Tätigkeiten und Anforderungen, die in Ihrem Beruf enthalten sein sollten. Bringen Sie die Kriterien in eine Reihenfolge, und streichen Sie, was am wenigsten wichtig ist. Was übrig bleibt, entspricht Ihrem Studienwunsch.“
Als ich die Treppen runterlaufe, lächle ich den Akademischen zu. Jetzt bin ich ruhiger. Vielleicht werde ich mit dem „Was ist mir wichtig?“-Zettel tatsächlich erkennen, was zu mir passt.
Nach zwei Tagen und 36 Zetteln entnehme ich meinem Kriterienkatalog, dass mir Genauigkeit genauso wichtig ist wie Kreativität. Ich werde mir den Studiengang Architektur ansehen.
Die Worte der Studienberaterin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, der früheren Fachhochschule, sind bestimmt: „Hier studieren Sie zielorientiert. Wir bereiten Sie stark auf das Berufsleben vor“, sagt sie. „Es ist nicht nur wichtig, was Sie studieren, sondern auch wo. Wenn Sie sicher sind, dass Sie Architektur an einer FH belegen möchten, kommen Sie wieder.“
Irgendwie bin ich mir jetzt doch nicht mehr so sicher, dass ich wirklich Architektur studieren will. Muss ich für eine gute Beratung vielleicht doch ein bisschen Geld ausgeben? Vor ein paar Tagen habe ich den Uni-Berater noch dafür ausgelacht, jetzt folge ich seinem Rat und gebe bei Google „Studienberatung“ ein.
Im Internet stoße ich auf den Berufsinteressen-Test des Geva-Instituts. Das Kürzel steht für „Gesellschaft für Verhaltensanalyse und Evaluation“. Klingt doch seriös. Bei diesem Test füllt man einen umfangreichen Fragebogen aus. Den wertet das Institut aus und entwickelt ein Berufsprofil inklusive konkreten Berufsvorschlags. 18 Euro kostet der Test plus 6 Euro Versand. Ich gebe meine Kontonummer ein.
Die Kartenlegerin bemerkt meine Verwirrung
Der Online-Fragebogen fordert kritische Selbsteinschätzung: „Glauben Sie, dass Sie nach einem Umzug in eine neue Stadt schnell neue Freunde finden werden? Übernehmen Sie in Teams gerne Verantwortung? Können Sie sich vorstellen, Häuser, Brücken und Fabriken zu bauen? Möchten Sie einem Kunden die Vorzüge eines neuen Produkts erklären?“ Das soll ich auf einer Skala von 0 für „Stimmt überhaupt nicht“ bis 5 für „Stimmt vollkommen“ einstufen. Nach einer halben Stunde habe ich alle Fragen geschafft. Mein Kopf schwirrt. In fünf Tagen, verspricht das Geva-Institut, werde ich erfahren, was ich werden soll.
Die zehn Seiten Auswertung ergeben: Meine gestalterische Begabung ist überdurchschnittlich stark. Ich bin kontaktfreudig, belastbar, manchmal übertrieben perfektionistisch. Weitere Einschätzungen überspringe ich und blättere weiter zu Berufsvorschlag 1: Ich soll Medienwissenschaften studieren. Vorschlag 2: den Studiengang „Bildende Kunst“ wählen. Vorschlag 3: Dolmetschen studieren. Im Begleitschreiben steht, dass ich mich nun selbst zwischen den drei Vorschlägen entscheiden soll. O nein!
Ich greife zum letzten Mittel und krame den Gutschein hervor, den ich zum Geburtstag bekommen habe: „In die Zukunft schauen mit Kartenlegerin Gloria.“ Gloria. Klingt glamourös.
Die Kartenlegerin empfängt mich in ihrer Altbauwohnung. Mit flinken Fingern mischt sie die Karten, lässt mich mit geschlossenen Augen einige ziehen und betrachtet mich genau. Und sagt mit eindringlicher Stimme: „Sie sind sprachbegabt, bleiben Sie dabei.“ Soll ich also Dolmetscherin werden? Dieser Vorschlag hatte mir am wenigsten gefallen. Die Kartenlegerin bemerkt meine Verwirrung. „Wir werden für Sie noch einmal die Karten befragen.“ Sie legt neu, verharrt lange: „Ja, das ist es. Sie sollten eine große Reise machen. Das macht den Kopf frei für wichtige Entscheidungen.“ Reisen ist immer gut. Ich sollte den Lateinamerika-Trip machen, den ich schon so lange geplant habe. Dabei kann ich mein Spanisch üben und werde bestimmt erkennen, was ich will. Ob ich Architektin werde. Oder Dolmetscherin. Oder vielleicht doch lieber Fitnesskauffrau.
Oder Dauerreisende.
- Datum 22.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.04.2004 Nr.18
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