Sally weiß Bescheid. "Dein Flug hat eine Stunde Verspätung", meldet sie auf der Fahrt zum Flughafen. Frage an Sally: Kannst du mir ein Restaurant suchen? "Ich weiß, dass du deutsche Küche magst", antwortet sie, "aber hier gibt es keine deutschen Restaurants. Wie wär’s mit – entschuldige, aber gerade kommt eine dringende E-Mail. Soll ich sie vorlesen?"

Sally ist ein Computer, und über Politik oder Religion kann man mit ihr nicht diskutieren. Doch als virtuelle Beifahrerin versteht sie Fragen nach dem Weg und wählt auf Wunsch einen anderen Radiosender. Nähert man sich einer gefährlichen Kreuzung, schaltet Sally das Handy ab, klingt der Fahrer müde, bietet sie Ratespiele an.

Der Pilot ist nicht mehr allein – so stellen sich IBM-Forscher die Zukunft des Autofahrens vor. Kürzlich präsentierte IBM einen Prototyp der Software auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas. Auch BMW, Volvo und DaimlerChrysler experimentieren mit intelligenter Software, um den Fahrer zu unterstützen und vor riskanten Ablenkungen zu schützen.

Denn Ablenkung im Verkehr gibt es reichlich. Das Auto wird zur Multimediamaschine. Handy, Navigation, Radio, Klimaanlage und Kaffeebecher buhlen um Aufmerksamkeit. Telefonieren am Steuer ist laut Versicherungswirtschaft gefährlicher als Fahren unter Alkoholeinfluss. Fernmündlich aktive Fahrer reagieren noch langsamer als jene mit 0,8 Promille Alkohol im Blut. Und doch werden sie bald auch auf Internet und EMail zugreifen können. Den digitalen Overkill im Auto sollen nun noch mehr Programme in Schach halten. Im Kern der virtuellen Beifahrerin steckt IBMs Software zur Spracherkennung. Sie versteht neben einfachen Kommandos, Ziffern und Buchstaben in begrenzten Themenbereichen auch freie Sprache. "Die Menschen verbringen viel Zeit in ihren Autos", sagt Chefentwickler Roberto Sicconi, "sie wollen kein System, das dauernd die gleichen Worte wiederholt." In drei bis vier Jahren soll Sally serienreif sein.

Um Dialekte zu verstehen, wird die Software mit einheimischen Sprechern trainiert. Im Deutschen sind zusammengesetzte Begriffe wie "Straßenverkehrsschild" eine Herausforderung, im Französischen erschwert etwa das verbundene "s" (wie in les amis) die Spracherkennung. "Das wirft viele technologische Konzepte durcheinander", sagt Siegfried Kunzmann, der bei IBM – mit bayerisch eingefärbtem Tonfall – die Spracherkennung für Europa und Afrika leitet.

Um die virtuelle Beifahrerin für den Straßenverkehr fit zu machen, haben die IBM-Forscher die Spracherkennung mit den Sensoren des Autos, dem Navigationssystem und dem Internet vernetzt. Sally weiß: Der Moment einer Vollbremsung ist nicht der richtige Zeitpunkt, um EMails vorzulesen. Melden die Abstandssensoren dichten Verkehr oder zeigt der GPS-Empfänger eine Baustelle an, kann der "Konversationsagent" Anrufe unterbinden. Dieser erkennt in Kunzmanns Zukunftsvision allein am Tonfall des Fahrers, ob der gestresst oder völlig entspannt ist.

Die IBM-Forscher experimentieren auch mit einer lippenlesenden Kamera zur Unterstützung der Audiosoftware. Sie könnte auch bemerken, wenn dem Fahrer die Augen zufallen. Das ursprüngliche IBM-Patent für den virtuellen Beifahrer sieht vor, das Fenster zu öffnen und einschlafende Fahrer notfalls mit kaltem Wasser zu bespritzen. Die Dusche sei allerdings nicht ganz ernst gemeint, sagte IBM-Erfinder Wlodek Zadrozny, nachdem das Patent erteilt wurde.

DaimlerChrysler, Fiat, Volvo und einige Forschungsinstitute haben im EU-Projekt "Comunicar" eine Software für das so genannte workload management entwickelt. Ein virtueller Informations-Manager schätzt mit Hilfe von Abstandssensoren, GPS und Kameras das Verkehrsrisiko ab und erstellt eine Prioritätenliste für Anrufe, Radio und Warnsignale. Fährt man auf eine Autobahn, wird ein Anrufer für einige Sekunden vertröstet, bis das Auto eingefädelt ist. Oder bei Kollisionsgefahr schweigt die Autonavigation. Volvo hat zum Projektabschluss ankündigt, den digitalen Schutzengel künftig in der Oberklasse anzubieten.