Die Slogans der Regierungspartei zeichnen ein strahlendes Bild. "Indien glänzt", verkündet die BJP von Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee - ihr Wort vom "Wohlfühl-Faktor", der auf dem Subkontinent besonders hoch sei, ist bereits ein stehender Begriff. Am 20. April haben die dreiwöchigen Parlamentswahlen in der größten Demokratie der Welt begonnen, und die euphorische Darstellung von Indiens Gegenwart und Zukunft dominiert den Wahlkampf. Sie wirkt glaubwürdig, weil das Land gegenwärtig ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum vorweisen kann.

Im vergangenen Fiskaljahr, das am 31. März endete, stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach vorläufigen Berechnungen um 8,4 Prozent, im vierten Quartal 2003 sogar um 10,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und damit schneller als in China. Das ist zwar auch dem diesmal besonders ausgeprägten Monsun zu verdanken, von dem die Landwirtschaft profitierte. Infolge von Jobverlagerungen aus dem Westen hat aber auch der Dienstleistungssektor stark zugelegt - er stellt bereits die Hälfte des BIP. Nutznießer ist die wachsende Mittelschicht.

Möglich wurde der Aufschwung durch Wirtschaftsreformen, die bereits Anfang der neunziger Jahre begannen und jetzt Früchte tragen. Nach Jahrzehnten der Abschottung öffnete sich Indien für ausländische Investoren - selbst an Banken und Versicherungen dürfen sie sich jetzt beteiligen. Zollsenkungen, Steuererleichterungen und die Privatisierung von staatlichen Industrieunternehmen beflügelten das Wachstum. In den vergangenen vier Jahren stieg das Pro-Kopf-Einkommen um fast 25 Prozent.

Ein solcher Anstieg klingt beeindruckend, tatsächlich macht er aber nur 90 Dollar pro Jahr aus. Denn trotz der konsumfreudigen neuen Mittelschicht ist Indien immer noch eines der ärmsten Länder der Welt. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt gerade mal 460 Dollar im Jahr. Laut dem jüngsten Bericht der FAO, der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen, hungert immer noch ein gutes Viertel der Bevölkerung, weitere 50 Prozent leben von ein bis zwei Dollar am Tag. Und unter den 668 Millionen Wahlberechtigten, die bis zum 10. Mai ihre Stimme abgeben sollen, sind die viel beschworenen IT-Spezialisten eine kleine Minderheit: Lediglich 660 000 Inder arbeiten im Software- und Call-Center-Bereich.