Als in Berlin jüngst die weitere Förderung der Ökostromerzeugung beschlossen wurde, kämpfte Josef Pellmeyer im bayerischen Freising gerade gegen die Brut der Borkenkäfer in den abgestorbenen Hölzern seines Waldes. Das Aufräumen des Forstes könnte dem Landwirt künftig bares Geld einbringen. Die vom Bundestag beschlossene Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, kurz EEG, sieht nämlich unter anderem vor, dass jede Kilowattstunde Strom, die aus eingesammelten Resthölzern erzeugt wird, mindestens 11,5 Cent einbringt. Ein "Traumergebnis", so der fränkische Landwirt und Präsident des Fachverbandes Biogas. Den Grünen und der SPD gebühre dafür "ein herzlicher Dank".

Das EEG ist Teil eines umfangreichen Reformpaketes, mit dem Matthias Berninger eine "Revolution in der Landwirtschaft" auslösen will. Gedrängt von heimischen Landwirten und Industrieverbänden sowie von Brüsseler Vorgaben, organisiert der parlamentarische Staatssekretär aus dem Landwirtschaftsministerium gemeinsam mit einer Truppe Gleichgesinnter aus Parlament und Regierung die Rückkehr der Bauern zum energieautarken Wirtschaften. Bis zur Industrialisierung der Agrarproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg war das gang und gäbe. Nachwachsende Rohstoffe, abgekürzt Nawaros, sollen für Energie vom Lande sorgen. Und für Freude bei den Bauern.

Tatsächlich könnten viel Strom, Sprit und Wärme aus heimischen Quellen hergestellt werden. Davon gibt es reichlich: Holz, Stroh, Zuckerrüben, Pappeln, Raps, Chinaschilf, Kuhdung oder Schweinegülle. Damit aus Landwirten fleißige Energiewirte werden, bastelt Rot-Grün an einem "Gesamtkonzept für die europäische Landwirtschaft". Das Ziel heißt: Biomasse gegenüber Erdöl wettbewerbsfähig machen.

Die von der EU beschlossene Agrarreform lässt die Bauern bereits nach Alternativen zur Nahrungsmittelproduktion Ausschau halten. Schließlich erhalten sie in Zukunft keine Prämien mehr für ihre Produkte, sondern nur noch für ihre Flächen – unabhängig davon, was darauf wächst. Die Aussicht auf höhere Erträge und die EU-Richtlinie zur Förderung von Biotreibstoffen animieren das Landvolk nun zum Umstieg. Brüssel will den Anteil des Ökosprits in der EU als "besonders umweltverträgliche Alternative zu fossilen Kraftstoffen" bis 2010 auf 5,75 Prozent steigern und billigt deshalb den Erlass der Mineralölsteuer. Begünstigt werden zucker- und stärkehaltige Ackerfrüchte, die zu Ethanol oder Ester verarbeitet und konventionellem Treibstoff beigemischt werden. Extrahierte Ölfrüchte werden als Schmierstoffe oder Biodiesel gefördert.

Gelockt durch europäische Forschungsgelder, hat längst auch die Automobilindustrie Gefallen an der Erzeugung synthetischer Biokraftstoffe gefunden. Der Zusatzeffekt: Weil Pflanzen bei der Verbrennung nur gerade so viel Kohlendioxid (CO2) freisetzen, wie sie während ihres Wachstums aus der Luft aufgenommen haben, ist Biosprit klimaneutral; im Vergleich zu Mineralöl bleiben der Erdatmosphäre pro 1000 Liter sogar bis zu 2,5 Tonnen CO2 erspart. Ökosprit soll zudem Europas Abhängigkeit von den Ölscheichs mindern und für Jobs sorgen. Bis zu 26 Arbeitsplätze entstehen laut Brüssel bei der Erzeugung von 1000 Tonnen Biosprit.

Aus Biomasse kann rund um die Uhr Strom erzeugt werden

Gerd Sonnleitner, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, ist einer der größten Anhänger der Nawaros. Sie seien die "größte Ressource, die wir überhaupt haben", sagt er gern. Sonnleitner und seine 360000 Landwirte drängen schon seit langem darauf, Rohstoffe von Äckern und aus Ställen zur Energieherstellung zu nutzen. Ihr erster Erfolg war das Stromeinspeisegesetz von 1990. Die Kohl-Regierung zwang damals die deutschen Energiekonzerne erstmals dazu, aus "Wasserkraft, Windkraft, Sonnenenergie, Deponiegas, Klärgas oder aus Produkten oder biologischen Rest- und Abfallstoffen der Land- und Forstwirtschaft" gewonnenen Strom in das öffentliche Netz aufzunehmen. Dennoch spielte Biomasse auch zehn Jahre später als Energieträger kaum eine Rolle. Erst nachdem die rot-grüne Regierung die alten Paragrafen durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz mit seinen großzügigen Fördersätzen ersetzt hatte, verbesserte sich die Bilanz: 2003 produzierten immerhin 100 Heizkraftwerke und 2000 Biogasanlagen knapp drei Milliarden Kilowattstunden Strom, ein Prozent des hiesigen Verbrauchs. Ökodiesel steuerte ebenfalls ein Prozent Marktanteil bei.

Doch Politiker, Landwirte, Anlagenbauer und Klimaschützer befanden, das sei immer noch zu wenig – und legten mit dem jüngst novellierten EEG nach. Im Jahr 2020 sollen nun rund zehn Prozent des deutschen Strombedarfs aus biologischen Rohstoffen erzeugt werden.