Von wegen Sonne, Wind und Wasser: Nicht sanft, flüchtig ist die Energie der Zukunft. Erdgas heißt der unsichtbare Stoff, der die Fantasie vieler beflügelt und die Märkte rasant erobert. Die Amerikaner brauchen ihn, um ihre Städte auch in Zukunft glitzern zu lassen. Die Europäer, um ihrer Industrie neuen Schwung zu geben. Die Entwicklungsländer, um ihr Wachstum anzukurbeln. Und alle zusammen, so Daniel Yergin, Bestseller-Autor und Energiepapst der Vereinigten Staaten, um der Klimakatastrophe zu entrinnen. Kein Wunder, dass Lord Browne, der Chef von BP, vor allem eines mit Erdgas verbindet: "ein großartiges Wachstumsgeschäft".

Wie Browne setzen auch die Oberen von Shell und den anderen Energiemultis auf das wasserstoffreiche Gemisch. Derweil weckt dessen Siegeszug andernorts bereits Ängste. Denn Erdgas müssen die meisten Länder, wie Erdöl, importieren – was die Verbraucher nur wenigen, am Ende womöglich einem einzigen Anbieter ausliefert. Gefahr in Verzug.

Nicht ohne Grund rief Yergin, Vordenker des US-Forschungszirkels Cambridge Energy Research Associates (Cera), in der weltweit einflussreichsten außenpolitischen Publikation Foreign Affairs die Erdgas-Ära aus. Gleichzeitig drängen hiesige Regierungsberater wie Friedemann Müller vom Berliner Think Tank Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) die Europäer, sich der Herausforderung wachsender Versorgungsrisiken zu stellen. Wenn sie nicht neue Quellen für den Gasnachschub erschlössen, so seine Botschaft, hinge Europa bald am Tropf fast nur noch eines "Hoflieferanten". Und der heißt Russland.

Mit seiner Warnung steht Müller nicht allein. In einer kürzlich der EU-Kommission vorgelegten Studie rät das holländische Institut für Internationale Beziehungen Clingendael dazu, die Energiepolitik zum festen Bestandteil der europäischen Außen-, Außenwirtschafts- und Sicherheitspolitik zu machen. Versorgungsengpässe beim Gas, heißt es in der Expertise, seien nur aufgrund politischer Widrigkeiten denkbar. Auch die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa (ECE) hat erkannt, dass die Diversifizierung der Importquellen das "Schlüsselelement" zur Sicherung des Gasnachschubs ist – und dass Regierungen wie zwischenstaatliche Organisationen den "angemessenen Rahmen" dafür schaffen müssen.

Sollten die Geopolitiker und Energiediplomaten dabei versagen, so wären die Konsequenzen verhängnisvoll. Denn Erdgas steuert immer mehr zur wachsenden Weltenergieproduktion bei, vor allem zur Stromerzeugung.

In den Vereinigten Staaten, der stromhungrigs-ten Nation der Welt, sind in den vergangenen vier Jahren Kraftwerke mit einer unglaublichen Leistung von 187000 Megawatt neu ans Netz gegangen; das ist weit mehr als die Leistung des gesamten hiesigen Kraftwerksparks. Fast sämtliche dieser neuen amerikanischen Stromfabriken nutzen Gas als Energiequelle. Die Europäer, schätzt der Branchenverband Eurelectric, werden binnen weniger als 20 Jahren mehr als jede dritte Kilowattstunde in Gaskraftwerken erzeugen; heute steuert Gas gerade einmal 15 Prozent zur Produktion elektrischer Energie bei. In Deutschland, wo der Bau von Gaskraftwerken bis 1995 genehmigungspflichtig war, um die heimische Kohle zu schützen, wird sich der Anteil der aus Gas erzeugten Elektrizität vermutlich sogar verdreifachen: von knapp 10 auf mehr als 30 Prozent.