energie spezial Sauberer Traum

Die Kohlelobby preist emissionsfreie Kraftwerke an. Sie sind bisher nichts als eine Hoffnung

Wer hätte das gedacht? Pfiffig und modern kam sie daher, die Imagekampagne der Kohlewirtschaft. Zwei Millionen Euro ließen sich die Verantwortlichen des RAG-Konzerns im vergangenen Jahr die Verbreitung allerlei knackiger Botschaften kosten. „Wir haben eine Sonnenenergie, die auch bei Regen funktioniert“, lautete beispielsweise einer der Slogans. Reichlich forsch. Aber so ist eben PR.

Was aber, wenn die professionellen Texter Recht hätten? Wenn es stimmte, was sie im Kleingedruckten versprachen? „Schon bald wird es Kraftwerke geben, die die Kohle emissionsfrei verstromen können.“

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Über Nacht erhielte der Klimakiller Nummer eins Absolution.

Mehr als 800 Gramm Kohlendioxid (CO2) pustet ein heutiges Steinkohlekraftwerk bei der Produktion einer Kilowattstunde Strom in die Atmosphäre; ein Braunkohlekraftwerk bringt es sogar auf fast 1000 Gramm. Weil es viele Kohlekraftwerke gibt und weil in ihnen viele Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt werden, summiert sich ihr CO2-Ausstoß hierzulande auf fast 350 Millionen Tonnen, mehr als 40 Prozent der gesamten hiesigen Emissionen. Weltweit steuert die Kohleverstromung ein Viertel zum Kohlendioxidausstoß bei.

Wäre es weniger, wäre es gar nichts, die Kohle erstrahlte in neuem Glanz. Nicht zuletzt deshalb, weil keiner der fossilen Energieträger so reichlich verfügbar ist wie ausgerechnet das schwarze Gold. Kohle ohne Klimafrevel – die Menschheit wäre eine Sorge los.

Irgendwo muss der Klimamüll deponiert werden

Das klingt wie Spinnerei – ist aber tatsächlich mehr als nur Vision. Neue Werkstoffe machen es möglich: Moderne Kraftwerke gewinnen aus einer Tonne Kohle mehr Strom und lassen deshalb pro Kilowattstunde weniger CO2 entstehen – dank verbessertem Wirkungsgrad.

Daran arbeitet zum Beispiel Heinz Scholtholt, Technikvorstand beim Steinkohleverstromer Steag in Essen. Derzeit entwickelt Scholtholt mit seinem Team ein Kraftwerk mit einem Wirkungsgrad von 45 Prozent. „Damit liegen wir um 7 Prozentpunkte besser als die zuletzt in Deutschland gebauten Steinkohlekraftwerke“, sagt er. Sogar 50 Prozent hält der promovierte Ingenieur für möglich, „aber nicht von heute auf morgen“.

In zehn Jahren oder mehr werden Kohlekraftwerke also vermutlich zwar weniger Klimafrevel anrichten, aber immer noch Kohlendioxid emittieren – es sei denn, es gelänge, den Rest des klimaschädlichen Stoffs aus dem Abgas herauszufiltern und irgendwo schadlos zu deponieren. Dann würde der Traum wahr, wären die Kraftwerke tatsächlich emissionsfrei.

Der dänische Energieversorger Elsam gehört zu jenen, die an der Lösung tüfteln. Die Idee: Das CO2 wollen die Dänen an eine wässrige Lösung binden und anschließend durch Erhitzen vom Abgasstrom trennen. Dieses Verfahren steckt freilich ebenso noch im Experimentierstadium wie der Versuch, den Kohlenstoff mittels Vergasung loszuwerden. Das Verfahren wird in der Chemieindustrie zwar schon angewandt; allerdings sind erste Erfahrungen beim Kraftwerksbetrieb nicht ermutigend. Es hapert an der Zuverlässigkeit beim Verbrennungsprozess, die Verfügbarkeit ist entsprechend niedrig.

Rein „ingenieurmäßig“ hält Steag-Mann Scholtholt beide Verfahren, die nachgeschaltete Rauchgaswäsche und die Kohlevergasung, für machbar – allerdings „eher in 15 denn in 10 Jahren“, wie er sagt. Auch Ludolf Plass, Chefingenieur beim Anlagenbauer Lurgi AG, hält das abgasfreie Kraftwerk „technisch prinzipiell für machbar“. Sein Aber: „Es kommt auf die spezifischen Kraftwerksbedingungen, die Investitionskosten und die gesamte Wirtschaftlichkeit an.“

Absehbar ist schon heute, dass emissionsfreie Kohlekraftwerke teuer würden. Physikalisch senkt die CO2-Abscheidung den Wirkungsgrad um mindestens zehn Prozentpunkte; allein deshalb verteuert sich jede erzeugte Kilowattstunde Strom. Weitere Kostentreiber sind der Transport und die Lagerung der abgetrennten CO2-Mengen. Alles in allem geht Reinhardt Hassa, Vorstand für die Kraftwerkssparte bei der Vattenfall Europe Mining & Generation, von „etwa einer Verdoppelung“ der heutigen Erzeugungskosten aus. Das wären acht statt vier Cent pro Kilowattstunde. Windturbinen, die den Praxistest schon bestanden haben, produzieren demnächst billigeren Strom als Steinkohlekraftwerke der übernächsten Generation – was die Kohlefreunde indes geflissentlich verschweigen.

Hassas Kostenschätzung ist freilich eine Rechnung mit großem Fragezeichen. Wie teuer die Deponierung des klimaschädlichen Mülls wirklich wird, weiß heute niemand. Ebenso ungeklärt ist, wo die gewaltigen Mengen überhaupt gelagert werden sollen. Allein ein 1000-Megawatt-Kohleblock lässt jährlich mehr als 8 Millionen Tonnen CO2 entstehen.

Für die Deponierung bieten sich aktive Erdölfelder an; in der Endphase könnte die CO2-Injektion sogar die Ausbeute steigern. Als Alternative kommen bereits ausgebeutete Erdgaslagerstätten infrage. Schließlich könnte, rein technisch, das abgetrennte CO2 auch in tiefen Grundwasserleitern, so genannten Aquiferen, gelagert werden.

Über die längsten Erfahrungen verfügt der norwegische Statoil-Konzern, der seit sieben Jahren auf einer Plattform im Sleipner-Feld das bei der Gasförderung anfallende CO2 abtrennt und es in das 1000 Meter unter dem Meeresspiegel gelegene Gasfeld zurück verpresst. „Der Zeitraum ist natürlich zu kurz, um daraus auf eine langfristige Dichtigkeit zu schließen“, sagt Franz May von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Grundsätzlich sieht der Geologe aber „kein besonderes Risiko“ für die CO2-Speicherung. Gleichwohl bezeichnet er die klimaneutralen Kohlekraftwerke nur als „Brückentechnologie“. „Wir müssen unsere Energieversorgung auf effiziente und wirklich emissionsfreie Techniken umstellen“, fordert er.

Ein Apollo-Programm für die Kohle

Daran arbeitet Fritz Vahrenholt, Chef des Windturbinenherstellers REpower Systems AG. Als Leiter der Arbeitsgruppe Kohle im nationalen Nachhaltigkeitsrat macht sich der frühere Hamburger Umweltsenator indes gleichzeitig für das CO2-freie Kraftwerk stark: „Bei sinkenden Ölvorräten sich zu sehr vom Gas abhängig zu machen, halte ich für den falschen Weg.“ Vahrenholt plädiert deshalb für eine Art Apollo-Programm – mit dem Ziel, die neue Kraftwerkstechnologie bereits um das Jahr 2015 serienreif zu machen: „Wir müssen es schaffen, mit dieser Technologie in die Erneuerungswelle des deutschen Kraftwerksparks zu kommen.“

Übrigens glaubt Vahrenholt nicht, dass die sauberen Kohlekraftwerke ausgerechnet die deutsche Steinkohle retten könnten. Die sei viel zu teuer. „Wenn überhaupt, dann werden die neuen Blöcke mit Importkohle betrieben“, schwant Vahrenholt.

Aus dem gleichen Grund hat auch Martin Jänicke wenig Verständnis für die Hoffnungen, die die Kohlelobby mit der Aussicht auf die neuen Stromfabriken verbindet. Der stellvertretende Vorsitzende des Umwelt-Sachverständigenrates fürchtet, dass auf diese Weise nur der überfällige Strukturwandel in den Kohlerevieren verzögert wird – und er meint, dass die Forschungsgelder für Energieeffizienz- und Alternativenergie-Projekte besser investiert wären: „Mittelfristig bringt das für den Klimaschutz wesentlich mehr.“

 
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