Alvin Theessen stellt einen Pott Ostfriesentee auf den Tisch. "Das haut doch nicht mehr hin", sagt Theessen in der Küche seines Backsteinhauses im Nordseeörtchen Dornum. Der Mann ist Windkraft-Fan der ersten Stunde. Vor 14 Jahren hat er sich seine eigene Windmühle in die nassen Wiesen hinterm Deich gestellt. Dezentrale Energie, Unabhängigkeit von den großen Stromversorgern, die Alternative zur Atomkraft und die Aussicht auf ein finanzielles Zubrot hatten ihn begeistert. Nun allerdings wird es selbst dem Windpionier zu viel. "Das hat doch nichts mehr mit der Idee einer besseren Energieversorgung zu tun", sagt Theessen.

Der Grund für die Erregung des Küstenbewohners: Obwohl es schon circa 30 Windräder in dem 4700-Einwohner-Ort gibt, sollen jetzt noch einmal 38 große Anlagen gebaut werden. Wie die meisten Leute in Dornum findet Theessen die Aussicht auf drei Dutzend neue, über hundert Meter hohe Windräder unerträglich. Und der Dornumer Bürgermeister Hinrich Braams (SPD) fühlt sich von den Windplanern aus der Region sogar regelrecht erpresst.

Die unangenehme Angelegenheit geht auf eine Klage von Olga Neidig-Hagena zurück. Die Dornumer Dame wollte auf ihrem Grundstück zwei Windräder bauen, sah sich bei der Standortauswahl aber durch den Flächennutzungsplan eingeengt. Dieser Plan aus dem Jahr 1989 legt fest, wo in Dornum Windräder gebaut werden dürfen und wo nicht. Im März 2002 entschied das Verwaltungsgericht Oldenburg zugunsten der Klägerin; die Richter erklärten den Dornumer Flächennutzungsplan für fehlerhaft. Neidig-Hagena konnte ihre Anlagen daraufhin bauen. Viele andere wollen nun nachziehen.

Der Grund ist eine juristische Besonderheit von Flächennutzungsplänen. Anders als Miet- oder Kaufverträge haben sie keine "Salvatorische Klausel". Sind sie in nur einem einzigen Punkt fehlerhaft, ist das ganze Werk ungültig und gilt als nicht existent. Ohne gültigen Plan aber darf jeder auf seinem Grundstück ein Windrad bauen.

Diese Möglichkeit wollen nun viele Dornumer nutzen. Mehr als hundert Landwirte und Landbesitzer stellten nach dem Entscheid der Verwaltungsrichter Anträge für den Bau von Windrädern. Um die Genehmigungsprozedur zu beschleunigen, garnierten die Anwälte der Bauwilligen jeden Antrag mit einer Schadensersatzforderung von einer halben Million Euro. Mit dieser Drohung konfrontiert, erteilte die Kreisregierung 80 Baugenehmigungen; 38 Anlagen sollen nun gebaut werden.

Die Masche hat inzwischen andernorts Nachahmer gefunden: Flächennutzungsplan angreifen, Bauantrag stellen, mit Schadensersatzansprüchen drohen – so wie in Dornum bangen mittlerweile Dutzende Gemeinden um ihre Dorfwiesen. Nach Angaben des Kommunalen Schadenausgleichs Hannover, des Haftpflichtverbandes der niedersächsischen Gemeinden, sind in den vergangenen Monaten Schadensersatzansprüche in Höhe von 850 Millionen Euro erhoben worden. Mehr als 500 Anfragen zum Bau neuer Windräder zählt allein Baudirektor Lothar Trinter von der Bezirksregierung Weser Ems in seiner Region: In mindestens fünf küstennahen Städten und Gemeinden versuchen Anwälte, Windmühlen gegen den Willen der Kommunen durchsetzen. Trinter erwartet, dass in Zukunft Flächennutzungspläne in ganz Deutschland angefochten werden.

Wie der Kampf ausgeht, ist noch nicht absehbar. Über die Parteien im Bundestag versuchen die Kommunen jetzt, das Baugesetz zu ändern. Der Städte- und Gemeindebund drängt darauf, dass die Gemeinden bis zu drei Jahre Zeit bekommen, um neue, rechtssichere Flächennutzungspläne zu erarbeiten.

Das würde indes nur jenen Orten helfen, in deren Gemarkung bisher – anders als in Dornum – keine neuen Anlagen genehmigt wurden. Die Dornumer haben deshalb gegen den Bau der 38 genehmigten Windräder geklagt. Über diese Klagen und die anderer Kommunen wird demnächst vom Verwaltungsgericht Oldenburg entschieden.