Erfurt
Manchmal ist selbst der Frühling kein gutes Zeichen. Das verschwenderische Blühen erinnert viele Erfurter an einen Frühlingstag vor zwei Jahren, den 26. April 2002. Vor dem Gutenberg-Gymnasium prangten damals zwei japanische Zierkirschen. Ihre rosa Blüten verdeckten den Blick auf die Schule. "Vielleicht", sagt Christiane Alt, die Direktorin, "hätte er sonst bemerkt, was ihm droht." Gemeint ist der Polizist Andreas Gorski, der nicht sehen konnte, dass jemand auf ihn aus dem Gebäude zielte und schließlich schoss, während er im Laufen vergeblich versuchte, seine kugelsichere Weste anzuziehen. Gorski wurde das erste Opfer des Massenmörders Robert Steinhäuser, das erste von sechzehn.

Die Blüten wecken Erinnerungen, und sie rufen die Ängste wach, unter denen noch immer viele Lehrer und Schüler leiden. Was genau damals in ihrer Schule geschah, war bislang Gegenstand vieler Spekulationen. Denn auch zwei Jahre nach dem grausamen Geschehen gab es nur einen vorläufigen Bericht der Ermittlungsbehörden, ungenau und voller Fehler. In dieser Woche nun hat die so genannte Gutenberg-Kommission ihren Abschlussbericht vorgelegt. Das Gremium, bestehend aus drei Richtern und einem Staatsanwalt, war von der thüringischen Landesregierung eingesetzt worden, nachdem der öffentliche Druck zu groß geworden war und Angehörige Strafanzeigen wegen des Polizei- und Rettungseinsatzes gestellt hatten. 371 Seiten umfasst der Bericht der Kommission, die dafür sämtliche Akten noch einmal durchforstet hat: 30 Ordner von der Staatsanwaltschaft, die Berichte des Sondereinsatzkommandos, des Amtes für Katastrophenschutz, die Papiere über die Tatortbegehungen, Steinhäusers Schulweg, die Überprüfung der Schießanlagen, Befragungen in Schul- und Ordnungsamt. Zwei Dutzend Videokassetten, die Polizei und MDR am Tatort gedreht hatten, wurden gesichtet, ebenso zahlreiche Gewaltvideos, die der Täter kannte.

Der Bericht wird bei den Angehörigen viele Wunden noch einmal aufreißen. Aber er wird vielleicht auch dazu beitragen, ihnen einige Ängste zu nehmen. Zuallererst die Angst, dass an den Morden in der Schule ein zweiter Täter beteiligt gewesen sei, einer, der noch immer frei herumläuft. Die Kommission kommt zu einem eindeutigen Schluss: "Die Annahme eines ,zweiten Täters' ist im Grunde haltlos." Von den vielen Zeugen, die behauptet hatten, eine zweite maskierte Person am Tatort gesehen zu haben, blieben nach den Überprüfungen der Kommission nur wenige übrig. Besonders jüngere Schüler wussten davon nur vom Hörensagen, waren aber trotzdem von der Existenz eines zweiten Täters überzeugt. Und je öfter sie mit ihren Freunden darüber sprachen, umso sicherer waren sie.

Es gab auch Kinder, die den in den Medien oft wiederholten Dialog zwischen dem Lehrer Rainer Heise und Robert Steinhäuser ("Für heute reicht's, Herr Heise") gehört haben wollen, obwohl sie in der betreffenden Zeit gar nicht in der Nähe gewesen waren. "Eine Vermischung zwischen selbst Wahrgenommenem und Gelesenem" sei hier wahrscheinlich, schreibt dazu die Kommission. Wer Todesangst auszustehen hatte, wisse später nicht mehr, ob tatsächlich geschehen sei, was ihm Angst macht, oder ob es nur in seinem Kopf stattgefunden habe: "Man darf nüchtern davon ausgehen, dass die wiedergegebenen Wahrnehmungen eine Mischung aus eigenen Beobachtungen, stressbedingten Wahrnehmungsverzerrungen, Erzählungen anderer während der folgenden Tage und schlichter Fantasie sind."

Denn würden die Erinnerungen stimmen, hätten sich zu unterschiedlichen Zeiten mindestens fünf verschiedene Personen durch das Gebäude bewegt. Einige Kinder hatten ein Gespräch gehört und es in ihrer Angst dem Täter und einem vermuteten Komplizen zugeordnet. Nun stellt sich heraus, dass es zwei Polizisten waren, die miteinander geredet hatten, allerdings viel später. Zeitabstände lassen sich in Stresssituationen offenbar fast nie richtig einschätzen. "So kann eine halbe Minute den Akteuren des Geschehens wie zehn Minuten vorkommen und umgekehrt", schreibt die Kommission.

Während ein Teil der Angehörigen von den grausamen Details bislang nichts wissen wollte, wollten andere nach der Tat alles ganz genau erfahren. Dabei stießen sie, wie Eric Langer, der Lebensgefährte der erschossenen Kunstlehrerin Birgit Dettke, auf viel Ungereimtes. In einer 22-seitigen Strafanzeige hatte er alle Fragen aufgeführt. Darin rügte er auch, dass fälschlich auf allen Totenscheinen die gleiche Uhrzeit eingetragen war. Einer der Lehrer hatte jedoch trotz tödlicher Schussverletzungen noch 90 Minuten überlebt, was eine Rechtsmedizinerin jetzt "an ein Wunder grenzend" nannte. Seine Schüler hatten ihn um Hilfe rufen hören, er war sogar an einem Fenster gesehen worden. Die "offensichtliche Fehlerhaftigkeit", bestätigt auch die Kommission, "ließ Spekulationen über andere Todeszeitpunkte auch bei anderen Opfern aufkommen." Doch die anderen Opfer waren nach den Erkenntnissen der Kommission fast unmittelbar nach den Schüssen tot. Umso bitterer für die Angehörigen des Lehrers, wenn sie nun lesen müssen, dass ein Polizist dem tödlich Getroffenen zwar ärztliche Hilfe versprochen hatte, aber anderthalb Stunden lang kein Beistand geleistet wurde.

Die Kommission erklärt das in ihrem Bericht mit der völlig unklaren Situation im Gebäude, da man zeitweise von mehreren schussbereiten Tätern ausging. Außerdem sei die Kommunikation zwischen den Einsatzkräften durch veraltete Technik gestört gewesen. Es habe "viele Schwachstellen" bei dem Einsatz gegeben, letztlich hätte jedoch niemand gerettet werden können; die Verletzungen seien zu schwer gewesen.