Berlin ist alles andere als eine bürgerliche Stadt. Doch mit Einrichtungen der bürgerlichen Kultur ist die Hautpstadt im Übermaß gesegnet. Die Stadt hat nicht nur drei Opern, sondern auch drei Universitäten. Ganz wie bei den Opern hat sich auch bei den Universitäten die Aufmerksamkeit auf die neu-alte Mitte der Stadt verlagert. Die Freie Universität – in zahlreichen Villen über Dahlem verstreut – hat es beim Kampf um Aufmerksamkeit zunehmend schwer, gegen die wieder auferstandene Humboldt-Universität Unter den Linden zu bestehen, die fußläufig zum Kanzleramt, zu Ministerien und Abgeordnetenbüros gelegen ist. Berlin lebt vom Nimbus einer Metropole der Künste und Wissenschaften. Doch gerade den Geisteswissenschaften schlägt in Zeiten knapper Kassen die Verachtung der Landespolitik entgegen. Der Finanzsenator Thilo Sarrazin leitete die aktuelle Runde der Grausamkeiten mit der schnöden Auskunft ein, es gelte angesichts leerer Kassen "die für den Standort relevanten Fächer zu fördern".

Damit waren nicht Germanistik, Romanistik und Komparatistik gemeint, von Gräzistik und Theaterwissenschaft ganz zu schweigen. Solche Fächer aber sind die Stärken der FU. Im Verhältnis 2:1 dominieren die Geistes- und Sozialwissenschaften an der FU – gemessen am Lehrpersonal, an Mitteln und Studierenden – über Natur- und Ingenieurwissenschaften, Recht und Medizin.

Wie es den Geisteswissenschaften ergeht, wenn gleichzeitig der Legitimationsdruck und die Sparvorgaben steigen, lässt sich an der Freien Universität wie unter einem Brennglas beobachten. Die klassischen Philologen, die in einer etwas heruntergekommenen Dahlemer Villa Latein und Griechisch pflegen, operieren nach den Sarrazinschen Kriterien für Standortrelevanz im Herzen der Irrelevanz. Der Gräzist Professor Bernd Seidensticker ist einer von ihnen. Dem Klischee des leicht verstaubten, defensiven und selbstgerechten Geisteswissenschaftlers entspricht er nicht. Seidensticker ist einer der führenden Experten für das klassische griechische Drama. Er leidet auf eine anrührende Weise darunter, dass bei der nächsten Sparrunde die Byzantinistik an der FU abgeschafft werden soll. Dabei neigt er eigentlich nicht zum Klagen. Er fühlt sich keineswegs in die Defensive gedrängt: "Wir sind hier nicht stärker unter Druck als die Naturwissenschaften." Seidensticker kooperiert mit den Theaterwissenschaftlern, den Komparatisten und anderen Philologen der FU. Er war Gastprofessor und Fellow in Harvard und Princeton, ist Mitglied mehrerer Akademien, gibt eine Fachzeitschrift heraus und publiziert Bücher in großen Publikumsverlagen. Der Altphilologe arbeitet an einem computergestützten Archiv der deutschen Antikerezeption. Mit Argwohn beobachtet er, wie die Drittmittel zunehmend zum letzten Kriterium wissenschaftlicher Qualität aufsteigen: "Dabei habe ich selbst drei volle und zwei halbe Stellen, die sich durch Drittmittel finanzieren. Aber kann man danach meine Arbeit beurteilen?" Das Seminar für klassische Philologie wird demnächst in die renovierte "Rostlaube" zu den anderen Philologien ziehen müssen. Die FU versilbert ihre Villen.

Der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen, seit fast einem Jahr Präsident der FU, hat das Wort des Finanzsenators von den "relevanten Fächern" als Angriff auf das Herz der Freien Universität empfunden. Lenzen, ein reservierter Typ mit stets kühlem Kopf, hat in seinem neuen Amt lernen müssen, zu härteren Tönen zu greifen. Schon in seiner Antrittsrede polterte er, es sei "völlig inakzeptabel, dass eine Regierung sich gegenüber ihren Universitäten wie ein imperialistisches Regime verhält." Solche Kampfeslust hatten die Studenten ihm nicht zugetraut, und eine Weile lang liebten sie ihn dafür.

Die Liebe ist freilich erkaltet, seit Lenzen im letzten Winter seinen Plan enthüllte, die Sparvorgaben des Senats umzusetzen. Um bis 2009 37 Millionen Euro einzusparen, will er unter anderem 82 Professuren quer durch die Fachbereiche streichen. Die Geisteswissenschaften werden dabei nicht überproportional zur Ader gelassen. Lenzen, ein Mann mit langer Verwaltungserfahrung, der ein wenig ironisch hinter seinen horngefassten Brillengläsern hervorschaut, benutzt gerne Phrasen aus der Managementsprache wie "gut aufgestellt", "Alleinstellungsmerkmal" oder "Cluster". Man könnte für Letzteres auch einfach "regionaler Forschungsschwerpunkt" sagen, aber das klingt zu altdeutsch. "Wir müssen", sagt Lenzen in seinem eleganten Riesenbüro im Präsidialgebäude der FU, "wegkommen vom Denken in Fächern hin zum Denken in Problemstellungen. Wir müssen uns in Clustern neu organisieren."

Solcher Sätze wegen ist der in seinem Fach hoch geachtete Mann bei manchen als Technokrat verschrien. Aber Lenzen taugt nicht recht als Feindbild. "Ich weiß natürlich", sagt er, "dass Geisteswissenschaftler nicht im gleichen Sinn Probleme lösen wie Mathematiker oder Ingenieure. Aber es ist auch ein Fehler zu sagen, wir sind von jeglicher Utilität frei. Wir bringen hier durchaus nützliche Dinge hervor – wir machen Editionen, die das kulturelle Erbe sichern, wir beraten Museen, Medien und Theater. Und es gibt gerade in Berlin einen Riesenmarkt für Geisteswissenschaftler. Wir bilden viele brauchbare Leute aus. Manche landen auch in Führungspositionen der Wirtschaft oder der Politik. Das ist nur viel zu wenig bekannt. Wir haben ein riesiges Imageproblem."

Es ist nicht nur ein Imageproblem: Die Geisteswissenschaften an der FU verzeichnen viel zu viele Langzeitstudenten und Studienabbrecher. Die Universität gibt keine Zahlen heraus, leugnet das Problem aber nicht. Der Romanist Jürgen Trabant, einer der besten Kenner Wilhem von Humboldts und der modernen Sprachphilosophie, hat beim Versuch, diese Zustände zu reformieren, überraschende Erfahrungen gemacht: "Wir haben hier am Institut für Romanistik alle Langzeitstudenten angeschrieben und ihnen mit der Exmatrikulation gedroht. Die Hälfte hat sich nicht gemeldet, die meisten anderen mussten wir nur etwas mehr an die Hand nehmen, um sie endlich zum Abschluss zu bringen." Man hätte früher darauf kommen können, das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt. Erst der jüngste Sparzwang hat den nötigen Druck erzeugt.

Jürgen Trabant gehört durchaus zu den reformfreudigen Professoren der FU. Doch das Zurschaustellen "bildungsferner Gesinnung" durch die Berliner Politik empfindet er als "unendliche Beleidigung". Das Sarrazin-Interview hat er an seiner Tür im romanistischen Institut aufgehängt. Er sieht keine Benachteiligung der Geisteswissenschaften, auch wenn von derzeit dreizehn Romanistik-Professoren nach dem Plan der Uni-Leitung wohl nur zehn übrig bleiben werden. Bald kommen zwei neue, junge Kollegen – "exzellente Berufungen" (Trabant).