Die Geisteswissenschaften sind nutzlos. Und sie schämen sich dafür. Allerdings noch nicht sehr lange. War es nicht soeben noch ihr besonderer Charme, über keinen direkten gesellschaftlichen oder gar wirtschaftlichen Nutzen zu verfügen? Hatte nicht der Bund Freiheit der Wissenschaft gerade diese Nutzlosigkeit als Schild wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit gegen die "unwissenschaftliche" Zumutung gepriesen, sich als "gesellschaftlich relevant" zu erweisen?

Gewiss. Aber das war gestern - oder genauer: in einer anderen Epoche, in den dunklen Jahren nach 68. Immerhin hatten diese Jahre in Gestalt des Soziologen Pierre Bourdieu und dessen Untersuchung über den Homo academicus die Nutzlosigkeit der Geisteswissenschaften als habituellen Bluff demaskiert. Die "scientific community" sehe - so Bourdieu - in den Geisteswissenschaften ihre genuine Repräsentation, weil sie dem wissenschaftlichen Ideal der Freiheit von nivellierenden Dienstfunktionen am nächsten komme. Indem nämlich Wissenschaft "sich als absolutes Subjekt setzt" und sich erst dadurch imstande dünkt, alles andere als Objekt zu setzen, enthebt sie sich auch den Zwecken dieses anderen. Zwar hatte schon Max Weber die Zweck- und Wertfreiheit der Wissenschaft ineinander verwoben gesehen; Bourdieu jedoch präsentiert diesen Zusammenhang als habituelles Konzept im Wettstreit um gesellschaftliche Anerkennung. Der "Narzißmus der Philosophen" schaffe kulturelles und symbolisches Kapital, wie geschaffen für einen stimulierenden Tausch zwischen Sozialprestige und sicherem Einkommen. So nützlich also kann Nutzlosigkeit sein.

Schon im Mittelalter sprach man von den "zwei Kulturen"

So besehen, sollte nichts unsicherer erscheinen als ebendiese vermeintliche Nutzlosigkeit. Und tatsächlich steht am Anfang aller Geisteswissenschaften die Propagierung ihres außerordentlichen Nutzens. Sowohl in der Politik wie in den Schriften zur Philosophie wird Aristoteles nicht müde, den Wert aller theoriegeleiteten, also allein auf Anschauung gestützten Disziplinen für die menschliche Sozialisation zu bekräftigen: "Obwohl das hier erworbene Wissen doch theoretisch ist, so vollbringen wir doch unzählige Handlungen nach seinem Muster, indem wir nach seiner Maßgabe das eine ergreifen, das andere lassen, und vor allem mit seiner Hilfe alles Gute erwerben."

Nun ist theoria nicht "Geist" - wenigstens als disziplinäres Merkmal von Wissenschaft. Aber die auf der Wissenschaftslogik des Aristoteles beruhende mittelalterliche "Erfindung" der Universität hatte die disziplinäre Differenz gleich mitgedacht. In den artes liberales, den von Freien zur Freiheit erziehenden sieben "freien Künsten", waren mit der Unterteilung von quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik) und trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) nicht nur disziplinäre Prototypen, sondern auch das Grundmuster der "zwei Kulturen" gestrickt worden. Dass dieses Muster früher positioniert war - im Grunde seit dem 6. Jahrhundert - als seine institutionalisierte Verfestigung durch die "Universität" (seit dem 12. Jahrhundert), hat weitreichende wissenschaftsgeschichtliche und soziale Folgen. Dieser Tatbestand hilft uns zum Beispiel, zu verstehen, warum europäisch-kontinentale Wissenschaftseliten sich allenfalls disziplinär und nicht universitär in agonale Brotspiele und Ranking-Kämpfe hetzen lassen. Ganz im Gegensatz zu den amerikanischen Eliten, die keine Universität avant la lettre kennen.

Dass die Forderung nach einem "deutschen Princeton" nicht nur die europäische Wissenschaftsgeschichte verkennt, sondern auch den Nutzen der Geisteswissenschaften kaum steigern wird, lässt sich rasch erahnen. Denn der Gedanke des wissenschaftlichen Nutzens entstammt der voruniversitären Küche der Disziplinen. Genauer: des Triviums, der Urmutter der Geisteswissenschaften.

Lassen wir einmal außer Acht, dass die Fächer des Triviums schon insofern nützlicher als das Quadrivium erschienen, als sie vor allem die Lektüre und das Verständnis der Heiligen Schrift erleichterten. Denn die artes galten bekanntlich als Hilfswissenschaften der Theologie. Vielmehr geht es um die Wissenschaftslogik selbst. Diese kreist bei den Fächern des Triviums und der sie verbindenden Argumentationslehre unablässig um die Frage: "Warum muss man diese Disziplinen loben?" So kehren ebenso unablässig dieselben stereotypen Titel auf: Laus - philosophiae, dialecticae, grammaticae ... Also: Lob der Philosophie, Dialektik, Grammatik et cetera.