Nichts ist für die Geisteswissenschaften so beständig wie die Krise. Die Schriften zum Thema "Krise und Zukunft der Geisteswissenschaften" sind mittlerweile zu einem eigenen literarischen Genre geworden. Und dennoch leben sie noch immer, die Germanisten, Historiker und Philosophen, die Altsprachler und Theologen. Und das nicht schlecht. Betrachtet man die Zahlen, könnte man gar von einer Blüte sprechen. Von Jahr zu Jahr sind die Studentenzahlen in den Sprach-, Kultur- sowie Sozialwissenschaften stetig gestiegen. Nie waren sie so hoch wie heute. Das Gleiche gilt für das Personal: Mehr als 20000 Beamte und Mitarbeiter für geisteswissenschaftliche Angelegenheiten leistet sich Deutschland. Am forschenden Nachwuchs mangelt es ebenso wenig. 2500 Dissertationen entstehen jährlich an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Allein bei den Historikern warten 250 Privatdozenten auf eine Professorenstelle.

Welche Krise also?, könnte man fragen – und antworten: Allein die Finanzen stecken in einer Krise. Mehr Geld für Lehre und Forschung, und dann lasst uns in Ruhe. Viele Professoren denken so, vielleicht die Mehrheit. Sie sind die Totengräber ihrer Disziplin. Denn die Rechnung wird nicht aufgehen. Weder wird man die Geistes- und Sozialwissenschaften in Ruhe lassen noch ihnen mehr Geld geben. Die akademischen und gesellschaftlichen Bedingungen wissenschaftlichen Arbeitens sind nämlich dabei, sich grundlegend zu verändern. Früher konnten sich Geisteswissenschaftler auf eine kulturelle Prägung verlassen, die Politik und Gesellschaft verband. Wer wollte damals bestreiten, dass das Studium Hölderlinscher Gedichte per se sinnvoll ist? Heute jedoch existiert ein kultureller Kanon nicht mehr, der Distinktionswert historischer oder literarischer Bildung verblasst. Einem Helmut Kohl war die "Geschichte" noch eine politische Kategorie; für seinen Nachfolger ist sie nicht viel mehr als ein Redeversatzstück.

Heute muss Wissenschaft etwas nützen und dafür selbst den Beweis erbringen. Das war früher anders. Da stellten Staat und Gesellschaft ihren Forschern Stellen und Räume zur Verfügung, ohne dafür Rechenschaft zu verlangen. Man vertraute auf die inneren Spielregeln des akademischen Systems und meinte, dass Wissenschaft dann den größten Gewinn für die Allgemeinheit bringt, wenn man sie mit sich allein lässt. Dieser "Gesellschaftsvertrag für die Wissenschaft" steht heute zur Disposition, sagt der Bielefelder Soziologe Peter Weingart.

Alle Disziplinen sehen sich mit der Frage konfrontiert: Was gibt die Wissenschaft der Gesellschaft zurück? Wer seine Existenzberechtigung nicht begründen, die Qualität von Forschung und Lehre nicht belegen kann, dem drohen Sanktionen. Denn unter dem Druck des Wettbewerbs und der leeren Kassen werden die Hochschulen nicht mehr das gesamte Fächerspektrum anbieten können. Sie werden einige Fachbereiche stärken, andere ausdünnen oder völlig schließen. Welche Schwerpunkte gesetzt werden, zeigen jüngste Beispiele.

Für die Hamburger Hochschulen schlug die Dohnanyi-Kommission vor, die geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer um ein Viertel ihrer Studenten zu erleichtern. Als man den Berliner Finanzsenator fragte, wo er bei den Hochschulen seiner Stadt noch Sparpotenziale sehe, fielen ihm die Geistes- und Sozialwissenschaften zuerst ein. In Zukunft wird es nicht einmal mehr die böse Politik brauchen, um die einen Disziplinen zu fördern und die anderen zu stutzen. Ausgestattet mit mehr Autonomie und globalen Budgets, werden die Universitätsleitungen das Geschäft übernehmen. Würden sie es nicht tun, hätten sie ihren Job verfehlt.

Es fehlen sogar Grundfertigkeiten

Man mag diese Trends kritisieren, umdrehen kann man sie nicht. Und wie verhalten sich die deutschen Geisteswissenschaften? Bestenfalls abwehrend und defensiv. Wie sind sie gerüstet für den Wettbewerb um Geld, Aufmerksamkeit und einen bedeutenden Platz in der Universität? Denkbar schlecht. Ihre Wirkung nach außen ist gering. Ihre Bereitschaft zur Qualitätskontrolle scheint ebenso minimal wie ihr Veränderungswille. Dabei hätten sie mehr als alle anderen Fächer Anlass zur Reform. Zum Beispiel in der Lehre. Jeder zweite Student der Geistes- und Sozialwissenschaften braucht deutlich länger bis zum Examen als vorgesehen. Philosophen und Historiker bleiben rund 14 Semester an der Universität. Germanisten und Soziologen ein Semester weniger – wenn sie es denn so weit bringen. Denn auf der Rangliste der Fächer mit den höchsten Abbrecherquoten besetzen Geistes- und Sozialwissenschaften die ersten fünf Plätze; vorneweg die Philosophie: Hier gelangt nur einer von acht Studienanfängern zum Examen.