Rettet euch selbst, sonst tut es keinerSeite 3/3

Nun sollen nicht alle habilitierten Geisteswissenschaftler versuchen, Bestseller zu schreiben. Den ein oder anderen würde man sich indes schon wünschen. Insbesondere verbeamtete Forscher haben den Auftrag, ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und sich aktuellen Fragen zu widmen. Sie nutzen damit der Stellung ihres Faches wie sich selbst. Doch bis auf Ausnahmen sind die großen Themen der Zeit – die neuen Erkenntnisse der Gen- und Hirnforschung, der kulturelle und soziale Zerfall der westlichen Gesellschaften, die Folgen von Migration und Globalisierung – noch nicht im Zentrum der Kultur- und Sozialwissenschaften angekommen. „Engagement und Schärfe werden nur aufgeboten, wenn es um die Wissenschaftspolitik geht, also pro domo“, schreibt der Sozialpsychologe Harald Welzer in der SZ über seine Kollegen.

Wie es um die Qualität der geisteswissenschaftlichen Forschung bestellt ist, darüber können sich Außenstehende kaum ein Urteil bilden. Naturwissenschaftler haben Nobelpreise und Patente. Ihre Beiträge müssen sich einem internationalen Expertenurteil stellen, bevor sie in einer Zeitschrift gedruckt werden. In den Geistes- und Sozialwissenschaften fehlen solche Bewertungsmerkmale. Drittmittel wären ein Kriterium. Doch anstatt dieses Kriterium anzuerkennen, polemisieren viele Vertreter der Zunft gegen die „Diktatur der Drittmittel“ und tun so, als ob es für Geisteswissenschaftler keine Fördergelder gebe. Das Gegenteil ist der Fall: Die Förderquote bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) stagniert seit vielen Jahren bei rund 15 Prozent – nicht weil es an Geld, sondern weil es an aussichtsreichen Anträgen mangelt.

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Es besteht die Gefahr, dass sich die Geistes- und Kulturwissenschaftler so lange allen Evaluationsbestrebungen verweigern, bis andere das Geschäft für sie übernehmen. So läuft es bei der Reform der Studienstrukturen, so lief es bei der Habilitation. Die Probleme bei der Ausbildung des akademischen Nachwuchses, zum Beispiel das hohe Alter der Privatdozenten, waren seit Jahren bekannt. Getan hat sich nichts. Erst als Bildungsministerin Edelgard Bulmahn die Habilitation abschaffte und den Juniorprofessor installierte, war das Wehklagen groß. Auch die Umstellung auf Bachelor und Master ist angesichts der beschriebenen Probleme der Lehre eine historische Chance für die Geisteswissenschaften. Doch anstatt sich an die Spitze der Bewegung zu setzen, verharren die meisten Fakultäten in einer Duldungsstarre. Schuld haben ohnehin stets die anderen: die Gymnasien, die die Abiturienten schlecht ausbilden. Die Studenten, die nicht lesen. Die Politiker, weil sie zu wenig Stellen schaffen.

Doch selbst wenn alle diese Vorwürfe stimmten: Die Antwort der Universität darf niemals Attentismus sein. Wenn die Studenten lesefaul sind: Warum führt man keinen Lesekanon ein und prüft ihn? Wenn die Erstsemester schlecht vorbereitet aus den Schulen kommen: Warum verordnet man wie in den USA keine Lese- und Schreibkurse? Viel wurde in der Vergangenheit über den Sinn der Geisteswissenschaften diskutiert, ob sie Orientierung bieten oder Modernisierungsschäden kompensieren sollen. Solche theoretischen Debatten sind überflüssig, wenn die Geisteswissenschaften ihre Aufgaben erfüllen. Dann werden sie kein Problem haben, ihre Bedeutung zu verteidigen. Der Schmollwinkel ist dafür nicht geeignet.

 
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