Es ist die Kultur, ihr Trottel!

Um den Menschen zu verstehen, reichen die Naturwissenschaften längst nicht aus

Das Kind liegt im Brunnen und jammert. Die Schlaumeier stehen am Brunnenrand und werfen gute Ratschläge ab. Hilf dir selbst, rufen sie, Drittmittel, Sonderforschung, Effizienzkontrolle! Du sollst nicht klagen, du sollst der Öffentlichkeit beweisen, dass sie dich braucht und dass du die Mittel verdienst, die sie dir gibt!

Der Philosoph Reinhard Brandt hat kürzlich in München gesagt, den Geisteswissenschaften fehle eine Schutzmacht: „Das war zuerst die Kirche, dann war es der Nationalstaat. Der jetzige Verwaltungsstaat bestimmt sich als Standfläche von Firmen beliebiger Herkunft; die Universitäten zählen nur als Zulieferanten qualifizierter Arbeitskräfte. Die unter sich konkurrierenden, nur am Eigenwohl interessierten Firmen können und wollen die staatliche Protektion der Geisteswissenschaften nicht ersetzen – warum sollten sie?“

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Das Zeitlose im Zeitlichen suchen

Ja, warum? Betrachten wir nur zum Spaß das Verzeichnis elektronischer Dissertationen der Universitätsbibliothek Düsseldorf. Für 2003 umfasst es 110 Titel in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät, neun in der philosophischen. Nennen wir je zwei Titel: Fluorophore für Anwendungen im High Throughput Screening und Mikrobielle Biofilme in oligotrophen Systemen auf der einen Seite; Jenseits der Topik – Die Herrscherbiographie der Karolingerzeit und Der Literaturkritiker Karl Gutzkow auf der anderen Seite. Wir müssen von der Sache nichts verstehen, um sofort zu begreifen, dass die einen Arbeiten gesellschaftlichen Nutzen versprechen, die anderen nicht. Die Asymmetrie der öffentlichen Wertschätzung folgt strikt aus jenem Nützlichkeitsdenken, das die Bildungsdebatte vollständig beherrscht. Wenn Karl Gutzkow mit dem High Throughput Screening in Konkurrenz treten muss, ist der Kampf entschieden.

Die Geisteswissenschaften sind vor allem Vergangenheitswissenschaften. Sie gleichen der Eule der Minerva, die, Hegels berühmtem Diktum zufolge, erst mit hereinbrechender Dämmerung ihren Flug beginnt. Selbst da, wo sie aktuell sind, verwandelt sich ihr Gegenstand, während sie ihn betrachten, in schiere Vergangenheit. Die Schlüsse, die sie aus ihrer Forschung ziehen, sind für die Zukunft nicht unmittelbar nützlich. Dass sich etwas so oder so zugetragen hat, bedeutet nicht, dass es sich wiederholen wird. Das naturwissenschaftliche Experiment behauptet genau dies: Wenn sich der Gegenstand X unter gegebenen Bedingungen so und so verhält, dann wird er es immer tun.

Damit kann die Gesellschaft etwas anfangen, derlei stärkt den Standort und schafft Arbeitsplätze. Und völlig unironisch muss man zugeben, dass die Prosperität des Landes, also auch die der Geisteswissenschaften, darauf angewiesen ist. Die Frage, ob ich ein High Throughput Screening für mein persönliches Glück brauche und ob ich damit den Sinn meines Daseins zu erhellen vermag, ist vollkommen unerheblich, solange es irgendein Unternehmen gibt, das mit Hilfe dieses Verfahrens Mehrwert erzielen kann.

Der Anerkennungswettkampf zwischen den Anwendungswissenschaften und den Reflexionswissenschaften ist längst entschieden, und es fragt sich wirklich, ob man den Geisteswissenschaften raten soll, sich auf diesem Gelände zu verkämpfen. Sie geraten unweigerlich in die Begründungsfalle, und das Ergebnis ist längst zu besichtigen, in der Installierung berufsorientierter Studiengänge und scheinbar anwendungsorientierter Forschungen kulturwissenschaftlicher Art. Die Begründungsfalle besteht aber darin, dass Fächer wie die Kunstwissenschaften oder die Theologie und Philosophie, die das Zeitlose im Zeitlichen suchen, deren Gegenstand das Wahre und Schöne und Gute (also auch das Unwahre, Hässliche, Böse) ist, den Nützlichkeitswettlauf nie gewinnen können und, wenn sie es dennoch versuchen, ihr Eigentliches verfehlen. Die Literaturwissenschaft zum Beispiel hat eine Zeitlang von der Literatur Abschied genommen, in der Hoffnung, durch die Erforschung alltagspraktischer Dinge wie Redeweisen, Medienkonsum und Geschlechterdiskurse Relevanz zu erzielen. Jetzt kommt sie nur schwer aus dieser Falle heraus, auch wenn es ihr gelungen sein mag, auf diese Weise so genannte Drittmittel (was eigentlich sind Erst- und Zweitmittel?) einzutreiben.

Der traditionelle bildungsbürgerliche Respekt vor den Überlieferungen des Geistes und der Künste ist geringer geworden. Es versteht sich nicht mehr von selbst, dass eine Stadt ihr Stadttheater hat und dass einer auf Staatskosten über Karl Gutzkow forschen darf. Im Fall der Universitäten kommt hinzu, dass aus den Tempeln des Geistes Lernfabriken geworden sind, die sich von wirklichen Fabriken nur dadurch unterscheiden, dass sie sich selber nicht vernünftig organisieren können. Auch, weil sie es nicht dürfen. Auffällig ist ja, dass die Rede von der Autonomie, die in den wilden Sechzigern notorisch gegen revoltierende Studenten vorgebracht wurde, kaum noch zu hören ist. Man kann sich kaum eine Institution vorstellen, die derart heteronom wäre wie die Universität. Auch die allseits propagierte Privatsierung führt nicht nur Autonomie.

Mangel an Selbstbewusstsein

Was massenhaft geworden ist, kann sich nicht mehr auf Exklusivität berufen. Das gilt besonders für die Geisteswissenschaften. Sie vor allem sind betroffen vom Verschwinden jener lingua franca, die über Jahrhunderte die Gelehrten aus aller Welt miteinander verbunden hat, des Lateinischen. Es führt in der historischen und theologischen Exklave nur mehr ein Schattendasein. An seine Stelle ist das Englische mit dem Vorzug der Universalität getreten. Es mangelt ihm aber im Hinblick kontinentaler Tradition an historischer Tiefe. Der Verlust ist in Deutschland besonders sichtbar. Die Bereitwilligkeit, mit der man hier ehrwürdige Traditionen verabschiedet und amerikanische Leitbilder nachbetet, indem man den Bachelor oder die Law School mit deutscher Zunge misshandelt, verrät einen Mangel an Stolz, der die englisch sprechende Gemeinschaft der Naturwissenschaftler nicht berührt, wohl aber die von ihrer Tradition abgeschnittenen Geisteswissenschaftler. Wobei man hinzufügen muss, dass nicht wenige von ihnen diesen Verlust gar nicht bemerken. Dieser Mangel an Stolz ist wohl das größte Problem.

Da nun die Geisteswissenschaftler nichts mehr zu verlieren haben, könnten sie gewinnen. Gewinnen aber nur, wenn sie sich mit Anstand und Würde, also ohne Ranschmeißerei, ihrem ursprünglichen Gegenstand widmen. Er ist nicht das Zukünftige, kaum das Gegenwärtige, sondern das Vergangene, wie es sich in Texten und Bildern, Dokumenten und Monumenten offenbart. „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ fragt Thomas Mann in seinem Roman Joseph und seine Brüder und fährt, indem er vom „Rätselwesen“ Mensch spricht, fort: „Da denn nun geschieht es, dass, je tiefer man schürft, je weiter hinab in die Unterwelt des Vergangenen man dringt und tastet, die Anfangsgründe des Menschlichen, seiner Geschichte, seiner Gesittung, sich als gänzlich unlotbar erweisen und vor unserem Senkblei, zu welcher abenteuerlichen Zeitenlänge wir seine Schnur auch abspulen, immer wieder und weiter ins Bodenlose zurückweichen.“

Von Johann Nestroy stammt eine Beobachtung, die uns immer vertrauter wird: „Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.“ Wir können auch sagen: Jeder Fortschritt erzeugt etwas Neues, und durch das Neue veraltet etwas anderes. „Der Fortschritt“, sagt der Philosoph Hermann Lübbe, „ist eine vergangenheitserzeugende Kraft. Zur Neuerungsrate verhält sich die Alterungsrate genau komplementär. Mit dem Tempo der Änderung unserer Lebensverhältnisse verfremden sich unsere Herkunftswelten, und es bedarf expliziter Anstrengungen ihrer Vergegenwärtigung, um sie aneignungsfähig zu halten.“

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, seitdem der blinde Zukunftsenthusiasmus, wie er sich in der New Economy, in den biopolitischen Züchtungsfantasien und in George Bushs neuer Weltordnung gezeigt hat, grauer Ernüchterung gewichen ist. Das Vergangene kehrt wieder, und sei es im Widerstand der Muslime gegen Modernisierung und Demokratisierung. Die Politik scheitert an der unterschätzten Macht kultureller Prägungen und Traditionen. „ It’s the economy, stupid!“, der Slogan aus Bill Clintons Wahlkampagne 1992, stimmt dummerweise nicht – es ist die Kultur, ihr Trottel! Wer dem „Rätselwesen“ auf die Spur kommen will, braucht die Geisteswissenschaften. So gesehen haben sie gute Karten, und die vergangenheitserzeugende Kraft des Fortschritts arbeitet ihnen stetig zu.

Leider jedoch liegt das Kind im Brunnen und jammert. Kein schöner Anblick. Es ist wahr, dass die Geisteswissenschaftler selten einen selbstbewussten Eindruck machen. Man kann aber die Öffentlichkeit von der eigenen Bedeutung nur dann überzeugen, wenn man selber daran glaubt. Zwar ist der Selbstzweifel ein Merkmal geistiger Arbeit von Anbeginn, nur der Fachidiot ist frei davon. Der Zweifel aber an der Dignität der eigenen Disziplin fällt auf den Zweifler zurück; man sollte ihm aus dem Brunnen heraushelfen und ihn in die Wüste schicken. Die anderen aber, die die Schnur ihres Senkbleis in die Unterwelt des Vergangenen abspulen, sind am Grund des Brunnen gut aufgehoben, und es mag sein, dass sie, wie uns die Märchen berichten, auf ungeahnte Schätze stoßen.

 
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