Es ist die Kultur, ihr Trottel!Seite 2/2
Mangel an Selbstbewusstsein
Was massenhaft geworden ist, kann sich nicht mehr auf Exklusivität berufen. Das gilt besonders für die Geisteswissenschaften. Sie vor allem sind betroffen vom Verschwinden jener lingua franca, die über Jahrhunderte die Gelehrten aus aller Welt miteinander verbunden hat, des Lateinischen. Es führt in der historischen und theologischen Exklave nur mehr ein Schattendasein. An seine Stelle ist das Englische mit dem Vorzug der Universalität getreten. Es mangelt ihm aber im Hinblick kontinentaler Tradition an historischer Tiefe. Der Verlust ist in Deutschland besonders sichtbar. Die Bereitwilligkeit, mit der man hier ehrwürdige Traditionen verabschiedet und amerikanische Leitbilder nachbetet, indem man den Bachelor oder die Law School mit deutscher Zunge misshandelt, verrät einen Mangel an Stolz, der die englisch sprechende Gemeinschaft der Naturwissenschaftler nicht berührt, wohl aber die von ihrer Tradition abgeschnittenen Geisteswissenschaftler. Wobei man hinzufügen muss, dass nicht wenige von ihnen diesen Verlust gar nicht bemerken. Dieser Mangel an Stolz ist wohl das größte Problem.
Da nun die Geisteswissenschaftler nichts mehr zu verlieren haben, könnten sie gewinnen. Gewinnen aber nur, wenn sie sich mit Anstand und Würde, also ohne Ranschmeißerei, ihrem ursprünglichen Gegenstand widmen. Er ist nicht das Zukünftige, kaum das Gegenwärtige, sondern das Vergangene, wie es sich in Texten und Bildern, Dokumenten und Monumenten offenbart. „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ fragt Thomas Mann in seinem Roman Joseph und seine Brüder und fährt, indem er vom „Rätselwesen“ Mensch spricht, fort: „Da denn nun geschieht es, dass, je tiefer man schürft, je weiter hinab in die Unterwelt des Vergangenen man dringt und tastet, die Anfangsgründe des Menschlichen, seiner Geschichte, seiner Gesittung, sich als gänzlich unlotbar erweisen und vor unserem Senkblei, zu welcher abenteuerlichen Zeitenlänge wir seine Schnur auch abspulen, immer wieder und weiter ins Bodenlose zurückweichen.“
Von Johann Nestroy stammt eine Beobachtung, die uns immer vertrauter wird: „Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.“ Wir können auch sagen: Jeder Fortschritt erzeugt etwas Neues, und durch das Neue veraltet etwas anderes. „Der Fortschritt“, sagt der Philosoph Hermann Lübbe, „ist eine vergangenheitserzeugende Kraft. Zur Neuerungsrate verhält sich die Alterungsrate genau komplementär. Mit dem Tempo der Änderung unserer Lebensverhältnisse verfremden sich unsere Herkunftswelten, und es bedarf expliziter Anstrengungen ihrer Vergegenwärtigung, um sie aneignungsfähig zu halten.“
Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, seitdem der blinde Zukunftsenthusiasmus, wie er sich in der New Economy, in den biopolitischen Züchtungsfantasien und in George Bushs neuer Weltordnung gezeigt hat, grauer Ernüchterung gewichen ist. Das Vergangene kehrt wieder, und sei es im Widerstand der Muslime gegen Modernisierung und Demokratisierung. Die Politik scheitert an der unterschätzten Macht kultureller Prägungen und Traditionen. „ It’s the economy, stupid!“, der Slogan aus Bill Clintons Wahlkampagne 1992, stimmt dummerweise nicht – es ist die Kultur, ihr Trottel! Wer dem „Rätselwesen“ auf die Spur kommen will, braucht die Geisteswissenschaften. So gesehen haben sie gute Karten, und die vergangenheitserzeugende Kraft des Fortschritts arbeitet ihnen stetig zu.
Leider jedoch liegt das Kind im Brunnen und jammert. Kein schöner Anblick. Es ist wahr, dass die Geisteswissenschaftler selten einen selbstbewussten Eindruck machen. Man kann aber die Öffentlichkeit von der eigenen Bedeutung nur dann überzeugen, wenn man selber daran glaubt. Zwar ist der Selbstzweifel ein Merkmal geistiger Arbeit von Anbeginn, nur der Fachidiot ist frei davon. Der Zweifel aber an der Dignität der eigenen Disziplin fällt auf den Zweifler zurück; man sollte ihm aus dem Brunnen heraushelfen und ihn in die Wüste schicken. Die anderen aber, die die Schnur ihres Senkbleis in die Unterwelt des Vergangenen abspulen, sind am Grund des Brunnen gut aufgehoben, und es mag sein, dass sie, wie uns die Märchen berichten, auf ungeahnte Schätze stoßen.
- Datum 22.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.04.2004 Nr.18
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