Gaza-Stadt

Die Trauernden füllen nahezu das gesamte Fußballstadion. Dort, wo sich sonst die Zuschauer drängeln, hängen riesige Porträts von fünf Männern: Ibrahim Makadmeh, Salah Schehadeh, Ismail Abu Schanab, Achmed Jassin, Abd al-Asis Rantisi – die einstige Führungsriege der Hamas. Sie sind jetzt Geschichte, keiner von ihnen ist mehr am Leben. Zuletzt trafen die israelischen Raketen Rantisi, den Kinderarzt, für den Selbstmordanschläge so selbstverständlich waren wie für andere die Zigarette zum Kaffee. Die Hinterbliebenen schütteln den Kondolierenden geduldig die Hände, aus den Lautsprechern dringen Racheschwüre. Alles wie gehabt, nur vielleicht ein wenig leiser.

"Offen gesagt, wir stecken in Schwierigkeiten", gibt Ghazi Hamad zu, der Chefredakteur der Hamas-nahen Wochenzeitung Al Risala ("Die Botschaft"). "Wie lässt es sich künftig geheimer arbeiten, wie eine neue kohärente Führung schaffen und wie beweisen, dass die Hamas immer noch so stark ist?", fragt er und räumt ein, das sei schwierig, nun, da "trotz aller Drohungen nach der Ermordung Scheich Jassins schon wochenlang keine Operation gelang".

Das sind neue Töne. Noch nie war die Hamas so populär wie in den letzten drei Jahren. Längst nahm sich die Jugend nicht mehr den Guerilla-Kämpfer der PLO zum Vorbild, sondern den Hamas-Getreuen, der sich einen Bombengürtel umlegt und kurz vor seinem Märtyrertod mit dem Koran für eine letzte Videoaufnahme posiert. Der israelische Abzug aus dem Gaza-Streifen, sollte es wirklich dazu kommen, sei ein Sieg des palästinensischen Volkes, sagt Hamad. Es handele sich um einen wichtigen ersten Schritt, für den man einen hohen Preis bezahlt habe. Aber es gebe keinen anderen Weg.

Ironischerweise ist es gerade die unerbittliche israelische Liquidierungskampagne gegen die Hamas-Führung, die den Menschen im Gaza-Streifen die Zweifel an Ariel Scharons Abzugsplänen genommen hat. Scharon wolle den Gaza-Streifen "säubern", bevor er seine Truppen zurückziehe, so sehen es hier alle, um nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, er sei feige dem Terror gewichen.

Der Luftraum gehört anderen

Die Palästinenser im Gaza-Streifen freuen sich auf den Abzug der Israelis. Denn er wird ihren Alltag erleichtern, vor allem durch die Beseitigung der Checkpoints, die 6000 Siedler schützen und den schmalen Küstenstreifen in drei Abschnitte geteilt haben. Dann wird man in 30 Minuten von Gaza-Stadt nach Rafah an der ägyptischen Grenze fahren können, statt sich stundenlang zwischen Siedlungen und Militärposten hindurchzuschlängeln. Wenn man überhaupt durchdarf. Die Siedlungen beanspruchen 35 Prozent der gesamten Fläche, ein Gebiet, das die 1,3 Millionen Palästinenser dringend brauchen werden. Nach den jüngsten Statistiken dürfte die Zahl der Einwohner bis zum Jahr 2021 auf 2,69 Millionen ansteigen. An kaum einem Ort der Welt leben Menschen so eng zusammengepfercht wie hier. Die Bevölkerungsdichte gehört zu den höchsten in der Welt. Mehr als die Hälfte der Bewohner sind jünger als 16. Die Arbeitslosenrate wird auf 40 bis 50 Prozent geschätzt. Etwa 70 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze.

Weil die Palästinenser diese Probleme nicht allein bewältigen könnten, müsse nach einem israelischen Abzug erst einmal Geld in den Gaza-Streifen fließen, sagt der Direktor der palästinensischen Entwicklungsbehörde PECDAR, Mohammed Schteijeh. Vor allem die Wirtschaft müsse gefördert werden, wie vor zehn Jahren nach Unterzeichnung des Osloer Abkommens, als schon einmal viel internationale Hilfe für den Aufbau geleistet wurde. Falls sich die Lage beruhigt, könnten künftig auch wieder mehr Palästinenser in Israel arbeiten. Derzeit sind es 15000, die jeden Morgen den Checkpoint Eres überqueren – nach langwierigen Sicherheitskontrollen. An diesem Prinzip soll nicht gerüttelt werden.