Ivan Nagel hat irritierend ungleiche Augen. Das linke zeugt von unbestechlichem Scharfsinn, das rechte von bestechlicher Güte und träumerischen Wesensgründen. Dieses milde, etwas müdere Auge aber scheint darüber zu wachen, dass der Scharfsinn nicht selbstschädigend aufs Gemüt durchschlägt. Nagels kritische Artikel zum Zeitgeschehen, unter dem Titel Das Falschwörterbuch soeben im Berliner Taschenbuch Verlag erschienen, bestätigen diesen Eindruck. Er analysiert luzide die seit dem 11. September 2001 gefährlich verschärfte Weltlage und vertraut doch mit dem Übermut der Verzweiflung unser aller Ohnmacht, auch Vernunft genannt.

Von Hause aus den schönen Künsten, also – um mit Jean Paul zu sprechen – eher der zweiten Welt in der ersten als schnöder Politik zugetan, mischt sich der verdiente Theatermann und Kritiker doch gelegentlich, wenn es sein muss, polemisch ein. Jetzt, da polemos, der Krieg, unseren Weltalltag bestimmt und die Hirne der Akteure vernebelt, muss es sein. Der erste Impuls war: "Trauer. Ein böses Versäumnis der reichen wie der armen Welt ließ es zu, dass 2001 statt 1989 zum Einschnitt der Geschichte wurde – die Katastrophe statt der Hoffnung." Was die Geschichte derzeit unter unserer fleißigen Dramaturgie auf die Bretter bringt, könnte in der Tat unschöner enden als der Ost-West-Konflikt. Mit entschlossenen Selbstmördern lassen sich schwerlich Überlebensabkommen schließen.

Wie die meisten von uns saß Ivan Nagel in den Wochen und Monaten nach dem 11. September wie galvanisiert vor dem Fernseher und sah, wie dem Präsidenten der mächtigsten Nation und seinen unberatenen Beratern die Worte im Munde wie giftige Atompilze zerfielen und in den Äther stiegen. Atavistische, unverhohlen kriegslüsterne Vokabeln, die sich kaum von der paranoischen Rhetorik der terroristischen Angreifer unterschieden. Er sah, dass Bush, Rumsfeld und Co. nicht sahen, was sie anrichteten mit ihrem einschüchternden Imponiergehabe, das einen Gegner, dessen einzige Waffe die Furchtlosigkeit ist, gar nicht einschüchtern, wohl aber eine Unzahl weiterer Gotteskrieger zeugen kann und wird. Und es schrillten bei ihm alle Alarmglocken. Er saß da, "gewürgt von Ekel und Entsetzen, die ich so nur als Kind vor dem Radio der Hitler-Zeit gespürt hatte; dann nochmals vor den Osteuropasendern in Stalins letzten Jahren. Ich lernte damals: Wer lügt, der mordet."

Die Lügen des Krieges

Starke Worte. Doch das Publikum neulich in der Berliner Akademie der Künste, wo Ivan Nagel auf Einladung des Präsidenten Adolf Muschg einige seiner Texte las, lauschte mit hörbar nachdenklichem Schweigen nicht allein wegen dieser deutlichen Worte und zugespitzten Wahrheiten. Die "imperiale Anmaßung" der US-Politik, ihren "dummen Machiavellismus" zur Rechtfertigung "gerechter" Kriege mit "Teppich- und Streubomben" gegen bettelarme unschuldige Völker haben auch andere schon beklagt, von Susan Sontag bis zu dem Poltergeist Michael Moore. Ivan Nagels Worte haben Gewicht, weil sie verbürgt sind mit ganzer Existenz. Die Lektion "Wer lügt, der mordet" war das kleine Einmaleins seiner Kindheit. Wer dem mörderischen Lügensystem der Nazis nur mit falschem Namen, mit gefälschten Papieren entkommen konnte, ist allergisch gegen "Falschwörter". Für ihn bedeuten sie Freiheitsberaubung, Nichtigerklärung dessen, was man ist, Auslöschung. Die Lügen des (Irak-)Krieges bedeuten: Auslöschung von Lebendigem. Zum Beispiel Menschen.

Adolf Muschg, der etwas ausstrahlt, was man tätige Geistesliebe nennen könnte, war sichtlich charmiert und angesteckt vom kämpferischen bon sens der weltgeschichtlichen Betrachtungen Nagels, die auch die Lügen der hiesigen "Sozialreformen" beim Namen nennen (als Klassenkampf der Reichen gegen die Armen), und er versprach uns weitere anstößige Abende dieser Art in der Akademie. Zuletzt waren es in den siebziger Jahren die "zornigen alten Männer" – Axel Eggebrecht, Heinrich Böll, Jean Améry und andere –, die zum Protest anstifteten gegen die restaurative Aushöhlung der Demokratie (Notstandsgesetze). Vom Notstand der geistigen Freiheitsberaubung in Zeiten des Krieges sind wir heute nicht weit entfernt. Da die zornigen jungen Männer (und Frauen) derzeit fehlen, können wir uns zu diesen gar nicht alten Siebzigern, zu diesem Akademie-Präsidenten vor allem, nur beglückwünschen.