Kann denn Mitleid Sünde sein? Jene Gefühlsaufwallung, die in uns unweigerlich aufsteigt, wenn eine arme Kreatur sich vor unser inneres Auge schiebt und auf der wir dann, mit ein wenig Nachdruck von einer sanften Stimme, zu jenen Übersprungshandlungen geschoben werden, die auf Spendenkonten nicht minder große Bewegtheit erzeugen?

Ein Profi in der Nutzung solcher Zusammenhänge ist Ute-Henriette Ohoven, eine Virtuosin der Guttaten und Sonderbotschafterin der Unesco. Nun ist sie – in der Nachfolge von Hannelore Kohl – Präsidentin des Kuratoriums ZNS, das sich um die Rehabilitation der im Zentralnervensystem Verletzten kümmert. Und als solche hat Frau Ohoven jetzt einen Coup gelandet: Mit dem Kinderliedermacher Detlev Jöck wirft sie eine Verkehrserziehungs-CD auf den Markt, die durch Spenden das Schicksal gehirnverletzter Kinder lindern, ja, verhüten soll. Unfallverhütung für die Kleinsten, eins, zwei, drei, seid ihr dabei? 150000 Kinder und Jugendliche tragen jedes Jahr bei Unfällen schwerste Gehirnschäden davon, haben geprellte, zerquetschte, zermatschte Köpfchen, 45000 von ihnen sind unter fünf Jahren alt, eins, zwei, drei, Klingeling, ihr seid doch nicht dabei?!

Das klingt so super: "Helm hübsch tragen, nur nicht träumen, hinten sitzen, bloß nicht stören…" Ach ja. Tatsache ist, auf den Straßen brettern viele herum, als wären sie längst gehirnzerstört. In Hamburg neulich waren von 119 kontrollierten Autos 107 zu schnell. Alle 13 Minuten wird so in Deutschland ein Kind verletzt. Da sei ein bunter Helm vor? Bei einer halben Million Verletzten im Jahr, bei rasenden, drängelnden, besoffenen Fahrern sollen Kinder die Straßenverkehrsordnung wiederherstellen durch vorbildliches Abbiegen? Ute-Kindchen, möchte man ihr flöten: Versuch’s doch mal mit Köpfchen!

Erstens: Das größte Verkehrsrisiko sind nicht Kleine, sondern Große, sie haben die 6606 Toten von 2003 auf dem Gewissen, Papis auf der Überholspur, Muttis auf eiliger Fahrt zum Kindergarten. Also zweitens: Nicht Kindern, den Erwachsenen muss man die Ohren voll dröhnen – mit einer CD beispielsweise, die jene Testosteron-gejagten jungen Typen, welche 83 Prozent aller Verkehrssünder stellen, aus dem Auto verscheucht wie Beethoven und Mozart es vor Bahnhöfen mit anderen Süchtigen tun. Oder mal eine Ohrwurm-CD für Verkehrspolitiker. Flotte Rhythmen, dazu laut geschrammte Unfallstorys – topaktuelle Moritaten, da wäre endlich Musik drin! Susanne Mayer