Enthüllungsbücher, Untersuchungsausschüsse und Rufmordkampagnen sind eher altertümliche Mittel im Kampf ums Weiße Haus. Zukunftsweisende Wahlkampfstrategien werden derzeit an der University of California in Los Angeles erforscht. Hier wird geklärt, welche Prozesse politische Slogans im Hirn der Wähler auslösen. Der Neuropsychiater Marco Iacoboni schiebt seine Probanden in einen Kernspintomografen und führt ihnen aktuelle Werbespots von Präsident Bush und seinem Herausforderer John Kerry vor. Die Blutflussmessung zeigt, welche Hirnareale dabei besonders stark, welche weniger aktiv sind. Davon erhofft sich der Sponsor der Forschung, der ehemalige Clinton-Wahlkampfstratege Tom Freedman, "ein wenig mehr exakte Wissenschaft in der Politikwissenschaft".

Noch seien die Ergebnisse eher vorläufig, berichtet die New York Times. Doch erste Trends sind erkennbar: So scheiden sich die Geister der Anhänger von Demokraten und Republikanern vor allem angesichts des aktuellen Bush-Werbespots, der mit Bildern des 11. September arbeitet. Hier zeigte sich bei den Demokraten ein Hirnareal viel stärker aktiv als bei den Republikanern – die Amygdala, jener Bereich, der Ängste verarbeitet.

So weit die exakte Wissenschaft. Was folgt daraus? Nach weiteren Tests favorisieren die Forscher die These, dass Demokraten angesichts von Gewalt generell alarmierter reagieren. Doch ist das eher positiv (erhöhte Terrorabwehr-Bereitschaft) oder negativ (Weichei-Politik) zu werten? Darüber lässt sich wieder streiten – mit Enthüllungsausschüssen und Rufmordkampagnen. Ulrich Schnabel