Es kommt nicht oft vor, dass Experten ratlos sind, aber in der Gesundheitspolitik ist das momentan der Fall. Ökonomen, Kassenmanager, Parlamentarier und Ministerialbeamte sind gleichermaßen ratlos. Den öffentlichen Aufruhr gegen die Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal, die seit Anfang des Jahres erhoben wird, kann kaum einer von ihnen verstehen. Andere Maßnahmen, etwa die höheren Medikamentenzuzahlungen, würden Versicherte viel stärker belasten, heißt es. In der Apotheke lasse der Patient oft weit mehr Geld als beim Arzt.

Seit dem vergangenen Wochenende jedoch finden zumindest die Fachleute, die der Bundesregierung nahe stehen, dass die Gebühren-Panik auch ihr Gutes hat. Sie fördert eine alte Idee, für die Sozialdemokraten und Grüne seit langem streiten: das Hausarztmodell. Dabei wendet sich der Patient nicht direkt an den Orthopäden oder Hals-Nasen-Ohren-Arzt, sondern konsultiert grundsätzlich zuerst einen Allgemeinmediziner. Im Gegenzug zahlt er weniger für seine Versicherung. In Nachbarländern wie den Niederlanden gibt es seit langem ein so genanntes Primärarztsystem, bei dem der Hausarzt den Patienten wie ein Lotse durch das System führt. In Deutschland können die Kassen seit der Gesundheitsreform 2000 solche Modelle anbieten, aber das Interesse war bisher gering.

Nun aber haben die Barmer (BEK) und andere Kassen angekündigt, schon bald denjenigen Versicherten die Praxisgebühr zu erlassen, die sich an einem Hausarztmodell beteiligen. Sie sorgte damit für riesigen Wirbel, obwohl sie nicht viel mehr als einen recht allgemein gehaltenen Vorvertrag mit dem Hausärzteverband vorweisen kann. Allerdings ist es der erste Vertrag, der für ganz Deutschland gelten soll. Ansonsten gibt es vergleichbare Modelle nur in einigen Regionen. In Baden-Württemberg etwa brauchen die 3200 Teilnehmer eines AOK-Hausarztmodells schon seit Anfang des Jahres keine Praxisgebühr zu zahlen. Dass die anderen Kassen folgen werden, steht deshalb fest, weil der Gesetzgeber mit der Gesundheitsreform den Kassen das Angebot von Hausarztmodellen zwingend vorgeschrieben hat. Die Konditionen allerdings können die Kassen weitgehend selbst bestimmen – und deshalb war es ungewiss, wie attraktiv die Verträge tatsächlich ausfallen würden.

Rabatte für die Patienten, höhere Honorare für die Ärzte

Nun heißt es bei einigen Konkurrenten neidvoll, der öffentliche Groll gegen die Gebühr habe der Barmer "einen riesigen Marketing-Erfolg" beschert. Die BEK stehe plötzlich als besonders verbraucherfreundlich da. Schnell erklärten andere Kassen, man wolle dem Beispiel folgen.

Der Regierung kann das nur recht sein. Denn bisher waren die Hausarztmodelle bei vielen Kassenvertretern auf Skepsis gestoßen. Noch bei den Verhandlungen zur Gesundheitsreform im vergangenen Sommer warnten die Vertreter der Allgemeinen Ortskrankenkassen davor, die Hausarztstrategie zu überschätzen. Um Versicherte und Ärzte für die Modelle zu gewinnen, müssten vom ersten Tag an finanzielle Anreize geschaffen werden, hieß es damals. Das bedeutet: Beitrags- oder Zuzahlungsrabatte für die Patienten, höhere Honorare für die Ärzte. Dem stünden allenfalls mittelfristige Einsparungen gegenüber, etwa weil Doppeluntersuchungen wegfallen. Kurzfristig sei eher mit steigenden Kosten zu rechnen, warnten die Kassen.