Preeti Mukherjee nippt an ihrem Eiskaffee mit viel Sahne. Soeben hat sie sich zwei neue CDs gekauft, gleich will die 27-jährige Bürokraft noch nach einer Bluse suchen. Sie kommt regelmäßig zum Shoppen in die Metropolitan Mall, das neue Einkaufscenter. "Man glaubt hier gar nicht, dass man in Indien ist", sagt sie. Es klingt, als sei dies das höchste Lob, das sie zu vergeben hat.

Hier gibt es keine verkrüppelten Bettler, kein Verkehrschaos und – für Indiens Straßen eigentlich ebenso charakteristisch – keine unbeaufsichtigten Kühe. Hier in der Mall glänzt der Marmorboden, an den Treppen blitzt Chrom, ein hohes Dach aus Stahl und Glas sperrt den Lärm aus und lässt Licht herein. In der Weihnachtszeit stand sogar ein großer, künstlicher Christbaum am Eingang. Würden nicht überall Männer in Uniform den Kunden die Türen aufhalten – man könnte meinen, man sei in den Potsdamer-Platz-Arkaden in Berlin.

Doch die Metropolitan Mall liegt rund sieben Flugstunden von Deutschland entfernt, vor den Toren von Neu-Delhi. Hier lässt sich ein neues Indien besichtigen: Bärtige Sikhs mit Turban stehen bei McDonald’s an, Frauen im Sari schnuppern sich durch Parfums von Dior & Co, Jeans-Mädchen probieren Benetton-Pullover oder die neuesten Modelle von Nike an. Und vor dem Kino-Center im vierten Stock debattieren Teenager, ob sie lieber Chameli, das neue Hindi-Drama, oder Master and Commander mit Russell Crowe ansehen sollen.

Dies ist nicht mehr das Land des asketischen Nationalhelden Mahatma Gandhi, nicht mehr das Indien, das als Gegenentwurf zum materialistischen Westen gepriesen wurde. Die Konsumtempel sind das auffälligste Zeichen des Wandels: Es ist noch nicht allzu lange her, da konnte sich nur eine winzige Elite Luxus leisten. Nun schwelgt auch Indiens junge Mittelschicht im Kaufrausch. "In den Städten sind die Konsumausgaben 2002 um zwölf Prozent gestiegen", sagt Vatsalla Misra, die für die Consulting-Firma KSA Technopak den indischen Käufern nachspürt. Die 26-Jährige im grau-roten Pulli ist selbst ein Kind der neuen Zeit. Jung, hübsch, gut verdienend. "Als ich vor einem Jahr diesen Job bekam, habe ich mir erst mal ein Auto gekauft, auf Kredit natürlich", sagt sie. Nächstes Jahr will sie mit ihrem Mann – "Es war eine Liebesheirat, keine arrangierte Ehe" – ein Haus kaufen. Und sie träumt von einem Urlaub im exotisch-fernen Griechenland.

Erst Anfang der neunziger Jahre hat die zweitgrößte Nation der Welt ihre Märkte vorsichtig geöffnet, nachdem sie ihre Wirtschaft vier Jahrzehnte lang abgeschottet und sich in Autarkie geübt hatte. Noch vor zehn Jahren musste ein Inder oft Monate auf einen Motorroller warten. An ein Auto war kaum zu denken, in den Regalen der Geschäfte gab es kaum Auswahl. Nun kaufen Gandhis aufstrebende Enkel, als wollten sie all das nachholen, was ihren Eltern und Großeltern versagt blieb. Neben Kleidung, Autos und Motorrädern sind vor allem elektronische Geräte gefragt. Die Zahl der Handy-Nutzer schnellte 2003 um 170 Prozent auf 28 Millionen hoch und wird sich in diesem Jahr wohl auf 56 Millionen verdoppeln. In manchen Regionen gibt es inzwischen mehr Fernseher als Toiletten; in rund jedem dritten Haushalt, auch in mancher Slumhütte, steht ein TV-Gerät.

Die Landbevölkerung ist zwar weitgehend unberührt vom Aufschwung. Doch in den Großstädten entstehen klimagekühlte Wohlstandsinseln inmitten der Massenarmut. Moderne Appartementkomplexe schießen aus dem Boden. Die Filialen internationaler Fast-Food-, Sport- und Modeketten erobern die Geschäftszonen von Delhi, Bombay, Bangalore und der Elendsmetropole Kalkutta; Kino-Komplexe, Szene-Bars und Restaurants mit ausländischer Küche sind auf dem Vormarsch. Zum Beispiel die indisch-italienische Espressobar-Kette Barista: Seit 1999 entstanden 120 Filialen, 2004 will sie fast jede Woche einen neuen Laden eröffnen – und das im Teetrinkerland Indien.

Die zweitgrößte Nation der Welt berauscht sich an einem "Wir sind endlich wer"-Gefühl. Die Wirtschaft wächst derzeit mit über acht Prozent, die Devisenreserven haben die 100-Milliarden-Dollar-Marke erreicht, die Zinsen sind gesunken. Indien werde bis 2050 zur drittgrößten Wirtschaftsmacht hinter China und den USA aufsteigen, sagen die Experten der Investmentbank Goldman Sachs voraus.

Weniger Steuern auf Handys, Laptops und Luxusgüter