Neu Delhi

D ouble digit, " zweistellig". Das ist Indiens neues Mantra. 10,4 Prozent! Als die Regierung diesen Anstieg der Gesamtwirtschaftsleistung meldete und versprach, ein solches Bruttoinlandsprodukt auch für die Zukunft anzupeilen, schwelgte India Today : "Wachstum ist das ultimative Aphrodisiakum." Tatsächlich trifft man in Delhis Geschäftswelt in diesen Tagen auf lauter Beschwingte.

Shashank Warty zum Beispiel, Vizechef der Taj-Mahal-Hotelkette, ist die personifizierte Zuversicht: "Im letzten Jahr hat sich die Zahl der Indien-Besucher verdoppelt", sagt er, "und auch immer mehr Einheimische können es sich jetzt leisten, durchs Land zu reisen." Ein wenig Sorge bereite ihm nur, "ob wir mit dem Andrang Schritt halten". Auch Yogendra Modi, Präsident des Dachverbandes der indischen Handelskammern FICCI, ist sehr zufrieden: "Jahrzehntelang hat die Regierung uns Unternehmern Vorschriften gemacht", sagt er. "Jetzt sind wir frei und können importieren und produzieren, was und so viel wir wollen." In der Tat, überall schießen neue Wohnblocks und Einkaufszentren aus dem Boden, und über Delhis lebensgefährliche Straßen rasen neuerdings schicke junge Inder in offenen Cabriolets.

"India Shining", "Indien leuchtet": Mit dieser Anzeigenkampagne zur Wahl machen sich die Bharatiya Janata Party (BJP) des Premierministers Atal Bihari Vajpayee und ihre Koalitionspartnerin National Democratic Alliance (NDA) die wirtschaftliche Aufbruchstimmung geschickt zunutze.

Es ist ja auch viel geschehen: Schritt für Schritt wurde die Ökonomie, die man noch immer in Fünfjahresplänen misst, vom Regelungsgestrüpp in der spezifischen indischen Mischung aus Staats- und Privatwirtschaft befreit. Die Regierung liberalisierte den Außenhandel, sie öffnete Staatsbetriebe für Investoren. Und sie baute Straßen. Stolz verweist Finanzminister Jaswant Singh auf Devisenreserven von 100 Milliarden Dollar. Indiens Aktienkurse ziehen nach oben. Der Mittelstand wächst, Einkommen steigen, und im Fernsehen wirbt die ICICI-Bank für ihre Kredite. "Jetzt ist es in Indien genauso wie überall auf der Welt", sagt Yogendra Modi. "Wer Geld hat, der geht los und kauft ein." Aber wer keins hat? Wie hell Indien tatsächlich leuchtet, darüber wird die zentrale, die "Brot und Butter"-Debatte dieses Wahlkampfs geführt. Wer profitiert vom neuen Wirtschaftswunder? Ist der Aufschwung von Dauer, oder leuchtet nur der Schein eines Strohfeuers?

Ein Vater des Erfolgs steht auf keiner Wahlliste: der Monsun. Wo rund zwei Drittel der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben, hängt nicht nur Kaufkraft von Ernten ab, sondern auch ein zwar sinkender, aber mit 25 Prozent noch immer hoher Anteil des Bruttoinlandsprodukts. Jahrelang gab es Dürren, doch letzten Sommer waren die Götter großzügig. Die 10,4 Prozent, die auf allen Titelseiten prangten, sind also vor allem den 16,9 Prozent Wachstum der Landwirtschaft gedankt. Ohnehin markiert die zweistellige Zahl nur das dritte Quartal von 2003; übers Jahr wird das Wachstum auf sieben bis acht Prozent geschätzt. Das aber, kritisiert die Times of India, sei "alles andere als historisch". Und listet neun einzelne Jahre mit ähnlichen Ergebnissen aus der Zeit der Kongress-Regierung auf.

"Wir haben die Grundlagen gelegt." Dieser Ansicht ist Prithviraj Chavan ohnehin. Der Abgesandte Maharashtras in der nationalen Staatenkammer Rajya Sabha ist ein programmatischer Denker der Kongresspartei, die Indien mit Ausnahme weniger Jahre von der Unabhängigkeit 1947 bis Ende der Neunziger regierte. "Gewiss", sagt Chavan, "für die Stärke des Staates haben wir einen Preis bezahlt: niedriges Wachstum, Korruption, geringe Effizienz. Andererseits: Nur weil wir die Gewinne künstlich gedeckelt haben, konnte sich der Reichtum verteilen und jene Mittelklasse entstehen, die jetzt die Unternehmer stellt." Tatsächlich entfaltet sich Indiens wirtschaftliche Blüte – anders als die chinesische – weitgehend hausgemacht in nationalen Firmen.

Zudem habe, fährt Chavan fort, schon der Premierminister der Kongresspartei Rajiv Gandhi in den achtziger Jahren die politischen Weichen für den Telekommunikations- und IT-Boom gestellt; Narasimha Rao habe in den Neunzigern mit der Marktöffnung begonnen und Lob und Prügel für den WTO-Beitritt eingesteckt. "Die BJP erntet, was wir gesät haben", seufzt der Politiker. "Leider ist das öffentliche Gedächtnis kurzlebig."