die zeit: Seit den Anschlägen vom 11. März in Madrid fühlen sich viele Europäer stärker vom islamistischen Terror bedroht. Haben die fundamentalistischen Kräfte in der arabischen Welt in den vergangenen zwei Jahren zugenommen?

Sadik al-Azm: Überhaupt nicht. Im Gegenteil: Sie sind schwächer. Sie kämpfen ihren letzten Kampf.

zeit: Wie erklären Sie sich dann die Angriffe vom 11. September 2001 und 11. März 2004?

al-Azm: Ich glaube, Osama bin Laden hat Amerika angegriffen, weil die Attacken auf die lokalen Regime im Nahen Osten nicht zum Erfolg führten. Die Islamisten glauben, dass diese Anschläge fehlschlugen, weil die Regime im Nahen und Mittleren Osten von den Amerikanern und dem Westen generell unterstützt wurden.

1979 beispielsweise gab es einen Aufstand in Saudi-Arabien, währenddessen der heilige Schrein, die Kaaba in Mekka, besetzt wurde. Der Aufstand wurde niedergeschlagen. Bin Laden ist nur eine fortgeschrittenere, aggressivere Form des damaligen Anführers Dschuheiman al-Utaiba. Sein Aufstand ging schief, auch wegen der Unterstützung der Amerikaner für die Saudis. Al-Utaiba attackierte 1979 das Hauptsymbol der Unabhängigkeit der saudischen Herrscherfamilie: die Kaaba. Bin Laden ist 2001 weitergegangen und hat mit dem World Trade Center das Symbol der Unterstützer des saudischen Regimes zerstört.

zeit: Sie sagen also, dass Amerika nur der zweitwichtigste Grund für die Anschläge war. Primär ging es den Islamisten um die arabischen Regime?

al-Azm: Ja. Das hat bin Laden auch so erklärt: Die Amerikaner sollen das Heilige Land verlassen. Er glaubt, wie viele andere fundamentalistische Kritiker des saudischen Regimes auch, dass dies kein richtiges islamisches Regime, sondern ein heuchlerisches ist. Sein Hauptaugenmerk liegt auf Saudi-Arabien selbst. Aber er kann sein Programm nicht durchsetzten, ohne die Amerikaner anzugreifen. Er hat sich wahrscheinlich als Vorbild Somalia genommen und dachte, wenn er die Amerikaner moralisch tief trifft, dann werden sie sich sofort zurückziehen. Ich glaube, da hat er falsch gedacht.