Vier Soldaten kauern hinter einer Steinmauer unterhalb der jüdischen Siedlung Migdalim reglos in der Nacht. Ihre Infrarotgeräte und Nachtferngläser sind auf ein gegenüberliegendes Palästinenserdorf gerichtet. Sie beobachten jede Bewegung. Autolichter fädeln sich zwischen Häusern hindurch. Ein Esel wandert die Straße entlang. Sonst ist es still. Der Truppführer spricht hin und wieder kaum vernehmlich in sein Funkgerät. Einmal schallt der Ruf der Muezzins von den Moscheen herüber, erst aus Jurish, dann aus Qusra. "Allahu Akbar", tönt es, "Allah ist groß". Pause. Dann wieder: "Allahu Akbar." Die vier Soldaten bewegen sich nicht, sie warten auf ihr Opfer.

Der Mann, auf den sie es abgesehen haben, lässt sich nicht blicken. In der letzten Woche hat er immer wieder alte Reifen angezündet. Erst in einiger Entfernung, dann näher und näher an jenem hohen Gitterzaun, der das Dorf Migdalim südöstlich von Nablus einschließt. War es nur eine Protestaktion? Oder steckte hinter dem Zündeln mehr? Will eine palästinensische Kampfeinheit die Reaktionen der Besatzer testen? Gestern Abend hat offenbar derselbe Mann einen Strommast in Brand gesetzt, was ein Versuch sein könnte, die Energieversorgung zu kappen. Ist das ein Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff?

Knapp vier Wochen ist es her, dass die israelische Luftwaffe den Hamas-Führer Scheich Achmed Jassin tötete. Hamas ließ daraufhin verlauten, der israelische Premierminister Ariel Scharon habe mit seinem Befehl zum Attentat das "Tor zur Hölle" aufgestoßen. Dann ordnete der Premier auch die Exekution des Jassin-Nachfolgers Abdel Asis Rantisi an, der vergangenes Wochenende schließlich liquidiert wurde. Nach dem Attentat auf Scheich Jassin ist die israelische Armee in erhöhter Alarmbereitschaft, jeder wartet auf einen Vergeltungsschlag.

Noch ist das Westjordanland ruhig. Wie es scheint, ist Migdalim ein friedlicher Ort. Am Morgen pflügt ein Bauer am Fuß der Hügelkuppe mit seinem Esel die braune Erde, ruft dabei: "Hü, hü, ho!" Der Blick geht über die Terrassen der Olivenhaine, die Pinienstände, über die frühjahrsgrünen Felder, die Moscheen und Dörfer bis hin zu den Bergen jenseits des Jordantals.

Migdalim ist ein entlegenes Wehrdorf für rund neunzig Siedler und gut und gern fünfzig Soldaten. Die Soldaten leben in drei sonnenverblichenen Baracken und einem halben Dutzend Containern. "Hausen" wäre die zutreffendere Bezeichnung. Draußen wuchert wildes Getreide und hüfthohes Unkraut, drinnen herrscht heilloses Durcheinander. Teilweise gestopfte und geflickte Uniformen, kugelsichere Westen, Helme, Waschbeutel, Schlafsäcke und Gewehre verteilen sich auf zweistöckigen Stahlpritschen. Musik plärrt aus Stereoanlagen, die auf Munitionskisten stehen, von links dröhnt israelischer Pop, von rechts Elvis Presley. Einige Soldaten liegen trotzdem auf ihren Betten und schlafen fest, andere vertilgen Schokolade und Erdnusschips.

Ein Offizier trägt seine Hose wie ein Skateboarder

Wer hier ein normaler Soldat ist oder Offizier, lässt sich gar nicht so einfach feststellen. Nach dem Essen waschen die einen wie die anderen Teller und Besteck ab. Militärisches Grüßen gibt es nicht. Einer, der sich später als Offizier entpuppt, trägt seine Hose halb heruntergelassen wie ein Skateboarder, zwischen Hose und Jacke lugen Boxershorts hervor. Der Umgangston ist leger und höflich. Jedermann zeigt sich hilfsbereit. Wäre da nicht all das Kriegsgerät, könnte man den Eindruck gewinnen, in ein Ferienlager für Großstadtkinder geraten zu sein.

"Das mag alles sehr informell aussehen", gibt Leutnant Matan zu. "Aber wir sind trotzdem eine Armee!" In den Augen vieler Militärexperten ist es sogar die kampfstärkste Armee der Welt. Doch Hauptmann Asman, Befehlshaber der Truppe, glaubt lieber an die Überlegenheit des freiheitlich athenischen Ideals über die Zucht und Ordnung spartanischer Streitkräfte. Asman sieht mit seiner tief sitzenden Lesebrille wie ein Intellektueller aus. 26 Jahre ist er alt, sein Stellvertreter gerade 22 Jahre. Die jungen Männer gehören der israelischen Eliteeinheit Orev an, die zum ersten Mal einem Reporter gestattet hat, sie über eine Woche Tag und Nacht zu begleiten.