Hörbuch Ich bin nicht scharf auf die Puppe
Wir erzählen Ihnen die Geschichte von Dickie Dick Dickens, dem gefährlichsten Mann, den die Unterwelt von Chicago je ausgespuckt hat… und dann knallt der härteste Blechbläsersatz, den die Radiogeschichte kennt – sieht man von Francis Durbridge ab, aber davon später: „gefürchtet (Deng!), verachtet (Whooie!), gehasst (Peng!), ein Ausgestoßener“. Kulturgeschichte ist Hörgeschichte, und manchmal bewegt sie sich in den Hinterhöfen des Kriminalhörspiels, mit den unvergesslichen Stimmen eines Carl-Heinz Schroth oder René Deltgen, im Bayerischen Rundfunk oder im WDR, bis zu jenen Tagen, da die Eurovisions-Fanfaren dem Radio die Quoten klauten.
Dickie Dick Dickens in der Regie von Walter Netzsch mag süddeutschen Hörern eine nostalgische Erinnerung sein, jene Moritat vom Aufstieg eines Taschendiebs zum Gangsterboss „Tschikagos“. Beim Wiederhören wird es zum verblüffend sprachwitzigen Spiegel bundesrepublikanischer Wirtschaftswundermentalität. D. D. D., der am liebsten mit seiner Freundin Effie Marconi (Marlies Schoenau) Sechsundsechzig spielt, notiert am Ende: „Mir wurde bewusst, dass man mit dem gleichen Risiko eine Million wie eine Geldbörse stehlen kann. Man muss bloß wissen, wo man sie findet.“
Die Geschichten von Rolf und Alexandra Becker, in London beziehungweise Hamburg geboren, und seit 1953 gemeinsam 37 Ehejahre lang schreibend, spielen in jenen Häuserschluchten, wo sich auf der einen Straßenseite Jerry Cotton, auf der anderen Nick Knatterton bewegt, in einem imaginierten Amerika, dem man mit ebenso viel Faszination wie spöttischer Distanz gegenüberstand. Man fährt einen mausgrauen Chevrolet und liebt zugleich Wiener Walzer, den D. D. D.„auf seinem kleinen Klavier mit hurtiger Fertigkeit zu spielen wusste“. 1957/58 liefen diese wunderbar Genre-ironischen zehn Folgen, die jetzt auf fünf CDs erschienen sind. Sie Straßenfeger zu nennen wäre übertrieben, aber an den betreffenden Abenden hatte das Leben eine halbe Stunde Pause.
Die Hörspiele, die der 1912 geborene Engländer Francis Henry Durbridge für die BBC schrieb und die in Deutschland legendäre Quoten erreichten (seine Halstuch-TV-Serie lag bei 89 Prozent), entwickeln dagegen beim Nachhören eine Atmosphäre, der ein gewisser Kinderkrimi-Charme nicht abzusprechen ist. Es bleibt dennoch spannend. Wer wird Millionär?, Wer war’s?, Wem gehört der Mantel? – es ist jenes Frage-und-Antwort-Spiel, dem man sich nur schwer entziehen kann, das den Cliffhanger, jenen Moment der dramatischen Schürzung am Ende der Episode, so virtuos handhabt.
Paul Temple, Schriftsteller und Detektiv per Zufall und Nachfrage, ist samt Ehefrau Steve die englische Version des Thin Man von Dashiell Hammett, der trockene Martini-Dialog erweist sich als ebenso wichtig wie die gelehrte Falle, wenn Temple eine Dame mit einem Lord-Byron-Gedicht überführen will, indem er es fälschlicherweise Robert Browning zuschreibt. Ob es der Fall Curzon von 1951 ist, bei dem zwei Jungen spurlos verschwinden, oder der Fall Margo, der dramatisch mit der Entführung seiner Frau einsetzt, immer geht es um schönste Mittelschicht-Motive wie Geld, Habsucht, Rache, nie wird man von Satanisten, Pädophilen oder Potenzproblemen der Kommissare belästigt.
„Oh Paul, du siehst glänzend aus“, versichert die Frau dem Mann, und so suhlt sich der Hörer, der in Paul Temple vor allem den Kult sucht, natürlich in den Anspielungen („Bei Morpheus, der Verkehr wird unerträglich“), der angestaubten Höflichkeit („Fahren Sie nur fort, Sir Graham“) und vergangener Szenesprache („Nein, Mister, ich bin nicht scharf auf die Puppe“). Da verkehrt man in „leichtlebigen Kreisen“, sieht abends in „die Flimmerkiste“ und hat einen „Bombenerfolg bei den Miezen“.
- Datum 22.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.04.2004 Nr.18
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