Merkwürdig, aber kaum jemand in Berlin oder München hat sich bisher an Irlands Steuerpolitik gestört. Mit nur 12,5 Prozent Steuern auf Unternehmensgewinne unterbietet die grüne Insel selbst Ungarn oder die Slowakei. Die EU-Kommission ließ in den vergangenen Jahren stets Gnade vor Recht ergehen – die Randlage der Insel, ihre jahrhundertelange Geschichte als Europas Armenhaus galten in Brüssel als Begründung für Milde.

Irland konnte mit solchen Sätzen große Sprünge machen: Lag beim EU-Beitritt das Bruttoinlandsprodukt noch bei 60 Prozent des Durchschnitts (1973 war das der letzte Platz der Neunergemeinschaft), so überspringt der keltische Tiger heute die 110-Prozent-Marke. Irland wird spätestens 2006 zum EU-Nettozahler – und ist stolz darauf, wie Regierungschef Bertie Ahern versichert. Wachstumsraten von bis zu zwölf Prozent über die neunziger Jahre hinweg machten es möglich, beflügelt durch den Fleiß einer jungen, gut ausgebildeten Bevölkerung.

Das klassische Auswandererland zieht heute Einwanderer und ausländisches Kapital an. Die Investment and Development Agency erledigt einen Niederlassungsantrag im "One stop shop"-Verfahren binnen zwei Monaten. Ins Land flossen aber auch reichlich Mittel aus dem Brüsseler Topf für Strukturhilfe. Premier Bertie Ahern verkündete unlängst stolz, dass "unser Pro-Kopf-Einkommen unter den höchsten der EU, unsere Wachstumsrate weit über EU-Durchschnitt und unsere Arbeitslosenrate weit darunter liegt – und unsere Finanzen bequem die Regeln des Stabilitätspakts einhalten können". Der EU-Osterweiterung sehen der Premier und seine Landsleute mit demonstrativer Gelassenheit entgegen. Irland gehört zu den ganz wenigen EU-Altmitgliedern, die keine Übergangsfristen oder sonstige Einschränkungen für Arbeitskräfte aus den neuen Ländern anwenden wollen.

In den letzten Jahren freilich sank das Wirtschaftswachstum auf "nur" noch 2,5 Prozent, die ersten Multis wanderten nach Osteuropa oder Übersee ab – etwa der französische Multi Schneider Electric, der eine Fabrik nach Mexiko, eine andere in die Tschechische Republik verlagerte, oder Philips, das vor einem Jahrzehnt seine Buchhaltung in Irland ansiedelte und damit jetzt nach Lodz wandert. Die Niedriglohnzeiten auf der Insel scheinen endgültig vorbei zu sein.

Allerdings dämpfte Irlands Boom vor allem die Abhängigkeit vom Dollar: Von 1100 ausländischen Firmen auf der Insel sind 46 Prozent in US- Hand. Die prominentesten Träger des Erfolgs sitzen im Bio-Tech- und Pharmabereich – beiden Branchen jedoch verhagelte es zuletzt die Konjunktur. Umgekehrt geht die Regierung davon aus, als Erste von der US-Konjunkturerholung zu profitieren. Im letzten Quartal 2003 lag die Wachstumsrate wieder jenseits der Fünfprozentmarke.

Mit der Erweiterung kommt es zu einer neuerlichen Umschichtung der Unternehmen: Es gehen jene, die im Osten billigere Arbeitskräfte für die bloße Montage ihrer Produkte finden. Es kommen jene, die gemerkt haben, dass die Regierung über Jahrzehnte hinweg in Bildung investierte. Firmen wie Google oder eBay finden hier Fachkräfte, noch dazu englischsprachige. Rund 26 Milliarden Euro haben Pfizer, Microsoft und andere in Irland im Jahr 2002 investiert, bei einem Bruttoinlandsprodukt von insgesamt 129 Milliarden Mark. Noch ein Rekord in EU-Land.