Es liegt nahe, sich im Spiegelkabinett von Quentin Tarantinos Kill Bill – Volume 2 lustvoll zu verirren. Man kann diesen Film aufblättern in Referenzen, Kinozitate und Kleinsthommagen. Man wird Sergio Leone, Bruce Lee und Charles Bronson begegnen, John Ford und Monte Hellman, Hunderten von B-Movies und trashigen Detektivserien. Von der Tonspur hallt der Sound der Siebziger und Achtziger, Songs von Johnny Cash und Malcolm McLaren, Filmmusik von Ennio Morricone und der Rockability-Kitsch von Charlie Feathers. Kill Bill, diesen Kinofilm, der nur Kino enthält, zu sezieren wäre aber ungefähr so spannend, wie eine Lego-Burg zu zerlegen, um dann festzustellen, dass sie nur aus Lego-Steinchen besteht. Also gilt es erst einmal zu würdigen, dass hier ein Film zum Medium eines geradezu infantilen Bilderfanatikers wird. Dass Quentin Tarantino Kindsköpfigkeit auf hohem, ja allerhöchstem Niveau produziert und genau darin seine Größe liegt. Wieder spielt er alles nach, was er am Kino liebt. Ungebrochen, hemmungslos, mit der Begeisterung eines kleinen Jungen, der sich seine Lieblingsfilme im Kinderzimmer noch einmal zusammensetzt. Und ungebrochen, hemmungslos, mit der Begeisterung eines Kindes, das seinem Spielkameraden beim Spielen zuschaut, sieht man sich diesen Film an.

In Kill Bill 1 + 2, die leider aus verleihtechnischen Gründen auseinander gerissen wurden, aber eigentlich ein einziger Film sind, führt Uma Thurman als Killerin einen Rachefeldzug. Sie will sich an ihrem Auftraggeber Bill rächen, jenem Mann, der sie als Hochschwangere bei ihrer Hochzeit niederschießen ließ. Im ersten Teil des Action-Epos führte die Blutspur der verratenen Mörderin in ein Delirium, versponnen in die Selbstbezüglichkeit des Mediums. Streckenweise wirkte Kill Bill 1 wie der psychedelische Traum eines Videothekars, der zwischen den Filmregalen der letzten Jahrzehnte einen Trip eingeworfen hat. Nach dem rasanten, ungemein blutigen Fast-Forward kommt nun mit Kill Bill – Volume 2 die ruhige Abrechnung, nach dem Amoklauf der Chill-out.

Sicher, es geht immer noch recht brutal zu: Ein Auge wird eingestochen, ein weiteres herausgerissen, Giftpfeile fliegen, die Heldin wird lebendig begraben, und ein Mann stirbt recht unappetitlich an einem Schlangenbiss ins Gesicht. Doch im Gegensatz zu den Serienexekutionen im ersten Teil ist es eine eruptive, blitzschnelle Gewalt, die unsere Erwartungen unterwandert und jede Action schockartig beendet.

Tarantinos scheinbar so kalte, in der Referenz erstarrte Kinowelt findet in Kill Bill 2 auf ungemein coole Weise zu sich selbst. Wenn die Kamera um einsame mexikanische Kirchen kreist oder auf nachtblauen Diner-Parkplätzen verharrt, wenn Uma Thurman als Rächerin im Cabrio so glamourös wie einst Grace Kelly in den Film hineinfährt und David Carradine unheimliche Melodien auf der Schicksalsflöte spielt, dann sind diese Szenen nicht einfach nur Zitate, sondern Bestandteil einer populärkulturellen Welt, in der sich Bilder mit einer gewissen Zärtlichkeit an Vorbilder erinnern – und durch ebendiese Zärtlichkeit ihre Eigenständigkeit gewinnen. Aus Pop und Filmgeschichte extrahiert dieser Regisseur Geschichten und Figuren, die um die tiefe Wahrheit der trivialen Formen wissen. Gerade weil die Tarantino-Welt keine andere poetologische Grenze kennt als das Kino selbst, erwächst ihren Bewohnern eine ungeheure Freiheit. So nimmt sich Tarantino in Kill Bill 2 endlich wieder Zeit für jene aberwitzigen Dialoge, mit denen der Autoren-Filmer seit jeher der bloßen Kompilation des Kinomaterials entsteigt. Seine Figuren philosophieren über das Recht auf Rache und die Mythologie der Superhelden. Bevor sie sich gegenseitig umbringen, erzählen sie ausführliche Dönekes aus ihrem Leben. Sie ergrübeln die Motivation ihres Handelns und versuchen noch dem Mordversuch an der Geliebten eine eigene melodramatische Kinologik abzutrotzen.

Vor allem ist Kill Bill 2 die Geschichte einer großen Liebe. Zwischen David Carradine als Bill und Uma Thurmans Racheengel. Es ist eine von allen Romanzen und Melodramen dieser Welt gesättigte Meta-Liebe, riesenhaft und tödlich. Natürlich kann das Kind dieser beiden Liebenden wiederum nur ein Kinowesen sein. Am Ende findet Thurman ihre verloren geglaubte Tochter wieder, die der Vater Bill nach seinem Mordversuch alleine aufzog. Beim Killerspielen überrascht, richtet das Mädchen erst einmal die Pistole auf die Mutter und ballert los. Ihren Toast bekommt die Kleine mit einem riesigen Schlachtermesser geschmiert, das der Scream- Trilogie entliehen scheint. Vor dem Zubettgehen schaut sie brutale Zeichentrickfilme. Friedlich wird sie einschlafen, während die Eltern im Nebenzimmer eine fürchterliche Vorabend-Metzelei beginnen.

Es hat eine gewisse Ironie, dass Quentin Tarantino, dem Tugendwächter stets die Ästhetisierung der Gewalt vorwarfen, die schlimmste Gewalt nun im Herzen der amerikanischen Kleinfamilie ansiedelt, zwischen wabbeligen Schinkensandwichs und Gutenachtküssen. Was sich liebt, das tötet sich. Den Rest besorgt das Kinderprogramm. Im Grunde ist Kill Bill Volume 1 + 2 eine einzige große sarkastische Familienzusammenführung.