Als er nach einer schweren Krankheit aus der Pflege entlassen wird, weiß Sidney Orr kaum mehr, wer er ist. Die Bilder vor seinen Augen zerfließen ihm. Der Vierunddreißigjährige geht unsicher wie ein alter Mann. Auch als Schriftsteller ist Orr in einer Krise. Trotz guter Ratschläge eines erfahrenen Kollegen hat er es seit Monaten zu nichts gebracht. Da entdeckt er im Paper Palace, einem chinesischen Schreibwarengeschäft, ein kleines blaues Notizbuch. Als er darin zu schreiben beginnt, geht zuerst alles wie von selbst.

Als der junge Lyriker und Essayist Paul Auster 1978 Edmond Jabès interviewte, erzählte ihm der alte franko-ägyptische Dichter, wie es war, als sein Buch der Fragen erschien: "Niemand wusste so recht, was er damit anfangen sollte, die Idee eines récit eclaté, einer aus Bruchstücken bestehenden Erzählung, war in Frankreich nie zuvor erörtert worden." Jeder, der Paul Auster und seine wichtigsten Romane kennt, wird sich fragen, was den Amerikaner an Jabès interessierte, aber auch an französischen Schriftstellern wie René Char oder Maurice Blanchot, über die Auster Essays schrieb oder die er übersetzte.

Auster selbst distanzierte sich Mitte der neunziger Jahre von seinen Anfängen. Aber gibt es den viel zitierten "Bruch" in Austers Werk überhaupt? Wer seinen neuesten Roman Die Nacht des Orakels und das lange Gespräch mit Edmond Jabès vergleicht, wird viele Aspekte des "Ursprungs" finden, der den 1978 noch romanlosen Auster über alle Krisen in seinem Schriftstellerleben tragen wird. Jabès erzählt, dass die Hauptfigur des Buchs der Fragen "doppelt angelegt" sei, zwei Schicksale habe, eines als Autor und eines als Figur, doch beide trügen denselben Namen. Und wie im Buch der Fragen gebe es "in allen Büchern, die ich schreibe, ein Buch im Buch". Man kann Jabès’ Worte problemlos in Austers Mund legen, muss nur noch ein Gedicht wie In memory of myself (von 1979) hinzufügen, und schon hat man zentrale Themen jenes Schriftstellers angesprochen, dem es ein Vierteljahrhundert später in der Nacht des Orakels noch immer um die gefährdete Identität eines Menschen geht.

Auch der angeschlagene Schriftsteller Sidney Orr folgt den Obsessionen seines Schöpfers und schreibt in seinem blauen Buch im Buch an der Geschichte eines Mannes, der sich in einer Krise befindet: Nick Bowen, eine Dashiell-Hammett-Figur, ist ein angesehener Verlagslektor, der schon lange lieber in der Garage an einem alten Jaguar herummontiert. Als er eine junge Frau kennen lernt, die Tochter der Autorin eines Romans mit dem Titel Nacht des Orakels, verlässt er seine Gattin, um mit dem ersten Flug zu verschwinden. Bowen landet in einem Luftschutzkeller in Kansas City, der nur noch von außen geöffnet werden kann. Und als ob Bowens Schicksal mit dem von Orr auf rätselhafte Weise korrespondierte, nimmt auch die Wirkung des blauen Notizbuchs ab: Bowen sitzt in seinem Loch fest, Orr in seinem Text, und seine Frau ist drauf und dran, ihn zu verlassen.

Sind all die Austerschen Krisen und Verzweiflungen, ist diese permanente Suche nach einem neuen Lebensanfang, die Auster in Nacht des Orakels in vielen Verschachtelungen und Verpuppungen bis zum Exzess betreibt, noch glaubhaft, nach so viel Verkaufserfolg und Variierung eines Musters? Die glatte, handwerklich oft perfekt gearbeitete Oberfläche der Texte Austers ist die eines wellenlosen Sees. Und die Erzählerstimme, die den Leser übers Wasser führt, bleibt gemessen, selbstsicher, was auch immer sie berichtet. Selbst die zunächst irritierenden, bis zu fünf Seiten langen Fußnoten in der Nacht des Orakels sind so anschmiegsam geschrieben wie der Rest des Texts.

Doch nicht die gediegenen Fußnoten sind das Gefährliche in diesem Text, der in seinen besten Passagen die geheimnisvolle Klarheit eines Märchens hat. Der außergewöhnliche Ernst, der Austers neuem Roman eigen ist, kommt über John Trause ins Spiel, den Großschriftsteller und väterlichen Freund von Orr, der Grace, Orrs Frau, schon seit ihrer Kindheit kennt. Der 56-jährige Trause (Auster war 2003 56 Jahre alt) hat ein Problem. Es ist sein zwanzig Jahre alter Sohn Jacob, der die Nacht des Orakels schließlich in eine Katastrophe führt.

Jacob kann Grace nicht leiden, sie muss seine Ziehmutter gewesen sein, vielleicht auch John Trauses Geliebte, das weiß nicht einmal Sidney Orr. Die Situation eskaliert, als Trause schwer krank ist und Jacob im Drogenentzug. Trause bittet Orr, sich um seinen Sohn zu kümmern, und erzählt ihm dabei von dessen Hass auf Grace. Doch Orr kann nicht verhindern, dass Jacob bei ihm auftaucht und 5000 Dollar fordert, die Jacob zwei Dealern schulde, die ihn mit dem Tod bedrohten. Als Orr nicht auf Jacobs Forderung eingeht, stürzt sich dieser auch auf Grace, stößt sie zu Boden, tritt sie in den Bauch und tötet damit ihr ungeborenes Kind. Jacob entkommt und wird tot in der Bronx gefunden.

Man könnte diese dramatischen Schluss-Szenen des Romans für "übertrieben" halten, doch haben sie einen erschreckend wirklichen Kern. 1998 wurde Daniel, Austers damals zwanzigjähriger Sohn aus erster Ehe, von einem New Yorker Gericht für schuldig befunden, aus den Taschen eines toten Drogen-Dealers 3000 Dollar gestohlen zu haben. Austers Sohn erhielt fünf Jahre auf Bewährung. Was aber bedeutet es, dass Auster einem Schriftsteller namens Trause (ein Anagramm von Auster) einen bösartigen, mörderischen Sohn zuschreibt, dessen Schicksal dem des eigenen Sohns in Teilen entspricht? Seltsamerweise hat auch Siri Hustvedt, Austers zweite Frau, in ihrem letzten Roman ein Paar beschrieben, dessen männlicher Teil einen Stiefsohn hat, der in einen Mord an einem Szenegänger verwickelt war.