Berliner Strassenbahn, in den Zwanzigern: Der vergessene, eben von Michael Maar wiederentdeckte Schriftsteller Heinz v. Lichberg (möglicherweise), auf dem Weg zu Nabokov, um ihm seine „Lolita“ zu überreichen. Aus Dieter E. Zimmers Bildband „Nabokovs Berlin“, Nicolai’sche Verlagsbuchhandlung 2001, 24,80 ¤

Foto: Bundesarchiv Koblenz (Nr. 183/No 325/502)

Er hat schon Recht, wenn er jede Schuld von sich weist. Er war es nicht. Michael Maar hat den Vorwurf, Vladimir Nabokovs Roman Lolita (1955) sei ein Plagiat, nicht nur nicht erhoben, sondern ausdrücklich zurückgewiesen, als er erst in der Frankfurter Allgemeinen und dann im Times Literary Supplement seine Entdeckung vorstellte: nämlich dass es eine zehnseitige deutsche „Groteske“ namens Lolita gibt, eine hoffmanneske Schauergeschichte, gedruckt 1916 in einem Band mit dem Titel Die verfluchte Gioconda, geschrieben von einem vergessenen Autor mit dem Namen Heinz v. Lichberg, der später vor allem durch seine Reportagen von der Weltreise des Zeppelins auch nicht groß auffiel. Der Plagiatsvorwurf wurde erst im anschließenden internationalen Mediengetöse laut. Er kam aus dem Tal der Ahnungslosen, jener Senke, wo man beide Lolitas nicht kennt, nicht weiß, was Literatur ist und wie sie entsteht, und auch keinen Schimmer hat, was eigentlich unter einem Plagiat zu verstehen ist.

Maars Schuld also war es nicht, wenn sich die Sache am Ende ausnahm, als hätte Nabokov in seinen Berliner Jahren, 1922 bis 1937, mit einem Nazi zusammengelebt, dem er gemeinerweise das Lolita-Thema stahl, um sich damit aus dem Staub zu machen, während der Bestohlene in verbittertes Schweigen verfiel. Maar hatte nur Übereinstimmungen konstatiert (beziehungsweise konstruiert), war lediglich detektivisch den höheren Verlockungen der „Intertextualität“ nachgegangen.

Die eine Lolita ist ein Kind, die andere eine junge Frau

Dennoch, mitverantwortlich für die „Affäre Lolita“ ist er sehr wohl. Da er kein Novize ist und vorhersehen konnte, was passieren würde, hätte er Sorge tragen können, seinen hübschen Fund, der durchaus eine Fußnote in einer Monografie über Nabokovs Roman verdient, so zu präsentieren, dass nur die vernageltsten Schwachköpfe ihn in die falsche Kehle bekommen würden. Vor allem hätte er nicht nur die „Parallelen“ zwischen beiden Lolitas so mühsam herausarbeiten müssen, wie er es tat, sondern mindestens ebenso deutlich und mit viel weniger Mühe die viel gravierenden Unterschiede selbst im Grundgerüst der Handlung, den astronomischen Abstand zwischen beiden Werken. Aber dann wäre die Sensation in sich zusammengefallen.

Nabokovs Lolita Haze… man kennt sie. Lichbergs Lolita Ancosta ist kein elfjähriges Kind, sondern ein sexualreifes Mädel schätzungsweise zwischen 15 und 18, ein Zimmermädchen in der Hafenherberge ihres Vaters in Alicante. Der Altersunterschied zwischen ihr und dem Erzähler scheint für niemanden ein Problem darzustellen. Es gibt keine Mutter, die geheiratet werden müsste, um an die Tochter heranzukommen. Es gibt einen Vater, der nichts dagegen zu haben scheint, dass seine Tochter eine Affäre mit seinem Gast hat. Der Erzähler lässt sich ihre Liebe gern einige Wochen lang gefallen, dann wird es ihm mulmig zumute, und er sucht das Weite. Am Ende stirbt sie, aber nicht, weil der Erzähler ihr ein Unrecht angetan, sie um ihre Jugend geprellt hätte, wie es Nabokovs Lolita widerfährt. Eher ist es umgekehrt. Auch wenn sie einmal beißt, ist sie kein Dämon, weder an sich noch in den Augen ihres Liebhabers. Vielmehr ist sie das Opfer eines Ahnenfluchs, der auf der weiblichen Linie der Ancostas liegt, erst ihre Mutter Lola dahingerafft hatte und am Ende sie selbst unvermittelt niederstreckt. Der Erzähler läuft davon, weil er diesen Spukzusammenhang ahnt. Gemäß der Märchenlogik, die für eine derartige Geschichte eigentlich gelten müsste, hätte er sie vielleicht retten können, wäre er bei ihr geblieben. Und so weiter.

Für die hergeholten „Ähnlichkeiten“ zwischen den beiden Lolita-Geschichten, die ohne die Namensgleichheit keine wären, gibt es Michael Maar zufolge drei mögliche Erklärungen. 1. Reiner Zufall. 2. Absichtsvolles Plagiat. 3. Eine Art unterirdischer Fernwirkung. Zufall und Plagiat verwirft er, um sich für Theorie Nummer 3 zu entscheiden: Nabokov müsse v. Lichbergs Story gekannt, diese müsse irgendwie ihren Weg in seinen Roman gefunden haben. Schließlich hätten ja beide Autoren in den zwanziger und dreißiger Jahren in Berlin gelebt („zusammen gelebt“, wie die Süddeutsche unschuldig dichtete).

Mir ist schleierhaft, wie man aus dem Umstand, dass zwei Personen in derselben Viermillionenstadt wohnen, auf eine persönliche Bekanntschaft oder eine gegenseitige Lektüre schließen kann. Wie Nabokovs Biograf Brian Boyd berichtet, hat Nabokov selbst sich erinnert, in Berlin Kafka gesehen zu haben, wenn er mit der Straßenbahn zu seiner Verlobten in Lichterfelde fuhr: „Man konnte dieses Gesicht nicht vergessen, seine Blässe, die straffe Haut, die höchst ungewöhnlichen Augen, hypnotische Augen, die in ihren Höhlen glühten. Jahre später, als ich zum ersten Mal eine Photographie von Kafka sah, erkannte ich ihn sofort…“ Kafka traf indessen erst in Berlin ein, als Nabokovs Verlobung mit Fräulein Siewert schon gelöst war, und da er in der Grunewaldstraße wohnte, die nicht auf dem Weg von Nabokovs Pensionen nach Lichterfelde lag, wäre es sowieso die falsche Straßenbahn gewesen. Die ganze Erinnerung war eine spätere Erfindung, wie Véra Nabokov bekannte, wohl eine bewusste.

Ich halte gar nichts von der auch bei Maar wiederkehrenden Insinuation, Nabokov habe seine Leser in die Irre geführt, wenn er beteuerte, sein Deutsch sei immer zu dürftig gewesen, um deutsche Literatur ohne Wörterbuch zu lesen. Wie sein Biograf Andrew Field vorgemacht hat, dient sie hier nur einem Zweck: Sie erteilt dem Interpreten eine Blankovollmacht, sich ungehindert den Wonnen der wilden exegetischen Unterstellungen hinzugeben und „Einflüsse“, Einflüsterungen zu entdecken, wo keine waren. Nabokovs Deutsch war tatsächlich nicht gut; er lebte zwar 15 Jahre lang in Berlin, aber als russischer Schriftsteller abgekapselt in der dortigen russischen Emigrantenkolonie. Das Berlin der Berliner und das der Exilrussen ignorierten sich gegenseitig. Um mitzubekommen, worum es in Lichbergs dankenswert kurzer Geschichte geht, hätte Nabokovs Deutsch zwar allemal gereicht. Deutsche Literatur und Deutschland überhaupt interessierten ihn jedoch einfach nicht. Und Lichbergs läppische Geschichte hätte er freiwillig wohl selbst dann nicht gelesen, wenn sein Deutsch besser gewesen wäre.

Zu beweisen, dass jemand etwas nicht gekannt hat, ist unmöglich

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass er Lichbergs Lolita gekannt hat. Maars Theorie läuft darauf hinaus, dass er sie sehr wohl gekannt, aber dann vergessen hat, dass sie jedoch in seinem Unbewussten rumorte und ihm 30 Jahre später während der Niederschrift von Lolita die eine oder andere Übereinstimmung einblies. Vor allem müsste sie ihn veranlasst haben, seine Heldin Juanita, wie sie ursprünglich heißen sollte, in Lolita umzutaufen. Der Vorgang hätte sogar einen Namen, einen klinischen, der ihn wie eine bare Tatsache und nicht wie eine bloße Spekulation erscheinen lässt: Kryptomnesie, sozusagen ein Diktat des Unbewussten. Das Unbewusste ist natürlich ein höchst flexibles Medium. Man kann es mit beliebigen Inhalten füllen, und niemand kann es einem widerlegen. Es ist schwer genug, den Nachweis zu führen, dass jemand ein bestimmtes Buch gekannt hat – nachzuweisen, dass er etwas nicht gekannt hat, ist gänzlich unmöglich. Insofern sind Behauptungen über unbewusst weiterwirkende Erinnerungen vor Anfechtungen sicher. Genau darum aber bestehen Nichttiefenpsychologen darauf, dass die behaupteten Inhalte des Unbewussten von irgendwelchen positiven Tatsachen untermauert sein müssten. Maar kann mit keinerlei „positiver Evidenz“ für seine Theorie Nummer 3 aufwarten.

Mich wundert, dass bisher niemand auf eine nahe liegende Theorie Nummer 4 verfallen ist, die den anderen immerhin voraus hätte, mit Nabokovs Denk- und Arbeitsweise in schönstem Einklang zu stehen, vor allem mit seinen Gedanken zur Mimikry.

Theorie Nummer 4 müsste so gehen (und prophylaktisch betone ich, dass ich sie hier nur zum Spaß vortrage): Nabokov hat Lichbergs Lolita gelesen – und auf der Stelle beschlossen, einmal eine eigene Lolita zu schreiben. Zu diesem Zweck prägte er sich die Story in allen Einzelheiten ein. Als er seinen Plan 30 Jahre später ausführte, nachdem er in verschiedenen früheren Werken mehrmals darauf vorausgedeutet hatte, wurde seine Geschichte zwar eine ganz andere. Trotzdem hielt er es nur für fair, des Anstoßgebers zu gedenken. Er würde einen Hinweis anbringen, aber keinen offenen, sondern eben einen typisch Nabokovschen. So nannte er Roman und Heldin Lolita, in der Hoffnung, dass eines Tages ein cleverer Leser wie Michael Maar daherkommen und den Zufall, ich meine die Parallele bemerken würde, zusammen mit einigen unspezifischen Details, die er sich ebenfalls gemerkt und beim Schreiben berücksichtigt hatte. Denn für Nabokov bedeutete die Entdeckung überlappender Muster, gezeichnet von einer höheren schöpferischen Kraft, eine tiefe Genugtuung, und er war immer darauf bedacht, seinen guten Lesern bei jeder sich bietenden Gelegenheit diese Art „ästhetischer Wollust“ zu verschaffen.

Bliebe natürlich die Frage, wie er Kenntnis von Lichbergs Story erlangt haben könnte. Wie wohl? Angesichts eines dunklen Verdachts ist es immer ratsam, sich möglichst konkret vorzustellen, wie eine Sache vonstatten gegangen sein müsste. Meist bringt es einen rasch zurück auf den Teppich. Eines Tages, warum nicht, mag Nabokov in der Straßenbahn einen Mann gesehen haben, der genau die hypnotischen Augen hatte, die bedeutende Schriftsteller haben. Er stellte sich ihm vor, fragte, ob er wirklich Dichter sei, und wurde im Gegenzug mit einem alten Buch beschenkt. Es hieß Die verfluchte Gioconda, und pflichtschuldig versuchte er es zu lesen. Die Lektüre fiel ihm nicht leicht. Im irrigen Glauben, dass die Geschichten nur darum so obskur wirkten, weil sein Deutsch nicht gut genug war, musste er immer wieder zum Wörterbuch greifen, bis er bis zu Lolitas Tod gelangte. Die verdrießlichen Texte vergaß er dann bald. Aber die große Mühe und Enttäuschung beeindruckten sein Unterbewusstsein. Es bewahrte alles getreulich auf, spie es eines Tages wieder aus und zwang ihn, es unbemerkt in ein eigenes Werk aufzunehmen. Hokuspokus, Kryptomnesie.

Dann war es vielleicht eher so? Eines Tages lag er mit einer Grippe zu Bett, und jemand brachte ihm aus der deutsch-russischen Leihbücherei in der Passauer Straße, die er gern frequentierte, einen Stapel schlecht sortierter Bücher. Schläfrig und angewidert blätterte er in ihnen. Aha, eines schien von einem Autor zu sein, der auch in Berlin wohnte. Sehr interessant. Und als er an eine Geschichte mit dem Titel Lolita geriet, war er sofort hellwach. Älterer Mann hat Techtelmechtel mit junger Frau, welch faszinierendes Thema! Liebhaber lernt Geliebte im Haus eines Elternteils kennen, welch eine Idee! Geschichte wird von ihm selbst berichtet, welch ungewöhnliche Erzählperspektive! Lolita, welch ein Name! Das mache ich auch einmal, und zwar besser!! Weiter wie oben.

Überzeugt? Es ist immer schwierig, den Punkt dingfest zu machen, an dem noble intertextuelle Forschung in blühende Fantasy und diese in bloßen Beziehungswahn ausartet.