Zu beweisen, dass jemand etwas nicht gekannt hat, ist unmöglich

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass er Lichbergs Lolita gekannt hat. Maars Theorie läuft darauf hinaus, dass er sie sehr wohl gekannt, aber dann vergessen hat, dass sie jedoch in seinem Unbewussten rumorte und ihm 30 Jahre später während der Niederschrift von Lolita die eine oder andere Übereinstimmung einblies. Vor allem müsste sie ihn veranlasst haben, seine Heldin Juanita, wie sie ursprünglich heißen sollte, in Lolita umzutaufen. Der Vorgang hätte sogar einen Namen, einen klinischen, der ihn wie eine bare Tatsache und nicht wie eine bloße Spekulation erscheinen lässt: Kryptomnesie, sozusagen ein Diktat des Unbewussten. Das Unbewusste ist natürlich ein höchst flexibles Medium. Man kann es mit beliebigen Inhalten füllen, und niemand kann es einem widerlegen. Es ist schwer genug, den Nachweis zu führen, dass jemand ein bestimmtes Buch gekannt hat – nachzuweisen, dass er etwas nicht gekannt hat, ist gänzlich unmöglich. Insofern sind Behauptungen über unbewusst weiterwirkende Erinnerungen vor Anfechtungen sicher. Genau darum aber bestehen Nichttiefenpsychologen darauf, dass die behaupteten Inhalte des Unbewussten von irgendwelchen positiven Tatsachen untermauert sein müssten. Maar kann mit keinerlei „positiver Evidenz“ für seine Theorie Nummer 3 aufwarten.

Mich wundert, dass bisher niemand auf eine nahe liegende Theorie Nummer 4 verfallen ist, die den anderen immerhin voraus hätte, mit Nabokovs Denk- und Arbeitsweise in schönstem Einklang zu stehen, vor allem mit seinen Gedanken zur Mimikry.

Theorie Nummer 4 müsste so gehen (und prophylaktisch betone ich, dass ich sie hier nur zum Spaß vortrage): Nabokov hat Lichbergs Lolita gelesen – und auf der Stelle beschlossen, einmal eine eigene Lolita zu schreiben. Zu diesem Zweck prägte er sich die Story in allen Einzelheiten ein. Als er seinen Plan 30 Jahre später ausführte, nachdem er in verschiedenen früheren Werken mehrmals darauf vorausgedeutet hatte, wurde seine Geschichte zwar eine ganz andere. Trotzdem hielt er es nur für fair, des Anstoßgebers zu gedenken. Er würde einen Hinweis anbringen, aber keinen offenen, sondern eben einen typisch Nabokovschen. So nannte er Roman und Heldin Lolita, in der Hoffnung, dass eines Tages ein cleverer Leser wie Michael Maar daherkommen und den Zufall, ich meine die Parallele bemerken würde, zusammen mit einigen unspezifischen Details, die er sich ebenfalls gemerkt und beim Schreiben berücksichtigt hatte. Denn für Nabokov bedeutete die Entdeckung überlappender Muster, gezeichnet von einer höheren schöpferischen Kraft, eine tiefe Genugtuung, und er war immer darauf bedacht, seinen guten Lesern bei jeder sich bietenden Gelegenheit diese Art „ästhetischer Wollust“ zu verschaffen.

Bliebe natürlich die Frage, wie er Kenntnis von Lichbergs Story erlangt haben könnte. Wie wohl? Angesichts eines dunklen Verdachts ist es immer ratsam, sich möglichst konkret vorzustellen, wie eine Sache vonstatten gegangen sein müsste. Meist bringt es einen rasch zurück auf den Teppich. Eines Tages, warum nicht, mag Nabokov in der Straßenbahn einen Mann gesehen haben, der genau die hypnotischen Augen hatte, die bedeutende Schriftsteller haben. Er stellte sich ihm vor, fragte, ob er wirklich Dichter sei, und wurde im Gegenzug mit einem alten Buch beschenkt. Es hieß Die verfluchte Gioconda, und pflichtschuldig versuchte er es zu lesen. Die Lektüre fiel ihm nicht leicht. Im irrigen Glauben, dass die Geschichten nur darum so obskur wirkten, weil sein Deutsch nicht gut genug war, musste er immer wieder zum Wörterbuch greifen, bis er bis zu Lolitas Tod gelangte. Die verdrießlichen Texte vergaß er dann bald. Aber die große Mühe und Enttäuschung beeindruckten sein Unterbewusstsein. Es bewahrte alles getreulich auf, spie es eines Tages wieder aus und zwang ihn, es unbemerkt in ein eigenes Werk aufzunehmen. Hokuspokus, Kryptomnesie.

Dann war es vielleicht eher so? Eines Tages lag er mit einer Grippe zu Bett, und jemand brachte ihm aus der deutsch-russischen Leihbücherei in der Passauer Straße, die er gern frequentierte, einen Stapel schlecht sortierter Bücher. Schläfrig und angewidert blätterte er in ihnen. Aha, eines schien von einem Autor zu sein, der auch in Berlin wohnte. Sehr interessant. Und als er an eine Geschichte mit dem Titel Lolita geriet, war er sofort hellwach. Älterer Mann hat Techtelmechtel mit junger Frau, welch faszinierendes Thema! Liebhaber lernt Geliebte im Haus eines Elternteils kennen, welch eine Idee! Geschichte wird von ihm selbst berichtet, welch ungewöhnliche Erzählperspektive! Lolita, welch ein Name! Das mache ich auch einmal, und zwar besser!! Weiter wie oben.

Überzeugt? Es ist immer schwierig, den Punkt dingfest zu machen, an dem noble intertextuelle Forschung in blühende Fantasy und diese in bloßen Beziehungswahn ausartet.