Kann der Sportfan nicht einschlafen, weil er über einem Detail der Fußballhistorie grübelt, hilft das Internet. Unter www.sportsfreund.de findet er alles, um zur Ruhe zu kommen. Die Datenbank Ewige Liga weiß, dass in den Jahren 1964 und 1978 der 1. FC Köln Meister wurde. Und der Loser-Club Bayer Leverkusen ist zwischen 1964 bis 2003 im Durchschnitt auf Platz 7,3 gelandet.

Plagt hingegen den Krebspatienten eine ernster zu nehmende Unruhe, bleibt er ratlos. "Wo finde ich für meine schwer krebskranke Mutter eine Übersicht über alle laufenden Krebsstudien?", fragte kürzlich die Bundestagsabgeordnete Ursula Heinen den Freiburger Gerd Antes, Spezialist für die Verwertung klinischer Studien. "Nirgendwo", antwortete er. Heinen war fassungslos: "Ich war davon ausgegangen, dass irgendwo alle Studien registriert werden." Irrtum! Da mögen Statistiken zum Balltreten sorgfältigst gebunkert und veröffentlicht, jeder Olympiafinalist zu ermitteln sein – wenn es um Versuche am Menschen geht, ist es mit der Akribie und Transparenz vorbei.

Ab 1. Mai müssen zwar Pharmahersteller ihre Arzneimittelstudien in der europäischen Datenbank European Clinical Trials Database ( Eudract) anmelden, aber nur "befugte Bundesoberbehörden", wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und das Bundesamt für Impfstoffe und Sera, dürfen einen Blick in dieses Fort Knox medizinischer Daten werfen. Die Geheimniskrämerei hält nicht nur hilfesuchende Patienten ab, auch Forschern bleibt essenzielles Wissen verwehrt.

"Öffentlich zugängliche Studienregister sind eine wissenschaftliche, ökonomische und ethische Pflicht", mahnt Gerd Antes vom Cochrane Zentrum in Freiburg. Die Cochrane Collaboration fasst aus der zugänglichen Literatur Studien zusammen und destilliert daraus statistisch gut abgesicherte Erkenntnisse. Auf diese Evidence Based Medicine (EBM) vertraut dann nicht nur die harte Schulmedizin, sondern auch die Politik. Mit Hilfe des Lotsen EBM sollen teure, aber unwirksame Therapien umschifft und nützliche Verfahren schneller eingeführt werden können. Aber sogar Antes, Wächter über medizinisches Wissen, hat nur Zugriff auf unvollständige Datensammlungen.

Denn alle vorhandenen Literaturdatenbanken sind lückenhaft. Seit 1948 sind weltweit eine Million klinische Studien durchgeführt worden – aber schätzungsweise nur die Hälfte aller Ergebnisse ist in Fachzeitschriften publiziert. Wer also einen medizinischen Leitsatz zu formulieren versucht, kennt höchstens die Hälfte der Beweise – aus Sicht der Patienten eine erschreckende Einschränkung. Sogar der Experte betreibt Wahrheitsfindung ohne Zugriff auf wesentliche Fakten.

"Die ganze evidenzbasierte Medizin ist Schrott", sagt daher Christoph Kranich, Leiter der Patientenberatung in der Verbraucher-Zentrale Hamburg. Die EBM, auf der heute alles fuße, was Mediziner machten und Krankenkassen bezahlten, stehe auf tönernen Füßen, weil man nicht sicher sein könne, dass auch die Studien mit negativen Ergebnissen publiziert werden.

Die Kritik ist berechtigt. Analysen haben ergeben, dass positive Forschungsergebnisse eher zitiert werden als negative. Das hat seinen Grund: Fachzeitschriften veröffentlichen lieber Durchbrüche als Niederlagen, Forscher bekommen Geld, wenn Aussicht auf Erfolg besteht, und die Pharmaindustrie möchte Patzer oft am liebsten unter den Teppich kehren (siehe Seite 40). "Aufgrund der verfälschten Datenlage herrscht chronischer Überoptimismus", sagt Antes. Das sei einer der Gründe, warum häufig ein paar Jahre nach Einführung eines Medikaments Ernüchterung einkehre. Wüsste der Wissenschaftler von den Daten, die im Tresor schlummern, wären etliche Mittel gar nicht erst auf den Markt gekommen.

Mitunter wird diese Verzerrung lebensgefährlich. Gern zitiert wird das Beispiel eines Arzneimittels gegen Herzrhythmusstörungen nach einem Herzinfarkt. Schon 1980 fanden britische Kardiologen vage Indizien, dass dieses Medikament zwar den Herzrhythmus stabilisiert, aber die Behandelten trotzdem verfrüht sterben. Das Medikament wurde nicht weiterentwickelt, die Studie nicht veröffentlicht. Acht Jahre später bemerkten Kollegen in einer größeren Untersuchung, dass ähnliche Substanzen tödlich wirken können. Inzwischen waren mutmaßlich Tausende Patienten falsch behandelt worden.