Meistens hat man seine Bekanntschaft in der Schule gemacht. "Im Nebel ruhet noch die Welt", erstes Gymnasial-Lesebuch, das waren ein paar leuchtende Reime, die schon eine Zehnjährige vage als eine Art poetischen Zauberspruch begriff und gerne auswendig hersagte. Eher schaurig dann die Erfahrung mit "Du bist Orplid, mein Land" im Musikunterricht, Hugo-Wolf-Vertonung, die einem misstönenden Mädchenchor aufgenötigt wurde: "Uralte Wasser steigen / verjüngt um deine Hüften, Kind!" – wie fanden wir das blöd und mussten es dennoch vielstimmig krähen. Die schwäbische Jugend von heute darf sich anlässlich des 200. Geburtstags Mörikes zeitgeistiger an ihrem großen Dichter abarbeiten: Das Mörike-Gymnasium Esslingen veranstaltet einen Mörike-Workshop mit HipHop, Video, Graffiti, "rappen, rocken, sprayen", die gleichnamige Stuttgarter Schule bietet eine "Kochperformance" nach Mörike-Rezepten, und Sindelfinger Pennäler werden sich als "wandelnde Gedichte" im Stadtraum tummeln.

Ein blaues Band heißt der umfängliche Event-Katalog der Kulturregion Stuttgart zum Mörike-Jubiläumsjahr 2004, und es ist schier zum Verzagen, welch flächendeckendes Spektakel sich im Württembergischen um diesen notorisch leutscheuen Poeten entfalten soll. Hochkarätiges wie die Marbacher Jahresausstellung zu Mörike mit ihren prominent besetzten Begleitprogrammen steht da unbefangen neben Frauencafé- und Liedermacher-Darbietungen von eher lokalem Charme; Wanderbühnen, Lesereisen und mobile Kunstausstellungen wälzen sich über Land, "Promis lesen Mörike" im Radio, und Kornwestheim oder Leinfelden-Echterdingen will auch dabei sein, selbst wenn Mörike in diesen Gemeinwesen niemals aufgetaucht ist. Wahrscheinlich würde er sich vor dem ganzen Rummel "wie ein Eichhorn im Walde verbergen", so spottete Freund Justinus Kerner einmal über des Kollegen mangelnde Kontaktfreude. Für die Tourismusbranche ist Eduard Mörike, dieser "neurotische Flüchter auf engstem Raum", freilich ein Leckerbissen. Das "irrwitzige Mäandern" (Peter Härtling) seines Lebenswegs hat so viele Pfarrhäuser, Dörfer und Fachwerkstädte, Kurbäder und Klöster, Landschaften von Hohenlohe bis zur "Blauen Mauer" der Alb berührt, dass sich Württembergs Kernlande auf seinen Spuren annähernd abdecken lassen.

Man kann sich aber natürlich auch wegducken unter dem ganzen Kulturaktivismus- und Marketinggespinst. Um zum Beispiel an einem sehr frühen Morgen allein überm Holzgeländer am Blautopf in Blaubeuren zu lehnen, diesem neonblauen Trichter in die Unterwelt, dessen Farbe inmitten des schwäbischen Idylls aus Fachwerkmühle, Waldessaum und gotischem Kirchturm derart anderweltlich-irreal wirkt, als sei sie ein komplett künstliches Gebräu. Artifiziell, "gemacht", wie auch Mörikes scheinbar so volksmärchenhafte Schöne Lau, samt der Rahmenhandlung des Stuttgarter Hutzelmännleins, das zu einem schwäbischen Mythos wurde, populär wie keines seiner Werke sonst. Die Seltsamkeit des Blautopfs, der sich unterirdisch in endlose unerforschte Höhlensysteme verzweigt, will einem als recht angemessener Symboltopos für die Unauslotbarkeit und Vielschichtigkeit des alles andere als biedermeierlich-traulichen Dichters Mörike erscheinen. Zumal sich da tief im Albfels eine riesige, nur ein paar Forschern zugängliche, zauberische Tropfsteinhalle namens Mörikedom verbirgt, mit subtropischen Stalagtiten-Formationen, "Medusenhäuptern", die wahrlich nicht nur der Palast der Nixe Lau mit ihren Schwimmhäuten, "blühweiß und zärter als ein Blatt vom Mohn", sein könnte, sondern auch ein Inbegriffsort aller Mörikeschen Phantasmen, Abgründe, Geheimnisse.

Lumpenlieder, Gelage und schöne Augen fürs Schankfräulein

Über die kahlen, nüchternen Hochflächen der Alb brausen dann Wind und Lkw-Verkehr. In Urach taucht man wieder hinab in den grünen Pelz der Laubwälder. Das Fachwerkstädtchen, heute Thermalbad und etwas ausgeufert, hat einen blitzblanken historischen Ortskern und kilometerweise reizvolle Albwanderwege zwischen Fels und Wald aufzuweisen, so zum berühmten, von Mörike verewigten Wasserfall und der ragenden Ruine Hohenurach. Vierzehnjährig kam Mörike nach Urach, aufs Niedere theologische Seminar im Mönchshof an der Amanduskirche, jetzt noch ein friedsames, baumbestandenes Karree, ein evangelisches Einkehrhaus. Im pietistischen schwäbischen Bürgertum war es damals verbreitet, die Söhne ohne Ansehen ihrer Eignung in die Pfarrerslaufbahn zu stecken.

Für den vaterlosen, "sehr gutartigen" Stipendiaten Eduard ließ es sich in Urach eigentlich recht günstig an, trotz beinharter Hausordnung und strenger Studienpläne, die dem unterdurchschnittlichen Schüler zu schaffen machten. Aber es waren doch, wie anschließend im Tübinger Stift, glücksversprechende, frei atmende, freundschaftsselige Aufbruchsjahre. Alle seine lebenslangen Männerfreundschaften knüpfte er als jugendlicher "Stiftskopf", er war beliebt und bewundert für seine mimischen und poetischen Talentübungen. Die Uracher und Tübinger Jungspunde, die später würdige Pastoren werden sollten, kann man als einen recht ausgeflippten Haufen sehen, wie sie da durch die Wälder tobten, sich versteckte Hütten aus Moos und Astgabeln in der Wildnis bauten, wie sie sich in Tübingen ballonbemützt und in weit offenen Hemden, die "bepelzte Brust" darbietend, in der Beckbeckei oder im Presselschen Gartenhaus zu nächtelangen Gelagen und Palavern trafen, samt "übermütigem Ausspucken, Lumpenliedern, Travestien, einem Furz nach dem anderen…" Wie sie immer wieder im Karzer landeten und den Schankfräulein Rikele und Minele schöne Augen machten – Mörike war im Tübinger Stift einer der meistbestraften Studenten seines Jahrgangs. Aber auch wundersame Gedichte, "O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe…" und die visionäre Orplid- Gegenwelt sind der Tübinger Jugendzeit zu verdanken.

Wenn man von Urach ins hoch gelegene Dorf Ochsenwang am Albtrauf hinaufkurvt, muss man sich dort schon einen ganz anderen, wesentlich gedrückteren, zerrisseneren Mörike vergegenwärtigen. 28 Jahre ist er jetzt alt und hat bereits sechs Jahre "Vikariatsknechtschaft" hinter sich, das harte Brot des Hilfspfarrers auf Dörfern, deren Namen vollendet schwäbisch-hinterwäldlerisch tönen: Oberboihingen, Möhringen, Köngen, Pflummern, Plattenhardt, Owen und Eltingen… – heute meist fade Speckgürtelgemeinden im zersiedelten Stuttgarter Einzugsbereich, flughafennah, auf den Fildern, aufgewertet mit Erlebnisbädern namens Fildorado und Kongresszentren, genannt Filharmonie.