Was mögen die Jünglinge sich wohl zugeflüstert haben, als die junge Frau mit der Halskette an ihnen vorbei zum Herdfeuer in der Höhle stapfte? Applaudierten sie dem ästhetisch treffsicheren Zusammenspiel von Halsschmuck und ockerfarbener Hautbemalung der Höhlenmaid? Womöglich hatte sich gar ein junger Mann das Schmuckstück ums Handgelenk gewunden. Und wenn, galt er deswegen als eitler Fatzke? War die Preziose Ausweis großen Jagdgeschicks?

Irgendwann jedoch scheinen Halsketten bei afrikanischen Steinzeitlern aus der Mode geraten zu sein. Der Schmuck blieb unbeachtet liegen – bis, viele zehntausend Jahre später, Chris Henshilwoods Grabungsteam in der südafrikanischen Höhle nach frühmenschlichen Hinterlassenschaften suchte. Vergangenen Freitag legte der Forscher in Science die Ergebnisse vor: Schneckengehäuse. 41 davon hatte der Paläoanthropologe mit seinem Grabungsteam aus den Bodenschichten der Blombos-Höhle an der südafrikanischen Pazifikküste geborgen – alle erbsengroß, alle an der gleichen Stelle durchbohrt, im Inneren der Schalen fanden sich Spuren von Ockerfarbe – die Überreste einer Schmuckkette, zuletzt getragen vor 75000 Jahren. Die Funde sind damit fast doppelt so alt wie alle Kulturrelikte, die bislang in Europa oder Asien entdeckt wurden. Für Henshilwood liefert das Steinzeit-Collier ein weiteres schlagendes Indiz für seine Lieblingsthese, mit der er derzeit bei Fachkonferenzen für Dispute sorgt: Des Menschen Geist ist afrikanisch. Und dieser Geist ist ziemlich alt, weit älter als bisher gedacht.

Glaubt man Henshilwoods Interpretation, so hat der moderne Mensch nicht nur anatomisch in Afrika Gestalt angenommen, auch sein Denkvermögen in heutiger Form hat sich dort im Verlauf des letzten Jahrhunderttausends entwickelt. Denn Schmuck erfordert Kreativität, abstraktes Denken in Symbolen und die Verständigung darüber – eine komplexe Sprache heutigen Zuschnitts. Bereits vor zwei Jahren hatte der Forscher, inzwischen von der Universität in Kapstadt als Professor an die Universität von Bergen übergesiedelt, mit einem spektakulären Fund in der Blombos-Höhle für Aufsehen gesorgt: Sein Team hatte dort mit abstrakten Ritzzeichnungen versehene Ockersteine ans Tageslicht gefördert (ZEIT Nr. 4/02). Die Altersbestimmung ergab: Der Steinzeitgraveur war vor rund 77000 Jahren am Werk gewesen – ein erster Hinweis für die Kulturfähigkeit der frühen Afrikaner.

Schon vor mindestens 80000 Jahren – zu einer Zeit, als die Neandertaler noch unangefochten über Europa und große Teile Asiens herrschten – hätten moderne Menschen in Afrika demnach über heutige Geistesmacht geboten. "Die Wiege der Zivilisation stand hier", beteuert der gebürtige Südafrikaner Henshilwood nicht ohne Patriotismus. "Und die Afrikaner dürfen stolz darauf sein."

Leider halten die meisten Fachkollegen das für eine recht gewagte These. Angeführt von dem Stanford-Professor Richard Klein, verfechten sie ein anderes Szenario vom Zivilisationsursprung: den kulturellen Big Bang. Urplötzlich, womöglich ausgelöst durch eine genetische Veränderung, welche das Hirn des Steinzeitmenschen entscheidend umkrempelte, sei der Sprung in die Zivilisation gelungen. Und sofort danach, vor rund 50000 Jahren, gleichsam angetrieben von einer kulturellen Revolution, seien die zivilisierten Vorfahren dann zum globalen Eroberungsfeldzug angetreten – zunächst in Richtung Asien und Europa. Erst so, insistieren die Big-Bang-Theoretiker, seien jene hoch entwickelten Kunstwerke, Werkzeuge und Malereien zu erklären, die vor 40000 Jahren von den ersten Menschen in Europa geschaffen wurden.

So wird nun munter gestritten über das Wann und Wo des "Tages, an dem wir denken lernten" (BBC). Und während die Zunft bei der Feldarbeit Pinzette und Feinpinsel bevorzugt, greift man hinter den Kulissen gern zu grobem Räumgerät, wenn es darum geht, sich gegen die Kollegen zu behaupten. Vom Urknall des Denkens lässt sich Richard Klein auch durch die neuesten Funde in der Blombos-Höhle nicht im mindesten abbringen und fährt Henshilwood nach Kräften in die Parade: Keineswegs sei gesichert, stichelt der US-Gelehrte, dass die Löcher – sie sitzen in den schwächsten Stellen der Gehäuse – wirklich Menschenwerk seien.

Henshilwood hält beherzt dagegen. "Den werde ich nie überzeugen", röhrt der Wissenschaftler in seinem Grabungscamp bei der Höhle ins Handy. "Ich habe nichts anderes von ihm erwartet." Doch, die Löcher in den Schneckengehäusen stammten absolut sicher von Menschenhand, daran sei kein vernünftiger Zweifel möglich. Und die Ockerspuren auf den Funden, die könnten ja wohl nur Reste von Bemalung sein. Entweder, meint der Forscher, seien die Gehäuse selbst einst bemalt gewesen, oder aber die bemalte Haut der Trägerin habe abgefärbt.

Ob die Geschmückte allerdings damals bei den Jungs in der Blombos-Höhle reüssierte, wird auch Henshilwood nie erfahren. Ulrich Bahnsen