Keine Partei der Welt leidet so hingebungsvoll wie die SPD. Darum kann man ihr nicht wirklich böse sein. Selbst wenn sie sich zum Zwecke der Selbstheilung tief, tief in die eigene Vergangenheit zurückzieht, wenn sie die Vorhänge runterlässt und von niemandem mehr gestört werden möchte. Die Rede ist vom neuen Grundsatzprogramm. Das soll nämlich seit neuestem gar nicht mehr neu sein, sondern alt. Grundlage für die Debatte sollen nicht länger die Entwürfe sein, die in den letzten sechs Jahren unter den Programmatikern Scharping und Scholz verfasst wurden. Nein, nun geht man, so wollte es der neue Vorsitzende, vom Berliner Programm aus dem Jahre 1989 aus, das dann aktualisiert wird.

Berliner Programm, was war das noch gleich? Das war Lafontainismus pur, jener Fortschritt, der schon damals von gestern war, ein Werk, das - sechs Wochen nach dem Fall der Mauer beschlossen - von den Ereignissen bereits überholt war. Dieses Berliner Programm weiß nichts von der Osterweiterung der EU, nichts vom internationalen Terrorismus, wenig von der Globalisierung, viel zu wenig von der Demografie, nichts von der Krise der Sozialsysteme - kurzum: Zu allem was heute und in Zukunft von Belang sein könnte, hat dieses Programm keine Antworten zu bieten, meist kennt es nicht einmal die Fragen. Nach der Renaissance des Steigerchors, des Reichsbanners und des Genossen-Du wird bei der SPD die Nostalgie also auch noch programmatisch. So viel gestern war nie.

Da trifft es sich gut, dass die CDU ihren Europa-Wahlkampf mit Helmut Kohl eröffnen wird. Der Geist Oskar Lafontaines gegen das größte lebende Denkmal Helmut Kohl. War das Gestern wirklich so schön, oder ist nur das Morgen so düster?