Für Literaturnarren, für Wissbegierige nach Geschichte und Geschichten ist ein Fest angesagt: Endlich erscheinen als integrale Edition die ins Reich der Legenden und Gerüchte abgesunkenen Tagebücher von Harry Graf Kessler – einer der farbigsten (ja, gewiss, auch schillernden) Figuren des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit den Höhepunkten seiner ruhmreichen Tätigkeit auf mancherlei Gebiet der Kunst und Politik in den zwanziger Jahren bis zum bitteren Ende des Emigranten 1937. Was man aus einer vor Jahren unsorgfältig zusammengestellten Auswahl und dem schönen Marbach-Katalog des Jahres 1988 wusste, war durchaus angetan – über einige biografische Versuche hinaus – nach "Mehr, bitte, mehr!" zu rufen. So verwinkelte wie glückliche Umstände versetzten das Marbacher Literaturarchiv schließlich in den Besitz der vielen (schwer leserlichen) Originalbände, die nun rühmenswerterweise mühselig transkribiert wurden und Band für Band einen Zeitzeugen allerersten Ranges zu Worte kommen lassen.

 Schon die hier nur andeutungsweise zu skizzierende Vita dieses Mannes ist ein veritabler Kulturkrimi. 1868 in Paris als Sohn des wohlhabenden Hamburger Bankiers Adolf Kessler und der faszinierend schönen Mutter Alice geboren, die einem irischen Adelsgeschlecht angehörte, erlebte er eine Jugend zwischen preußischer Strenge, die an Musils Zögling Törless gemahnt, Eliteschulen in Paris, Ascot, Hamburg und dem Glanz jener hoch kultivierten Mondänität des Fin de Siècle, die schwer in heutige Begriffe zu fassen ist.

Reisen ins mondäne Leben der Jahrhundertwende

Die Mutter, eine begabte Sängerin und passionierte Laienschauspielerin, ließ sich im Garten ihres Pariser Stadtpalais ein eigenes Theater erbauen; alle Wohnsitze der Familie in Paris trugen erste Adressen; man reiste bereits nach New York oder London; Luxussuiten in den besten Hotels waren so selbstverständlich wie Kuren in Bad Ems oder Bad Gastein. Das den Sprössling viele Jahre hindurch kränkende Gerücht wollte wissen, Kaiser Wilhelm I. habe mehr als nur eine Schwäche für die schöne Alice Harriett Blosse Lynch gehabt, vulgo: Harry Graf Kessler sei ein unehelicher Sohn des Kaisers. Die Daten geben das nicht her, da man sich, offiziell jedenfalls, erst nach Harrys Geburt kennen lernte.

Ein geborener Graf war Harry Kessler nicht; aber wie ein Prinz wuchs er auf in einer Welt der Equipagen, des Personals, der prunkhaften Besitzungen – und einer früh (mit vier Jahren konnte er fließend lesen) von der Mutter vermittelten Bildung, die ihrem einzigen Kind Musik, Literatur, Malerei als seelische Nahrung bot. Frühe Einsamkeitsgefühle, gar einen frühen Selbstmordversuch schloss das nicht aus. Es schloss ein die hingebungsvolle Liebe zur Mutter – der einzigen Frau, wie er einmal bemerkte, die er geliebt hat bis zum Schmerz. Das mag die Beziehung (genauer gesagt: Nicht-Beziehung) zu Frauen des jungen und erwachsenen Mannes geprägt haben. Aus ironischen, distanzierten, abfälligen Bemerkungen über Frauen ließe sich ein hübsches kleines Kessler-Glossar zusammenfügen. "Cocotte" oder "das Weib" sind noch harmlose Bezeichnungen, irgendeine Gräfin Gneisenau ist bereits ein Exemplar "des Weibchens, das die Kunst als Bordell benutzt"; und er sieht sich oft, sehr oft in der Rolle des Joseph, bei dem "eine alte, abgedankte Cocotte die Rolle von Potiphars Frau spielt". An der Frau seines Freundes, des Kunstkritikers Meier-Graefe, weiß er zu verachten, "dass Frauen, selbst die gescheitesten, immer auch mit dem Geschlechtsteil urteilen".

In der Einleitung der vorliegenden Edition wird die Frage nach Harry Graf Kesslers Homosexualität etwas leichthin, fast indigniert beiseite geschoben; fast so, als sei Homosexualität eine ansteckende Krankheit, jedenfalls ein Makel. Ganz so einfach ist das nicht. Denn wenn er selber auch, stets der diskret-elegante Mann von Welt, nie über ein gelegentliches, aber anonym bleibendes "Ich habe einen Menschen gefunden, für den ich alles gäbe" hinausgeht, so ist doch sein Verhältnis mit dem Radsportler Gaston Colin durchaus belegt, das wohl 1907 begann. Belegt durch die Skulptur Le Cycliste, einer der apartesten männlichen Akte überhaupt, die er – Phase für Phase kontrollierend – bei seinem Freund Maillol bestellte. Zu der Zeit, und Jahre hindurch, war Graf Kessler der wichtigste Mäzen Maillols, und es ist fraglos, dass er dem von ihm fast abhängigen Bildhauer – frei nach dem eigenen Bekenntnis "Man wird in der Ästhetik nie wirklich weiterkommen, bis man nicht das Sexuelle in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt" – diesen herrlichen Bronzejüngling wohl abgetrotzt hat. Das war die Zeit, zu der er mit dem damals 17-jährigen Radrennfahrer und späteren Piloten reiste, mal auf das normannische Schloss der Mutter, mal nach Neapel, Rom oder Dänemark. Der Kessler-Biograf Peter Grupp zitiert Briefe des Sportlers, die in ihrem Überschwang – "Ich könnte nicht mehr ohne Sie leben […] Ich lebe nur für Sie" – füglich Liebesbriefe genannt werden müssen. Noch 20 Jahre später heißt es: "Ich denke vor allem an viele Tage des Glücks." So sonderbar es einem erscheint, dass der erwachsene Harry Graf Kessler, Erbe eines sehr großen Vermögens und in stets aufs erlesenste ausgestatteten Wohnungen oder Häusern lebend (das Haus in Weimar hatte er sich von Van de Velde einrichten lassen), an den Wänden Monet oder Seurat, auf dem Schreibtisch eine in ihrer Figürlichkeit dem Cyclisten sehr ähnliche Minne-Bronze – so erstaunlich es also ist, dass er offensichtlich diese Maillol-Bronze nie besaß: so unverständlich-gschamig will es mich dünken, dieses Moment der Beglückung außer Acht zu lassen.

Was in dem jetzt vorliegenden Band des Tagebuchs 1892–1897 nicht unbedingt zur Debatte stand. Die Herausgeber haben auf wohltuende Weise in den Kameradschaften und Freundschaften des jungen Mannes, ab 1892 Einjährigen-Freiwilliger bei den Garde-Ulanen in Potsdam, nicht fragend herumgestochert "Könnte das…?" oder "Ob das wohl etwas mehr…?". Sie verweigern sich dem Bescheid eines amerikanischen Forschers von der "first great love affair", die Kessler 1893 mit dem Freiherrn von Dungern gehabt habe, und widersprechen auch dem Biografen Grupp mit seiner ähnlich präzisen Einschätzung. Sie geben in ihrer Einleitung ein möglichst auf Fakten und Daten eingeschränktes Bild; was – man lese die Entstehungsgeschichte der Zeitschrift PAN und Kesslers Engagement – nicht mit beschränkt zu verwechseln ist. Diese Edition zeichnet sich aus durch, falls das altmodische Wort erlaubt ist, Vornehmheit: Der Autor hat das Wort. Die Herausgeber wollen, dass wir nicht über, sondern von Harry Graf Kessler lesen. Und wahrlich, da gibt es genug Frappantes. Dieser verwöhnte junge Mann, der später einer der wichtigen Vertreter eines zum Sozialismus tendierenden Pazifismus werden soll, eines Tages Autor einer Rathenau-Biografie und Gastgeber eines der maßgeblichen Salons der Weimarer Republik, in dessen Speisezimmer Albert Einstein neben Josephine Baker saß, notiert bei seiner ersten Überfahrt nach New York – er ist Anfang dreißig –:

"Mit dem Schiffskommissar über die Maschinisten bei den neuen Dampfern; auf der City of New York haben sie wegen der Hitze den Dienst verweigert; auf ihrer ersten Reise sind sechs am Hitzschlag gestorben; während ihrer Schicht werden sie im Maschinenraum eingeschlossen. Auf den Schiffen des Ostasiatischen Linie müssen sie, während sie Kohlen einfüllen mit kaltem Wasser begossen werden; im roten Meer steigt die Temperatur im Maschinenraum bis auf 60 Grad. Auf manchen Schiffen, namentlich Cargoboats, haben die Maschinisten 14 Stunden Dienst täglich."

Egon Erwin Kisch lässt grüßen. Die wundersame Lesereise, auf die uns Harry Graf Kessler mitnimmt, hat so vielfältige Stationen der Wahrnehmung, dass eine Rezension dem gar nicht gerecht werden kann. Mal verwundert er sich über die Kleinheit (oft auch blättrige Schäbigkeit) der New Yorker Häuser, dann wieder über den praktischen Komfort der business buildings. Mal ist der europäische Adlige, kaiserlicher Garde-Offizier, in seinem Kastendenken verletzt angesichts der saloppen Rituale einer Demokratie:

"Dann zum Shakehands beim Praesidenten. Ein Jeder, der will, kann jeden Tag um Eins ins White House kommen und dem Praesidenten die Hand schütteln. Diese Caerimonie findet in einem grossen Saal im Westflügel des Gebäudes statt. Heute war es schlechtes Wetter; ganze Familien mit Kindern, die noch nicht laufen konnten, kamen herein, mit nassen Regenmänteln und triefenden Schirmen die lange Zickzacklinien auf dem hellgelben Smyrnateppich beschrieben, Männer aus dem Westen, mit grossen Schlapphüten, dicke Ladeninhaber mit fleischigen Ring beladenen Händen und nassen Regenschirmen, kleine Mittelstands-Mädchen in den Ecken des grossen Saales kichernd, eine Versammlung, wie man sie sonst in Omnibuswartehallen zu treffen pflegt."

Und mal – das vielleicht sogar zu oft und störend – wird uns eine Art Kalender gesellschaftlicher Ereignisse aufgeblättert:

"New York 1 Februar 1892 Montag.

Besuche. Abends im Eden Musée; der Cocoon.

New York 2 Februar 1892 Dienstag.

Mit G. Tinnis geluncht. Abends im Paderewski Konzert.

New York 3 Februar 1892. Mittwoch.

An der Bar Association gearbeitet. Besuch bei Mrs Goodridge. Abends Aufführung u Tanz im Berkeley Lyceum."

Ich komme hier zu einem Einwand, über dessen Berechtigung ich mir selber nicht schlüssig bin: Es ist die Frage nach der akribischen Vollständigkeit. Gewiss, ein frenetischer Leser ergötzt sich über jeden Tagebucheintrag, und hieße er nur "Abends mit Veltheim u. Salm Skat". Doch wenn derlei Nichtigkeiten Seiten und Seiten füllen: Will man das? Muss man es wissen – ein Ball, ein Diner, ein Kneipenabend, ein Empfang, ein Galopp im Grunewald, eine Jagd? Einerseits, das sei ohne weiteres zugegeben, wäre es ein leichtfertiger Rat an Verlag und Herausgeber, diese schließlich langweilenden Petitessen schlicht wegzulassen; man hörte schon das Geschrei "Zensur". Andererseits kann man auch Charme und Esprit gleichsam totbuchstabieren und Leser – Käufer ohnehin – abschrecken. Ich kann dieses Problem nur andeuten, eine Lösung habe ich nicht anzubieten. Wir erleben ja mit Freude, dass sich so mancher – oft kleine – Verlag der Ex-und-hopp-Dramaturgie des Literaturbetriebs entgegenstemmt; doch dann wieder steht man fragend-ratlos in seiner Bibliothek und überlegt: 11Bände Soma Morgenstern; 9 Bände Walter Mehring; 16 Bände Franz Jung – besteht nicht Gefahr, dass ein Autor überediert wird, recte: begraben unter zu komplett angelegten Ausgaben?

So auch hier. Wir haben es zu tun mit einem faszinierenden Menschen, dessen Lebensentwurf Kunsthunger heißt und der schier unglaubliche Beobachtungen – oft kleine Essays – zur Kunst seiner Zeit dem Tagebuch anvertraut. Aber oft gelangt man zu diesen herrlichen Passagen nur durch eine Gasse von Stolpersteinen à la "Ball bei der Fürstin Anton Radziwill. Souper mit Marie Greindl. Cotillon mit der Comtesse Görtz". Ja, ich weiß wohl: Auch das ist eine Farbe auf der reichen Palette, das mondäne Leben der Jahrhundertwende war durchaus Teil des Lebens von Harry Graf Kessler. Nur sind Farbtupfer auf einer Palette eben kein Bild. Ich gebe, pars pro toto, ein Beispiel: Auf "Meier-Graefe im Café de la Paix getroffen" könnte ich verzichten; der Eintrag reicht über sich selber nicht hinaus. Aber gleich danach entwirft der spinöse Beobachter Kessler eine Szenerie, die nicht nur haften bleibt, sondern geradezu Kulturgeschichte schreibt:

"Nach dem Frühstück wegen des Pan bei Verlaine. Mit einiger Mühe seine Wohnung in einem ärmlichen Arbeiterhause der rue St Victor über vier nach Katzen, Kohl und trocknenden Proletarierwindeln riechenden Treppen entdeckt. Durch eine dunkle Vorkammer, in der der Geruchssinn Einen vermuten lässt, dass die warmen, wolligen an den Wänden hängenden Gegenstände, durch die man sich mühsam hindurchwindet, Unterröcke sind, tastet man sich zu der Thür des Einen Zimmers hin, das die ganze Wohnung des grössten lyrischen Dichters Frankreichs bildet. Ich klopfe an und trete ein. Es ist ein richtiges Arbeiterzimmer, niedrig, dunkel, dürftig eingerichtet: zwei oder drei Strohstühle, ein grosses Ehebett, das Bett Verlaines und seiner illegitimen Madame Verlaine, ein weisser Holztisch, der offenbar als Arbeits- Ess- und Küchentisch dient; an den Wänden vergilbte Photographieen und sentimentale Chromobilder – die Kunstgallerie der Madame. Ein grosser farbiger Präsident Faure, der an die Decke geklebt ist, macht es wie Cäsar im Hamlet ,Il bouche un trou‘. Im Bett liegt angezogen und mit Pantoffeln an den Füssen Verlaine. Er steht auch zunächst nicht auf. Der bizarre Sokrateskopf erhebt sich kaum aus den unordentlich verschlafenen Kissen."

Ein Bilderbogen – verführerisch, gleißnerisch, prunkend

Wie gut haben es meine Kollegen von der Theaterkritik – die können applaudieren. Das ist eine leicht lächerliche Vorstellung: Da sitzt jemand, liest und applaudiert – aber man möchte es, sehr oft. Ob über Ibsen oder die Fragwürdigkeit des demokratischen Prinzips, ob über der Menschen notwendige Sehnsucht nach einem Ideal oder über die Bigotterie des Premierenpublikums der Weber – dieser Mann ist sozusagen die Brüder Goncourt als Einzelperson. Er ist nicht nur ein brillanter Diarist, der auch keine Scheu vor Sottisen und Klatsch hat. Nicht ungerne gibt er Max Liebermanns Satz wieder: "Munch, wissen Se, det is ooch eener der besser jethan hätte Schuster zu werden." Kessler ist auch der Chronist einer ganzen Epoche und einer Gesellschaft, deren Teil er zwar ist, deren wenig später mörderisch werdende Verwerflichkeit er aber früh, nämlich schon 1894, erkennt:

"Die Gräfin Hohenau ist weniger schön wie chic; vor der Thür stand ihr kleiner Ponywagen, den sie selbst fährt. Die Schubin erzählt A. v. Werner habe ihr gesagt er müsse jetzt alle seine jüdischen Bekanntschaften aufgeben, da sonst keine Offiziere mehr zu ihm ins Haus kämen, was wegen seiner Töchter nicht angienge und andrerseits seien doch die Juden die Einzigen die noch was kauften."

Da dreht einer ein mächtiges Kaleidoskop, splitternd fallen immer neue Farbplatten zu immer neuen Bildern zusammen, verführerisch, abstoßend, gleißnerisch, prunkend in Banalität und schwarz glitzernd den Untergang einer Epoche vorwegnehmend. Denn ein Tagebuchschreiber ist immer auch Regisseur, ein arrangierendes Subjekt – einer seiner Kollegen des 20. Jahrhunderts, Witold Gombrowicz, begann das seine mit den drei Worten "Ich Ich Ich". Ob es klug war, mit dem Harry Graf Kessler aus gerade dieser Epoche zu beginnen – fast zwei Drittel des Bandes erzählen von seinen Reisen nach USA und Mexiko –, stelle ich anheim. Vieles, was damals und für ihn so unerhört war, so verwunderlich, fremd, neu und gänzlich ungewohnt, ist für den heutigen Leser von aufhaltsamer Anciennität, bekannt aus zahllosen Bildbänden, Filmen, Fotos. Verführerischer wäre wohl ein Band aus der großen Zeit des "Roten Grafen" gewesen. Da Verlag und Herausgeber sich für eine asynchrone Publikation entschieden haben – dieser zuerst erscheinende Band ist der Band zwei der Edition –, wäre es gewiss verlockender gewesen, den eleganten linken Grafen kennen zu lernen in seinem Berliner Salon oder seiner Weimarer Villa.

Doch genug der Beckmesserei. Wir alle, begierig wartend seit Jahren auf diese Edition, haben Grund zum Feiern. Schade, dass Sitte und Anstand es verbieten, Verlag und Herausgebern eine Kiste Champagner zu schicken. Verdient hätten sie es.